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Schnellauswahl

Angenervt und leidensfähig Schreiben über Trump

Neue Welt. Dass „Die Presse“ einen Sieg Hillary Clintons gut gefunden hätte, war zu lesen. Der Realität verweigerte sich die Zeitung nicht.

Im Endspurt bis zur amerikanischen Schicksalswahl ahnen „Presse“-Leser bereits, was viele nach dem Wahltag als Unheil erachten werden: In neuesten Umfragen der „Washington Post“ und ABC News liegt Trump um einen Punkt vorn (3. 11.) Und noch bedenklicher: In den Schlüsselstaaten Florida und North Carolina haben die schwarzen Wähler nur mäßig an Frühwahlen teilgenommen. Ihre Stimmen würden Clinton fehlen. Verlöre Clinton in beiden Staaten, stünde die Sache „auf Messers Schneide“ (5. 11.).
Aber die Hoffnung lebt und bricht sich noch einen Tag vor der Wahl in der „Presse“ Bahn: „Hillary Clinton hat angesichts ihres Vorsprungs in den meisten Umfragen und vor allem wegen des guten Abschneidens bei Frühwählern die wesentlich größeren Chancen als Donald Trump“ (7. 11.). Spitz auf Knopf, Kopf an Kopf. „Die Presse am Sonntag“ erinnert uns Europäer mit Schaudern daran, wie Trump im Vorwahlkampf seine Idee von einer Mauer an der Grenze zu Mexiko „in die Welt ätzte“ (30. 10.).

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Ein Großereignis wie die amerikanische Präsidentschaftswahl ist für die Journalisten nicht nur eine Hetzjagd durch den Umfragendschungel und die täglichen Moritaten aus den Nachrichtennetzen, sondern die Chance für Überblicksgeschichten und seriöse Analysen, von denen etliche perfekt gelingen. Die dreiseitige Reportage über „Amerikanische Spuren in Wien“ (30. 10.) muss man gelesen haben, und der Wirtschaftsausblick nach geschlagener Wahl unter dem Titel „Donald Trumps Pläne für Fed, Dollar und Geldsystem“ (12. 11.) gibt Orientierung in der neuen Ära. Beim Hobeln fallen Späne, im einen Fall in Gestalt der bedenklichen Wortschöpfung, Karl Kraus sei von Mark Twains Anwesenheit in Wien „angenervt“ gewesen. Im anderen durch die düstere Aussicht, dass während der Präsidentschaft Trump eine österreichische Zeitung überhaupt nur noch mit Anglizismen um sich werfen werde. Schon heißt eine gefährliche Finanzblase „Bubble“.
Es könnte auch sein, dass Trumps furchiges Antlitz zu noch mehr schiefen Formulierungen führt wie der folgenden: „Der lächerlich gemachte Trump wand sich im Auditorium auf seinem Sessel und verzog keine Grimasse“ (10. 11.). Ein Gesicht kann sich zur Grimasse verziehen; sobald das geschehen ist, brauchte sich Trump nicht weiter darum zu bemühen.

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Auch außerhalb des anglo-amerikanischen Sprachraums sind Auffälligkeiten zu vermerken. „Das ist gut so, weil man muss sagen: Mit der Geografie hatte es das Kind bisher nicht so“, steht da (22. 10.). Formulierungen wie „weil man muss sagen“ häufen sich in der „Presse“ und zwingen zur Höhlenforschung im „Grammatik-Duden“. Sogenannte Subjunktionen wie „weil“, „während“, „obwohl“ verbinden einen Hauptsatz mit einem Nebensatz, wobei das Zeitwort am Ende des Nebensatzes steht. Als schriftsprachlicher Nebensatz hieße es also „weil man sagen muss“. Umgangssprachlich rückt das Verb aber immer öfter in die Zweitstellung vor („weil man muss sagen“), wofür der „Duden“ mit einem Beispiel aufwartet: „Ich kann dir kein Geld leihen, weil greif einem nackten Mann in die Tasche.“
Jetzt wird man sich nicht grundsätzlich dagegen sperren, dass in einer Zeitung ab und zu umgangssprachliche Wendungen einfließen. Wird das jedoch zur wiederholten Übung, so müsste man fragen, ob „Die Presse“ als traditionelle Pflegerin der Schriftsprache sich neuerdings und vielleicht im Ritt auf der jugendsprachlichen Welle einem geschriebenen Umgangston hingibt.
Dann lautete freilich die Folgefrage: Würde das in dem erwähnten Artikel angesprochene Kind im späteren jugendlichen Alter, falls er/sie regelmäßig „Die Presse“ lesen sollte, noch den „hochdeutschen“ Standard erreichen?

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Es gibt banalere Probleme, so die bekannte Regel, dass „kosten“ ein Akkusativobjekt verlangt. Noch immer und schon wieder landen Redakteure fälschlich beim Dativ: Kryptowährungen könnten den Währungshütern eines Tages den Job kosten (15. 10). Der New Yorker Bürgermeisterkandidat verschickte anzügliche Fotos, „was ihm seine politische Karriere gekostet hat“ (30. 10.).
Polen und Tschechien seien zu „Leittragenden“ des Transports von Billigstrom aus Norddeutschland nach Österreich geworden (26. 10.). Sollte jemand bei Beschäftigung mit Stromleitungen vergessen haben, wie man „leiden“ schreibt?
Einem Fotografen kämen nicht nur Katzen, sondern auch „Bodybuilder oder Schuhblattler“ vor das Objektiv. (11. 11.) Bodybuilder ist korrekt.
Beim Deklinieren erweisen sich Südkoreas Präsidentin und deren Freundin stark resistent (5. 11.) Die Präsidentin habe sich „in schwierige Zeiten“ an ihre Freundin gewandt. Die Freundin soll „in Regierungsgeschäfte mitgemischt“ haben. Obskure Seilschaften reichen weit in die Zeiten von Parks Vater, „dem autoritäre Staatschef“, zurück. Man merkt: Südkorea geht es derzeit nicht gut.
Im Immobilienteil dürften Hochhäuser Ritterrüstungen tragen, denn: „Das SkyHabitat genannte Projekt ist eines von fünf Gebäuden, die im Finale um den Internationalen Hochhaus-Preis 2016 rittern.“ (22. 10.) Der aus dem Mittelalter stammende Begriff stirbt nicht aus und muss fast überall herhalten.

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Die Bawag-Gebührenänderung erwecke den Eindruck, dass das angebotene Kontomodell sogar günstiger wäre, obwohl sich die Kontokosten tatsächlich um ein Vielfaches erhöhten, soll Sozialminister Alois Stöger gesagt haben. So kann es jedoch beim Blick auf beigefügte Berechnungen der Arbeiterkammer nicht stimmen. Denn die Erhöhung des günstigsten Bawag-Kontos von 88 auf knapp 150 Euro erzeugt kein „Vielfaches“. (12. 11.)

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Welches Bild haben manche Journalisten von ihren Lesern? Sie glauben zum Beispiel, dass diese durch die Überschrift „Wir brauchen mehr Geeks in dieser Welt“ den dazugehörigen Artikel gierig verschlingen würden (14. 11.) Man sollte die Titelmacher zu einer Umfrage unter zufällig vorbeikommenden Passanten zwingen, ob diese wüssten, was „Geeks“ sind.
Zwei wissen es sicher: Die Interviewerin und der Interviewte. Denn sie reden zwei Fragen und zwei Antworten lang über Geeks. In einem gewöhnlichen Englisch-Wörterbuch und im „Fremdwörter-Duden“ steht das Wort nicht. Wikipedia weiß viel darüber, ich weigere mich aber, „Presse“-Leser zum Verstehen der „Presse“ auf Wikipedia zu verweisen, sondern sage nur: Schade, der interviewte junge Mann steckt viel Geld in unternehmensfreudige und ideenreiche junge Menschen – und geht dabei nicht einmal pleite.
Schon deshalb hätte das Interview einen sachlichen und treffenden Titel verdient. Wahrscheinlich hätten dann weit mehr Leser auch weitergelesen.

DER AUTOR

Dr. Engelbert Washietl ist freier Journalist, Mitbegründer und Sprecher der „Initiative Qualität im Journalismus“ (IQ). Die Spiegelschrift erscheint ohne Einflussnahme der Redaktion in ausschließlicher Verantwortung des Autors. Er ist für Hinweise dankbar unter:

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