Schumann, Heine und der tiefe Graben zwischen ihnen

(c) Wiener Konzerthaus
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Christian Gerhaher und Gerold Huber demonstrierten die Kunst der musikalischen Intimität.

Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen – oder man kann Gedichte schreiben und Musik dazu machen, dann sagt sich sogar das Unsagbare; und das Schweigen beginnt zu tönen: Vielleicht ist es die edelste Aufgabe eines Liedinterpreten, seinem Publikum zu suggerieren, dass da noch manches zu sagen bliebe, worauf die Dichter sich keinen Reim machen wollten.

Solche Gedanken konnte sich ein Hörer machen, der Christian Gerhahers und Gerold Hubers Abend im Mozartsaal des Konzerthauses verfolgte. Schumann stand da auf dem Programm, und die selten gesungenen „Biblischen Lieder“ von Antonín Dvořák. Wobei gerade manche Vertonungen von Gedichten Heinrich Heines einen Deutungsspielraum offen lassen, der sogar angesichts der doch recht eindeutigen musikalischen Text-Exegese durch Robert Schumann fühlbar bleibt – was Gerhaher seinem Publikum, so es ihm aufmerksam lauscht, auf wunderbare Weise, weil ganz unaufdringlich nahebringt.

Hie und da wiederholt Schumann eine Phrase, als wollte er selbst über eine einmal gemacht Formulierung noch einmal nachdenken, er holt die Musik quasi „nach innen“ – um damit auch im Hörer entsprechende Saiten zum Schwingen zu bringen. Wer hier einfach dem Schöngesang frönt, scheitert, wenn auch vielleicht grandios und wohltönend, am Anspruch des Genres.

Gerhaher aber ist ein Liedersänger von edelstem Format: Er versteht es, Phrasen mittels minimaler Nuancierungen zu variieren, einen nachdenklichen Schleier über eine scheinbar affirmative Aussage zu legen – oder auch eine melodische Entwicklung ganz natürlich seinem Klavierpartner zu übergeben.

Das Lied, eine Sache für zwei

Nicht selten ist es ja der Pianist, den Schumann mit der Aufgabe betraut, den Kommentar zu einer Geschichte zu verfassen: Gerold Huber tut es mit der nötigen Behutsamkeit, die er durchwegs walten lässt. Soli gibt es nicht, auch ein „Klaviernachspiel“ gehört zum unteilbaren Ganzen dieser Miniaturkunstwerke – auch bei Dvořák, der in seiner amerikanischen Zeit, also auf dem Gipfel seiner Meisterschaft, in größter Schlichtheit Gesänge aus dem biblischen „Buch der Lieder“ auf Tschechisch vertont hat.

Ob Gerhaher auch in dieser Sprache so perfekt (und ohne Manierismen) artikuliert wie im Deutschen, müssen die Prager Kollegen beurteilen: Dem Sinngehalt der Texte, der tiefen Glaubensgewissheit, die hier aus Leid und Freude spricht, wird der Bariton von Ton zu Ton gerecht. Das bewegt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2016)

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