Anna Veith steht nach ihrer schweren Knieverletzung vor der Rückkehr in den Skiweltcup. Ein Gespräch über Speed, Träume, Schmerzen, Kindheitserinnerungen, Idole – das erste Herzklopfen.
Sie haben erst Ihre schwere Knieverletzung überwunden, schon fällt mit Eva-Maria Brem die nächste ÖSV-Fahrerin verletzt aus. Schmerzen sind Wegegleiter im Sport, kann man den Umgang damit wirklich lernen?
Anna Veith: Natürlich geht man im Sport immer an seine Grenzen, manchmal darüber hinaus. Aber eine schwere Verletzung ist dann schon ganz etwas anderes. Ich habe versucht, die Schmerzen zu vergessen, man kann aber Verletzungen nicht mit anderen vergleichen. Es war aber ein Schock für mich und auch für Manuel, wir sind ja mit Eva-Maria sehr gut befreundet, haben uns in diese Situation hineinversetzen können. Es schmerzt, wenn das auf dem Höhepunkt der Karriere passiert.
Was überfällt einen zuerst: der Schock, die Angst um die Gesundheit oder womöglich der Zorn, einen Fehler gemacht zu haben?
Eva-Maria denkt sich sicher: Nicht schon wieder, sie war ja schon verletzt. Bei mir war es einfach nur ein Schock. Dann kamen all die Gedanken, über die Zeit, in der du nicht Ski fahren kannst. Du rätselt über die Gründe. Und wenn du die Diagnose erfährst, fängst du an, darüber nachzudenken. Du versuchst nicht unterzugehen.
Im Leistungssport ist das Videostudium ein probates Mittel, um Fehler und Gegner zu analysieren. Es soll aber auch bei schweren Stürzen als Hilfe dienen, das Erlebte zu begreifen. Haben Sie Ihren Sturz gesehen?
Ich habe mir den Sturz angeschaut, ja. Sicher zehn-, 15-mal. Ich habe Fehlersuche betrieben, obwohl ich dabei emotional sehr angeschlagen war. Ich musste aber einen Monat vergehen lassen, ehe ich mir das Video erstmals anschauen konnte. Es nimmt mich noch immer mit, es durchdringt mich, wenn ich mir das Video anschaue.
Die Frage drängt sich nun auf: Sölden haben Sie ausgelassen, auch in Amerika fahren Sie nicht. Wann fahren Sie wieder im Weltcup?
Es ist schwierig abzuschätzen, wann ich wieder fahre. Es war jedenfalls richtig, auf Sölden zu verzichten. Ich merke schon einen Schritt vorwärts, der Muskelaufbau ist gut. Aber auch für die Amerika-Rennen ist es noch zu früh. Vielleicht schaffe ich es im Dezember, vielleicht erst vor der WM in St. Moritz – die ist mein großes Ziel. Ich glaube aber an mein Comeback!
Wie war es denn, nach so langer Zeit das erste Mal wieder auf Ski zu stehen? Das verlernt man nicht, ist es wie Radfahren?
Das erste Mal wieder auf Ski war ein Moment, den ich nie vergessen werde. Das ist darum auch eine meiner Lieblingspassagen in meinem Buch „Zwischenzeit“, weil es so emotional war. Obwohl mich auf dem Anfängerhang selbst Touristen überholt haben, hatte ich ein breites Grinsen im Gesicht. Es war mein großer, sehnlicher Wunsch, es einfach nur zu tun. Ich hatte mich eingesperrt gefühlt ohne das Skifahren. Es war eine Befreiung für mich. Aber das Knie braucht den richtigen Druck, die Heilung der Patellarsehne geht nicht so schnell. Das erste Mal hatte ich aber richtig Herzklopfen.
Können Sie noch so gut Ski fahren?
Ob ich noch so fahren kann wie früher? Ich weiß es nicht. Ich muss meine Grenzen wieder finden. Die Stärken, die ich als Anna Fenninger hatte, dann kann ich die Frage erst beantworten.
Welche Ziele haben Sie sich gesteckt, Sie haben in Wahrheit bereits alles gewonnen, was Skifahren offeriert. Was treibt Sie an?
Es ist kein Neuanfang. Es wird jetzt sicherlich intensiver, des Wissens wegen. Mich treibt der Wunsch nach Erlebnissen an. Du arbeitst so viel für ein Rennen, du fühlst es, stellst dich Herausforderungen – und überwindest sie. Ich bringe meine Leistung, das ist mein Weg. Ich kann alles, will alles – ich will einfach nur wieder Ski fahren.
Bei all den Siegen, Großereignissen und Medaillenfeiern: Was war denn das prägendste Erlebnis für Sie?
Da bleibt so vieles zurück. Das haben wir auch versucht, in meinem Buch festzuhalten. Die verschiedenen Orte, Rennen, Menschen und Begegnungen. Bei der WM in Garmisch 2011 motivierte mich die Frage eines Journalisten in der Kombination. Er fragte: ,Wie viel Vorsprung brauchst du denn nach der Abfahrt?‘ Der wusste doch nicht, wie gut ich Slalom fahren kann. Das war der Grundstein meiner Goldmedaille. Ich wollte mich unbedingt beweisen, unbedingt. Das ist so stark verankert in meiner Erinnerung. Oder der Olympia-Sieg, das war ein taktisches Rennen, hat alles geklappt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich Gold gewinne. Und nach dem Abschwingen war ich so weit vorn. Verrückt.
Welchen Stellenwert nimmt der Faktor Zeit in Ihrem Leben ein? Im Rennen ist die Uhr der einzige Gegner, aber abseits der Pisten?
Die Zeit ist im Rennen unser Gradmesser. Sie ist ehrlich, du schwingst ab und da ist die Platzierung, du bringst deine Leistung mit deiner Zeit. Das ist das Schöne daran, du siehst auch sofort das Ergebnis deiner Arbeit. Abseits des Sports ist das ganz anders. Das vergangene Jahr etwa ist gefühlt ganz langsam vergangen – ohne Rennen, die fehlen mir schon sehr.
Was haben Sie denn alles gemacht in diesem Jahr, wenn Sie genug Zeit hatten?
Ich hätte dafür schon inaktiver sein müssen... Skifahren ist mein Hobby, mein Leben. Ich bin auch nicht Harley gefahren, ich habe sogar meine Ducati verkauft. Ich hatte keine Zeit – ich habe trainiert, um zurückzukommen.
In Österreich werden Skistars verehrt, nach Siegen angehimmelt. Damit wächst automatisch die Erwartungshaltung, manche nennen es Druck. Wie gehen Sie damit um?
Es spielt keine Rolle, welche Leistung andere bringen. Vielleicht, wenn drei, vier andere Skifahrerinnen da wären, die mir einen Druck machen könnten. Doch es gibt keine andere, die erfolgreicher war als ich. Ich habe mir diesen Druck selbst auferlegt, ich lebe damit. Wenn ich am Start stehe, erwarten alle, dass ich gewinne. Das kann ich nicht ändern, das will ich auch gar nicht. Die Erwartungshaltung nimmt mir keiner ab, also lebe ich mit dem Druck eigentlich ganz gut.
Skifahrer haben das Los, etwa in Abfahrt oder Super-G, in weniger als zwei Minuten das Rennen bewältigt haben zu müssen. Das kann nicht jeder, wie bereitet man sich darauf vor, gibt es dazu Vergleiche?
Das kann man mit anderen Sportarten sicher nicht vergleichen. Du stürzt aus dem Starthaus raus, dann fährst du. Aber: Vorher bist du ja auch schon fokussiert. Man redet nicht mehr, dieser Vorspann zum Rennen dauert paar Minuten. Du pusht dich, es entsteht eine Art Rausch – es ist ein spezieller Vorgang, den musst du lernen, ja. Die Faszination im Skisport ist das Adrenalin, du hast nur diese zwei Minuten – bei WM, Olympia, Weltcup. Es sind dann auch nur deine Rennen.
Ist das Nahverhältnis zu hohen Geschwindigkeiten dabei hilfreich? Man hat quasi keine Zeit mehr, um nachzudenken.
Man wird ein Speed-Junkie! Als Kind habe ich das nicht bedacht, aber wenn man immer mehr an die Spitze kommt, seine Grenzen kennenlernt, Material, Linie, Risiko etc. versteht, denkt man ganz anders. Es entwickelt sich.
Kinder können Gefahren nicht einschätzen, ihnen ist das Risiko nicht bewusst, jede Modemarke gleich. Ab wann merkt man aber, dass man Karriere machen will im Skisport?
Es kommt drauf an, in welcher Altersphase man beginnt. Ich fing als Volksschulkind an. Motto: ,Ich geh am Nachmittag raus und spiele.‘ Ich war viel unterwegs, es hat mir getaugt. Da gab es keinen Wettkampf, keine Vergleiche. Erst in der Hauptschule hat es mehr Bedeutung bekommen. Wird das ein Beruf? Kann ich das, wer ist denn mein Idol? Da entwickelst du den Ehrgeiz, da rückt das Miteinander dann schon in den Hintergrund.
Wer war denn Ihr Idol?
Anita Wachter.
Warum?
Weil sie so toll gefahren ist, ihr Stil war super. Wie sie Rennen gewonnen hat und auch als Mensch aufgetreten ist, hat mir imponiert. Sie war so authentisch – mit ihrem Dialekt...
Im Weltcup wird die Diskussion um die Evolution des Materials ebenso intensiv geführt wie die Suche nach Favoriten. Warum?
Man versucht, alles so aufzubereiten, dass es immer schneller wird. Die Vorgaben an das Material sind jedoch beschränkt, damit es sicher bleibt. Nur, was ist sicher? Das ist ein Thema, in dem im Weltcup sicher noch nicht alles getan worden ist. Die Pistenbeschaffenheit ist wichtig, hat man aber nicht immer im Griff. Bei meinem Sturz war es so: Die Piste war hart, es schneite drauf, die aggressive Schicht ist nach draußen gerutscht, die Linie war eisig – und dort hat es mir den Ski gefressen. Grundsätzlich glaube ich, dass unser Sport immer gefährlich ist, und wir sind uns des Risikos bewusst.
Sie haben den Gesamtweltcup gewonnen, standen ganz oben auf dem Podest. Wenn man das einmal erreicht hat, kann man sich dann noch über einen fünften Platz freuen?
Ich kennen keinen Skifahrer, der nicht die gleiche Antwort geben wird: Wer ist schon freiwillig die Nummer zwei? Was jetzt kommt, ob ich die Chance habe, je wieder ganz nach oben zu kommen, wissen wir alle nicht. Wenn ich es körperlich schaffe und nur Fünfte werde, bin ich nicht zufrieden. Ich wollte immer die Beste sein und daran hat sich nichts geändert. Gar nichts.
Steckbrief
1989
wird Anna Fenninger in Hallein geboren.
2002
Sie besuchte die Skihotelfachschule in Bad Hofgastein, gewann von 2002 bis 2004 sechs Schülertitel.
2008
schaffte es die Salzburgerin in den ÖSV-Nationalkader, sie fährt in allen Disziplinen.
2014
Ihre größten Erfolge sind der Gewinn des Gesamtweltcups in den Saisonen 2013/14 sowie 2014/15, der Olympia-Sieg im Super-G bei den Winterspielen 2014 in Sotschi. Sie wurde dreimal Weltmeisterin: Super-Kombi (Garmisch, 2011), Super-G und RTL (Vail/Beaver Creek 2015).
2015
stürzt sie drei Tage vor Saisonstart in Sölden schwer, die Knieverletzung kostet sie die ganze Saison – auch waren damit alle Diskussionen im Streit mit ÖSV-Chef Peter Schröcksnadel beendet.
2016
heiratet sie im April Manuel Veith. Mitte Dezember soll das Comeback gelingen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2016)