Walter Heun, Leiter des Wiener Tanzquartiers, über seine Erlebnisse mit Flüchtlingen und Präsident Heinz Fischer, seine Zukunft und Bewusstseinsänderung durch Tanz.
Die Presse: Das ist Ihre letzte Saison als Tanzquartier-Intendant. Was dann?
Walter Heun: Mein Dienstverhältnis läuft bis 30. Juni 2017. Ich wusste, dass es in Wien eine Theaterreform geben wird und dass es nach acht Jahren vorbei ist. Insofern habe ich keine Trennungsschmerzen – nur, wenn ich an mein wunderbares Team denke. Ich persönlich werde die Arbeit bei meiner Produktions- und Veranstaltungsfirma Joint Adventures in München weitermachen – aber teilweise von Wien aus. Ich möchte hier weiterhin leben.
Was wird aus dem Tanzquartier?
Was die Politik aus diesem Haus macht, muss die Politik entscheiden. Mir ist aufgefallen, dass die neue Intendanz erst ab Jänner 2018 ausgeschrieben ist, da gibt es eine Lücke von einem halben Jahr. Ich habe dazu aber keine fundierten Informationen.
Derzeit läuft im TQW das „Out of b/order“-Festival mit Künstlern aus dem erweiterten arabischen Raum und Europa. Warum ist Ihnen das wichtig?
Ich bin mittlerweile 500-mal zwischen München und Wien hin- und hergependelt. Auch in der Zeit, als viele Flüchtlinge unterwegs waren und eine Fahrt bis zu sieben Stunden gedauert hat. Als Freilassing quasi die Schengen-Außengrenze war, musste man dort umsteigen. Die Touristen haben einander die Treppe runtergeschubst, als ob sie auf der Flucht wären, während die Flüchtlinge sich recht zivilisiert benommen haben. Ich habe da sehr nette Menschen kennengelernt, die mir gezeigt haben, wie mein Computer funktioniert – und ich habe ihnen dafür erklärt, wo der Bus nach Berlin abfährt. In der Öffentlichkeit war oft von Wirtschaftsflüchtlingen die Rede – ich denke aber, das sind Menschen in Not. Und wir sind an dieser Not nicht unbeteiligt.
Was kann das TQW da beitragen?
Das „Out of b/order“-Festival ist eine Art Zusammenfassung der Arbeit, die wir seit acht Jahren machen – mit Künstlern, die aus verschiedenen Kulturkreisen informiert sind. Weil wir die Dichotomie zwischen dem Eigenen und dem Fremden, von der immer die Rede ist, nicht nachvollziehen können. Warum diese Angst vor dem Fremden? Ich hatte da ein schönes Erlebnis in Beirut: Omar Rajeh, der auch beim Festival dabei ist, hat eine Plattform arabischen Tanzes organisiert mit Künstlern aus dem Libanon, Palästina, dem Iran – am Ende waren Leute aus über 50 Nationen da, haben musiziert und getanzt. Ich habe mir dabei gedacht: Wo ist denn eigentlich das Problem? Die Furcht vor dem Fremden entsteht meist aus Unkenntnis. Man lebt in seiner Community, chattet mit Menschen, die dieselbe Meinung teilen. Man wird kaum mit Andersdenkenden konfrontiert. Es gibt kaum mehr journalistische Filter. Und in der Politik zählen nicht mehr Fakten, sondern Behauptungen – siehe Brexit oder die Wahl von Donald Trump.
Wie kann die Kunst, wie kann eine Einrichtung wie das Tazquartier da gegensteuern?
Das ist schwierig. Wir haben keinen so großen Lautsprecher wie die anderen. Deshalb beschäftigen wir uns auch nicht mit tagespolitischen Fragen, sondern mit prinzipiellen Fragen des Zusammenlebens. Eines meiner schönsten Erlebnisse war die Einladung von Bundespräsident Heinz Fischer, „De Sacre!“ von Christine Gaigg in der Josefskapelle in der Hofburg zu zeigen – ein Stück über die Parallelen von Strawinskys „Le sacre du printemps“ und der Protestaktion von Pussy Riot in der Moskauer Erlöserkathedrale. Am Ende gab's Standing Ovations von Fischer und ein spontanes Statement – da hatte ich das Gefühl, eine politische Bewusstseinsveränderung durch Kunst ist möglich.
Viele gehen nicht zu Tanzperformances, weil sie sagen: Das verstehe ich nicht.
Das ist schon okay, wenn man es nicht versteht. Bei der Auseinandersetzung mit Tanz geht es ja viel weniger um Verstehen als um die Resonanz, die entsteht. Tanz wirkt subkutan, ist eine Gesamterfahrung, kann Denkprozesse und die Menschen verändern.
Was haben Sie bis Juni noch vor?
Wir feiern das 15-jährige TQW-Jubiläum von Ende Jänner bis Mitte April mit einer Art Jubiläumsfestival – mit Künstlern, die uns in den Jahren begleitet haben, wie Boris Charmatz, Philipp Gehmacher, Liquidloft und Nadaproductions. Eröffnen wird Alain Platel mit „Nicht schlafen“ im Volkstheater. Und dann will ich noch einmal Feedback machen, also international auf die in Österreich lebenden Künstler aufmerksam machen. Wenn später bei einer Gastspieleinladung noch eine Resterinnerung an Walter Heun da ist, dann würde mich das freuen.
Das „Out of b/order“ Festival läuft noch heute, 19. 11., im Tanzquartier (www.tqw.at).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2016)