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Ein entzauberter Advent: Wiener wollen Herzerlbaum zurück

(c) Karl Thomas / picturedesk.com

"Presse"-Leser haben eine Petition gegründet, die den Herzerlbaum auf dem Christkindlmarkt zurückfordert. Im Hintergrund tobt ein Rechtsstreit.

Der Adventzauber ist verflogen. Wie „Die Presse“ exklusiv berichtete, wurde der Wiener Christkindlmarkt dieses Jahr nach 30 Jahren umgestaltet, heißt jetzt nicht mehr „Adventzauber“, sondern „Weihnachtstraum“ – zugleich wurden Engel, Christkindlwerkstatt und vor allem der Herzerlbaum abgeschafft. Die Neukonzeptionierung sorgt für Enttäuschung, der Bericht war der meistgelesene vergangene Woche auf diepresse.com – mit Konsequenzen: „Presse“-Leser starten nun eine Petition und fordern den Herzerlbaum zurück.

Die Seite www.rettetdenherzerlbaum.at geht mit heute, Montag, online und hat bereits prominente Unterstützer.  Autorin Julya Rabinowich schreibt: „Weihnachten ist Keinachten ohne meinen Herzerlbaum! Jetzt habe ich immer noch niemanden unter dem Herzerlbaum geküsst, und nun ist die Chance sonst auf ewig dahin!“ Und auch von Philosoph Konrad Paul Liessmann findet sich ein Zitat auf der Seite: „Kitsch ist sicher ein Angebot zur Befriedigung der Bedürfnisse nach Schönheit, Harmonie, Gerechtigkeit und Glück – speziell nach Liebesglück“. 

Für Petitionsinitiatorin Petra Augustyn ist der Baum mehr als nur Weihnachtsdekoration: „Alles wird digitaler und lebloser. Der Baum ist ein Symbol für sozialen Zusammenhalt und Nächstenliebe – und zwar im echten Leben. Wir brauchen das in der aktuellen Welt mehr denn je.“

Dass der Christkindlmarkt dieses Jahr ohne Baum auskommen muss, liegt allerdings nicht daran, dass er der Stadt nicht mehr gefallen hätte oder zu kitschig gewesen ist – sondern an einem Rechtsstreit, der im Hintergrund ausgetragen wird. Das Konzept für den Adventzauber wurde vor 30 Jahren von der Firma Kreitner und Partner entwickelt. Die Firma schloss damals einen Vertrag mit der Stadt ab und gestaltete seitdem den Christkindlmarkt – bis diesen Winter. Die Stadt entschied im Gemeinderat Ende Juni, den Auftrag von rund 1,5 Millionen Euro nicht mehr extern zu vergeben.

Verwaltungsgericht eingeschaltet

Die Wirtschaftsagentur, die bisher für die Abwicklung zuständig war, beauftragte die Stadt Wien Marketing GmbH damit, die der Stadt Wien gehört. Die Neos stimmten damals gegen die direkte Inhouse-Vergabe. Roman Kreitner seinerseits sieht eine Verletzung des Vergaberechts, weil es keine Ausschreibung gegeben hat und hat nun Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht.

Die Stadt ihrerseits sieht im Vorgehen keinen Verstoß: „Aus unserer Sicht ist die Vergabe an eines unserer Unternehmen rechtlich in jedem Fall gedeckt und passiert auf diese Art und Weise vielfach. Es ist Standard“, heißt es zur „Presse“. Eine weitere Klage wurde angekündigt: Kreitner soll damit gedroht haben, Bürgermeister Michael Häupl persönlich wegen Verletzung des Urheberrechts zu klagen, weil der Herzerlbaum nach wie vor in Werbebroschüren der Stadt aufgetaucht sein soll. Die Stadt wiederum denkt nun auch daran, ihrerseits rechtliche Schritte zu ergreifen.

Virtueller Baum als Alternative

Generell verstehe man aber die Enttäuschung der Christkindlmarkt-Besucher: „Wir hätten den Baum gern weiter behalten, konnten uns mit Herrn Kreitner aber nicht einigen, was die Rechte betrifft.“ Gerade weil man eine Urheberrechtsverletzung vermeiden wolle, habe man dem neuen Christkindlmarkt ein ganz neues Aussehen verpassen müssen. Die Herzerlbeleuchtung gehöre im Übrigen nicht Kreitner & Partner, sondern der Wirtschaftsagentur, die diese auch bezahlt habe – und jetzt nicht aufhängen darf.

Augustyn will den Baum jedenfalls nicht aufgeben. Sie möchte mit der Stadt verhandeln, könnte sich vorstellen, dass Geschäftsleute den Baum gemeinsam kaufen und dann wieder mit Herzen schmücken. Sollte sich gar kein Weg finden lassen, will sie den Baum wenigstens mit Augmented Reality (also mittels App) virtuell wachsen lassen. Wer den Rathausplatz dann über die Handykamera betrachtet, wird dort auch wieder einen Herzerlbaum stehen sehen. (ath)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2016)