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Ein Kämpfer gegen die Banalität

ARCHIVBILD. HERIBERT SASSE
Deutsche Gründlichkeit erwarb er, Wiener Schmäh hatte er: Heribert Sasse (1945 − 2016).APA/HERBERT PFARRHOFER
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Ein kantiger Charakter und ein großer Charakterdarsteller: Heribert Sasse, ehemaliger Intendant, seit 2006 am Theater in der Josefstadt engagiert, starb mit 71 Jahren.

Mittwoch hätte er wieder Vorstellung gehabt. „Tief betroffen und bestürzt“ reagierte das Theater in der Josefstadt auf das plötzliche Ableben von Heribert Sasse. Seine letzte Rolle war der Patriarch und Stahlindustrielle Essenbeck in der grandiosen Bühnenfassung von Viscontis Film „Die Verdammten“ über Korruption und Niedergang einer Dynastie. Sasse verstand sich auf Persönlichkeiten dieser Art, die noch im Angesicht des Abgrunds kämpfen wie der sprichwörtliche Löwe. Fast mehr als Essenbeck, der erbarmungslose Oldie, der seine Familie tyrannisiert, beeindruckte allerdings dessen Demenz. Sasse schien diese Krankheit studiert zu haben. Und man konnte deutlich spüren, dass er wie jeder nichts weniger wollte, als so enden. Nein, er blieb vital, energisch, sarkastisch und abgründig humorvoll bis zuletzt. Sein Herz war schon lange schwach. In seinen Auftritten spielte der Tod oder das Tödliche oft mit.


Schonungsloser Blick auf die Welt. Norbert Mayer hat eines der letzten Interviews mit Sasse geführt: Darin verglich dieser „Die Verdammten“ kühn mit dem „Denver-Clan“, aber auch mit Shakespeares „Lear“. Und zur Politik meinte Sasse: „Offensichtlich gibt es einen Rechtsruck in ganz Europa. Auffällig ist die Aufgabe von Integrität und Moral. Ausgerechnet die Dicksten in der Regierung, in ihren edlen Maßanzügen, reden davon, dass man den Gürtel enger schnallen müsse.“ Da war die Wahl in Amerika noch nicht geschlagen. Sasse war nicht nur ein Schauspieler, er war ein scharfer Beobachter und Kommentator. Er kannte sich aus, nicht nur in der Theaterwelt.

Geboren wurde der Künstler 1945 in Linz. Er begann zunächst ein Musikstudium, wandte sich erst später der Schauspielerei zu. Den Grund dafür hat er, ebenfalls im Interview mit Norbert Mayer, in den „Letzten Fragen“ in der „Presse am Sonntag“ erklärt. Sasse: „Am Anfang stand ein Rauswurf. Ich musste das Reinhardt-Seminar wegen Disziplinlosigkeit nach drei Monaten verlassen. Ich fand es nämlich nicht besonders prickelnd, der Persönlichkeit des Lehrers nachzueifern, wie das damals üblich wahr. Wenn ich unterrichte, kann ich es nicht leiden, dass da oben lauter Sasses stehen.“


Allerlei Karrierehürden. Als junger Mann musste er einige Hindernisse überwinden. Die Eltern bekämpften seinen Berufswunsch. Sasse litt an einer Schilddrüsenkrankheit. Die Besetzungschefin einer großen Filmfirma sagte zu ihm: „Mit ihrem Aussehen geht das gar nicht. Sie werden doch nicht ernsthaft glauben, dass man damit Karriere macht.“ Und er tat es doch. Und wie! Sasse hat 120 Stücke inszeniert und etwa 60 Rollen gespielt. Mit Brechts „Arturo Ui“ brachte er es auf 300, mit dem „Herrn Karl“ auf 200 Vorstellungen. Er war keiner, der sein Licht unter den Scheffel stellte, umso erstaunlicher ist, dass er sich seit 2006/2007 in ein vornehmes Ensemble wie das in der Josefstadt einfügte. Er spielte dort unter anderem in der Brecht-Uraufführung „Die Judith von Shimoda“ und inszenierte die Komödie „Mich hätten sie sehen sollen“.

Sasse beeindruckte speziell als Bankier Natter in Schnitzlers „Das weite Land“, ein Mann der Hochfinanz, der alles im Griff hat, außer seiner Frau, die er tief liebt und die ihn mit dem Fabrikanten Hofreiter betrügt. Sasse spielte auch den uralten Stutzer in Horváths „Niemand“. Diese Figur hatte etwas unheimlich schwebend Entrücktes in ihrer Mischung aus Wissen, Resignation und Sehnsucht. Sasse war stets ein Kämpfer gegen die Banalität und Routine des Bühnenwesens. Er kannte es von der Pike auf. Er hatte eine Lehre als Elektrotechniker absolviert, seine ersten Kontakte mit der Kunst waren als Beleuchter, Inspizient und Regieassistent am Volkstheater sowie im Kellertheater in München. „Mein erster Satz im Volkstheater bei Direktor Gustav Manker war: ,Ist das nicht das Lokal, in dem der Mord geschah?‘“, erzählte er später. Ein Glück: Wolfgang Bauer, damals als bedeutender Avantgardist gefeiert, gefiel Sasses Inszenierung von „Magic Afternoon“.


Goberts Nachfolger. Ab 1976 inszenierte Sasse in der Josefstadt, am Volkstheater, an der Freien Volksbühne in Berlin und bei den Salzburger Festspielen. 1980 wurde er Intendant des Berliner Renaissance-Theaters. Von 1985 bis 1990 leitete er als Generalintendant die Staatlichen Schauspielbühnen Berlin. Dort folgte er keinem Geringeren als dem begnadeten Theatermann Boy Gobert, der zu zart war für die knallharte Berliner Kritik. Gobert hätte das Wiener Theater in der Josefstadt übernehmen sollen. Doch er starb. Die Berliner Staatlichen Schauspielbühnen, die Sasse führte, waren eine harte Nuss. Sie zehrten von einer großen Vergangenheit. Sasse förderte damals Aufstrebende wie Eberhard Witt, Nikolaus Bachler oder Matthias Hartmann. 1993 wurde das Schillertheater „abgewickelt“ und geschlossen, ein Schock, der die deutschsprachige Bühnenlandschaft und ihre Verantwortlichen bis heute geprägt hat. Sasse übernahm das ehemalige kleine Haus, das Schlosspark-Theater und leitete es bis 2002. Es zog ihn nach Wien zurück.

Hier startete er unter anderem mit „Mister Rosa“ von Barbara Frischmuth am Volkstheater. Es geht um einen ebenso verzweifelten wie nervigen Hausmann. Das Theater war sein Zuhause. Sasse spielte aber auch oft in vielen Filmen: „Tatort“, „Mutters Courage“ (George Tabori/Michael Verhoeven), „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ (Regie: Oskar Roehler) und zuletzt in „Deckname Holec“ (Franz Novotnys Zilk-Film). Ferner unterrichtete Sasse am Mozarteum und in Berlin. Wer ihn traf, dem fiel zuerst sein energetisches Wesen auf, dann seine Beredsamkeit und sein in Deutschland erworbenes Pokerface. Und doch hatte er auch etwas sehr Wienerisches, Schmäh, Raffinesse und Undurchschaubarkeit.

Zur Person

Heribert Sasse: Geboren am 28. September 1945 in Linz, wuchs in Wien auf, studierte Musik.

Volkstheater ab 1969:Er arbeitet als Beleuchter, spielt kleine Rollen, inszeniert. Er tritt in München, Berlin, Düsseldorf auf.

1976. Ausbau der Regielaufbahn. Von 1985 bis 1990 ist Sasse Intendant der Berliner Staatlichen Schauspielbühnen (Schillertheater), die 1993 geschlossen wurden, aber bis heute in Betrieb sind.

Ab 2006: Sasse spielt wichtige Rollen in der Josefstadt in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2016)