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Wann ist denn der Punk zerbrochen? Oder lebt er?

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Wenn Punk die Reformation des Rock war, dann war Hardcore der Puritanismus – mit der dauernden Angst, die Ideale zu verraten. Aber was ist mit Nirvana? Und was mit Green Day?

„Punk's not dead“, den Spruch liest man seit Jahrzehnten auf Betonmauern. Als Refrain eines gleichnamigen Songs (absichtlich unkorrekt ohne Apostroph geschrieben) verwendete ihn 1981 die britische Punkband Exploited – und gesellte sich damit zu all den Rockern, die je lautstark behaupteten, dass Rock entgegen allen Unkenrufen nicht tot sei. „Rock is dead, they say“, riefen The Who etwa 1972, „long live rock!“

Ist Punk also tot? Und wenn ja, seit wann? „The Year Punk Broke“, hieß 1991 ein Film über die gleichnamige Tournee der New Yorker Band Sonic Youth; darin kommt auch eine Band aus Seattle vor, die damals gerade noch nicht weltberühmt war: Nirvana kurz vor Erscheinen ihres Albums „Nevermind“, das die populäre Rockmusik um ein neues Image bereichern sollte: der Verlierer aus der (amerikanischen) Provinz, betrogen und verkauft, „stupid and contagious“, wie's in „Smells Like Teen Spirit“ heißt, der Unterhaltungsindustrie ausgeliefert, was immer er auch tun mag. Wenn er nichts tut, auch.

Indie-Ideologie. War das (noch) Punk? Ja und nein. Was Nirvana und – gern unter „Grunge“ subsumierte – Konsorten taten, war, dass sie dem Punk die Aufbruchsstimmung und Wachheit nahmen und durch Lethargie und Müdigkeit ersetzten. Musikalisch ging das durch Verschmelzung mit einem anderen Genre: dem Metal in seinen zahlreichen Spielarten. Doch Kurt Cobain und Gleichgesinnte waren fest davon überzeugt, in der Tradition des Punk zu stehen, die für sie vor allem eines bedeutete: anders zu sein. Anders als die brutale, unsensible Provinz, auch anders als der Mainstream-Rock, der damals z. B. in Gestalt von Guns N' Roses und Bon Jovi sein ödes Antlitz zeigte, vermarktet von den großen Plattenfirmen („major companies“), die damals noch als Feindbilder der Szene dienen konnten, die sich „alternative“ oder „independent“ (kurz: „indie“) nannte.

Dass Nirvana 1991 bei einer großen Plattenfirma landeten – das wurde damals tatsächlich von vielen Indie-Ideologen als Verrat gesehen, als Zeichen eben dafür, dass der Punk – respektive seine Ideale – zerbrochen war. Diese Ideale hatten sich kurz davor, in den späten Achtzigerjahren, noch einmal in der Hardcore-Punk-Bewegung verfestigt: Bands wie Nomeansno oder Fugazi predigten Widerstand durch Askese, durch Verzicht auf die Verlockungen nicht nur des Kommerzes, sondern auch des Alkohols, der Drogen, des Fleisches. Wenn Punk immer etwas Reformatorisches hatte und hat – in dieser „Straight Edge“ genannten Bewegung wurde er puritanisch.

Es gibt sie bis heute, die Hardcore-Punk-Gemeinden, und am leichtesten kann man sich bei ihnen unbeliebt machen, wenn man die Bands lobt, die mit Punk seit der Mitte der Neunzigerjahre großen Erfolg haben: Green Day und The Offspring vor allem. Beide scheinen in Form (kurze Haare, kurze Songs) und Inhalt (Abneigung gegen den „American Idiot“, gegen eine Arbeitswelt, in der die „kids“ nicht „allright“ sein können) völlig korrekt im Sinne der Regeln des Punk; an ihnen passt nur eines nicht: dass sie so erfolgreich sind. Das ist oft der letzte, eigentlich traurige Rest der Punk-Ideologie: die Abneigung gegen jeden Massengeschmack.

Natürlich auch – und hier nicht unverständlich – gegen den sogenannten Fun-Punk, den vor allem deutsche Bands wie Die Toten Hosen und Die Ärzte prägten. Aber auch die Goldenen Zitronen, die inzwischen längst zu einer schroffen Form des Diskurs-Punk gefunden haben. Als sie noch betont spaßig waren, hatten sie einen Hit mit „Für immer Punk“ (1987), in dem sie „If The Kids Are United“, die alte, naive Hymne von Sham 69 aus dem Jahr 1978, zitierten und fragten: „Willst du wirklich immer Hippie bleiben?“ Das war natürlich rhetorisch gemeint. TK

CHronik

6. 11. 1975: Erster Auftritt der Sex Pistols – am Saint Martins College, wo Bassist Glen Matlock studierte.

23. 4. 1976: Das erste Album der Ramones, die als erste US-Punk-Band gelten.

4. 7. 1976: Erstes Konzert von The Clash – im Vorprogramm der Sex Pistols.

22. 10. 1976: Die erste britische Punk-Single erscheint: „New Rose“ von The Damned.

26. 11. 1976: „Anarchy in the U. K.“.

18. 3. 1977: „White Riot“, die erste Single der Clash.

27. 5. 1977: „God Save the Queen“, zweite Sex-Pistols-Single.

1. 7. 1977: „Pretty Vacant“, dritte Sex-Pistols-Single. Auf der B-Seite: eine Coverversion von „No Fun“ von Iggy Pop & The Stooges.

16. 9. 1977: Talking Heads veröffentlichen ihr erstes Album namens „77“.

2. 10. 1977: Erstes Punk-Konzert in Österreich: The Clash im Porrhaus der TU Wien.

14. 1. 1978: Letztes Konzert der US-Tour der Sex Pistols im Winterland, San Francisco. Danach Auflösung der Band.1996 kam es zu einer Reunion.

12. 2. 1978: Chuzpe, die erste Punkband Österreichs, spielen im Vorprogramm von Blondie im Wiener Kongresshaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2016)

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