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Kaltnadel, Heißherz, Hocherotik

Zwei feine Bände zum 80. Geburtstag des Südtiroler Radierers Markus Vallazza.

Es waren Dürer-Kupferstiche, ausgestellt in der Uffiziengalerie in Florenz, die Markus Vallazza in denfrühen 1970er-Jahren den zentralen Anstoß gaben: Er begriff, dass Radierungen mehr gelesen als betrachtet werden wollten, und erkor die Kaltnadelradierung zur Königsdisziplin. Denn schon damals war es vor allem das Narrative im Bildkünstlerischen, das ihn anzog. Seither hat er viele Texte der Weltliteratur – von Horaz, Ovid, Villon, Oswald von Wolkenstein, Kafka, Kleist, Genet, Poe, Rimbaud und Kraus bis hin zu zeitgenössischen Autoren wie H. C. Artmann und
Friederike Mayröcker – in Bilder umgesetzt. Sein Hauptwerk ist der dreiteilige Radierzyklus zu Dantes „Divina Commedia“, dem er fast ein Jahrzehnt seines Schaffens gewidmet hat, sein letztes großes Mappenwerk hat er vor zehn Jahren vorgelegt: den „Don Quijote“ nach Miguel de Cervantes.

Obwohl von den Texten inspiriert, ist Vallazza nicht Illustrator im engeren Sinn, er ist vielmehr ein Erzähler in Bildern: poetisch und teilweise rebellisch, handwerklich überaus präzise und doch hochemotional. Mit kraftvoller Geste und psychologischem Gespür erzählt er seine Version der „menschlichen Komödie“, wobei das Ungezügelte und Sinnliche ebenso aufwühlen wie die Darstellung von Begehren in all seinen Schattierungen. Obwohl dieses Werk, wie Günther Oberhollenzer es formuliert, „wie aus der Zeit gefallen“ scheint, obwohl es „nicht in die Kunstströmungen und -auffassungen der vergangenen Jahrzehnte“ passt, hat es doch stets Bewunderung erregt und erlangt auch jetzt, zum 80. Geburtstag des Künstlers, die verdiente öffentliche Aufmerksamkeit.

Vor Jahren schon hat der Folio Verlag in einer großen zweibändigen Ausgabe Vallazzas Radierwerk vollständig herausgebracht. Zeitgerecht zur Retrospektive im Museum Kunst Meran erscheint jetzt das von Ausstellungskurator Günther Oberhollenzer herausgegebene Buch „Markus Vallazza. Der Weltenzeichner“, das einen Querschnitt nicht nur der Radierungen, sondern auch der Malereien und Zeichnungen zeigt. Denn die Radierung ist bei Vallazza jeweils „nur“ das Konzentrat einer langen und intensiven Beschäftigung in den unterschiedlichen bildkünstlerischen Techniken. Oberhollenzer gliedert Vallazzas Werk in Gruppen, er spürt den Schwerpunktsetzungen und feinen Akzentuierungen nach und fächert so die vielen Welten dieses Künstlers auf, nicht ohne auch auf das Netz der Kontexte und Bezüge hinzuweisen. Wer Vallazzas Arbeiten kennt, fühlt sich zu nachdenklicher Rekapitulation aufgefordert, wer den Künstler erst entdeckt, wird dazu angeregt, mehr sehen zu wollen. In seinen beiden Mappenwerken „Mein Parnass I, II“ hat Vallazza kongenial die Porträts vieler Wegbegleiter radiert, in „Der Weltenzeichner“ melden sich nun Bekannte und Begleiter in kurzen Essays und literarischen Texten zu Wort. Es ist damit ein persönliches Buch entstanden, das sich vor dem Künstler ebenso wie vor dem Freund verneigt.

Nach 15 Jahren wieder aufgelegt wurde auch eine künstlerisch-literarische Köstlichkeit: der feine Band „Erotika“ mit Zeichnungen von Vallazza und Texten von H. C. Artmann zu Casanova, dem Verführungskünstler. Betont wird damit ein Aspekt, das Leiblich-Erotische, dem Vallazza stets zugeneigt war. Zugleich wird seine humorvolle Seite gezeigt, die ihn übrigens mit Artmann verbindet. Im für die Neuauflage verfassten Vorwort streicht Jochen Jung den heiteren Witz hervor, der über diesen doch recht freizügigen Bildern liegt und sie in eine luftige, keineswegs schwüle Ausschweifung verwandelt. Diese amourösen Verspieltheiten, begleitet von wunderbar krausen Zeilen des unvergesslichen H. C., sollte man sich bald auf das Nachtkästchen legen. ■

Günther Oberhollenzer (Hrsg.)

Markus Vallazza – Der Weltenzeichner

208 S., geb., € 30 (Folio Verlag, Wien/Bozen)

Markus Vallazza, H. C. Artmann

Erotika

Zeichnungen und Texte zu Casanova.
228 S. mit Abb., geb., € 24,90 (Edition Raetia, Bozen)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2016)