Einer der letzten Handschreiber in der Literatur ist Handke. Das Literaturhaus Wien zeigt, wie der Schriftsteller arbeitet.
Einer der letzten Handschreiber in der Literatur ist Handke. Niemals werde er einen Computer anrühren, hat er kürzlich in einem Interview mit dem Germanisten Klaus Kastberger beteuert. Und das ist schön für Handke-Liebhaber – buchstäblich schön. Anders nämlich, als es der Schreibende im Buch „Die Wiederholung“ von sich behauptet, hat Peter Handke eine ansprechende Handschrift, ohne Ecken und Kanten, ohne Höhen und Tiefen, harmonisch fließend und dabei doch Wort von Wort fein abgesetzt. Handke ist durch das Schreiben im Freien zum Bleistift gekommen – und man denkt sich: Wie kann man im Wald nur so schön schreiben?
Wie sorgsame Hieroglyphen
Die am Mittwoch eröffnete Handke-Ausstellung im Wiener Literaturhaus wird so zu einem ästhetischen Genuss, man kann die Manuskriptseiten aus dem Österreichischen Literaturarchiv wie sorgsame Hieroglyphen auf sich wirken lassen. Und dabei erahnen, wie Handkes Bücher der letzten drei Jahrzehnte entstanden sind – man schreibt und merkt gar nicht, dass man schreibt, charakterisiert Handke im oben erwähnten Interview das ideale Schreiben. Die Bleistiftmanuskripte sehen aus wie bedächtig diktiert, und auch wenn Handke Fahnen korrigiert, geht es soigniert zu. „Er macht zwar Einschübe, streicht aber nichts“, sagt eine der Kuratorinnen, Katharina Pektor. Nicht der kleinste Strich Empörung auch, nicht einmal bei den Worten „Gerechtigkeit für Serbien“.
Das Österreichische Literaturarchiv erwarb vor zwei Jahren – noch unter dem 2008 verstorbenen Wendelin Schmidt-Dengler – einen großen Teil des Handke-Vorlasses. Vom aufrührerischen Handke der „Publikumsbeschimpfung“ ist in der Schau auch deshalb wenig zu merken, weil er in den frühen Jahren noch nichts archiviert hat. Später, in den 80ern, als er mit seiner Tochter in Salzburg bei seinem einstigen Internatskollegen Hans Widrich lebte, schenkte er dem jede Menge „Abfallprodukte“ seiner Dichtung (im wahrsten Sinn des Wortes, Widrich durfte sogar Seiten aus dem Papierkorb klauben). Dieses Material ist seit Mai dieses Jahres ebenfalls in der Obhut des Literaturarchivs.
Auch Handke, der Fotograf, ist zu entdecken. Anfangs mit einer Polaroidkamera, hält Handke Orte fest, die in seinen Büchern vorkommen oder vorkommen sollen – da sieht man etwa das Hausboot aus seiner 2008 erschienenen Erzählung „Die morawische Nacht“, das bei Porodin, dem Heimatort eines serbischen Freundes, liegt. Und Handke fotografiert, immer und immer wieder, sich selbst. Unzählige Automatenfotos habe Handke auf seinen Reisen von sich gemacht, erzählt Pektor.
Arrogant, ein richtiger „Ölgötze“?
Zu guter Letzt begegnet man doch noch dem jungen Handke – allerdings nicht dem zornigen Rebellen, sondern einem höflichen 17-Jährigen, der dem Chefredakteur der Zeitschrift „Wort in der Zeit“, Rudolf Henz, eine Erzählung anbietet. Der konservative Schriftsteller lehnt ab – und verhindert später jahrelang, dass Peter Handke den Österreichischen Staatspreis erhält. Aus den ausgestellten Briefen wird ersichtlich, dass eine gute Portion gekränkte Eitelkeit mit im Spiel gewesen sein dürfte – Handke habe ihn nicht gegrüßt, heißt es da, er sei arrogant, ein richtiger „Ölgötze“.
Die Ausstellung „Manuskripte und Fotos aus fünf Jahrzehnten“ bietet eine illustrative Ergänzung zum soeben erschienenen Band „Peter Handke. Freiheit des Schreibens – Ordnung der Schrift“ – ein Einblick in erste Forschungsergebnisse des Literaturarchivs zum Handke-Vorlass. Interessiert sich der Autor selbst für diese wissenschaftliche Aufarbeitung? „Ja“, sagt Klaus Kastberger, Herausgeber des Bandes und Mitkurator der Schau. „Er lernt was draus. Zum Beispiel, dass nicht stimmt, was er gerne sagt, dass er nur noch mit Bleistift schreibt. Der Vorlass korrigiert seine eigenen Mythen.“
Literaturhaus (Seidengasse 13, Wien 7), bis 28.10., Mo, Mi: 9–17 Uhr, Do, Fr: 9–15 Uhr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2009)