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Trump, der Narzisst: Disqualifiziert ihn das für das Präsidentenamt?

Der Wahlsieg Donald Trumps hat bei vielen Menschen Hyperventilation und Ohnmachtsanfälle ausgelöst. Eine nüchterne Analyse seiner Persönlichkeit tut not.

Es ist sicher nicht übermäßig spekulativ oder unethisch, Donald Trump als eindeutig narzisstische Persönlichkeit zu bezeichnen. Er wird in der einschlägigen Literatur künftig wohl sogar als Paradebeispiel einer solchen angeführt werden. In der Kollegenschaft der Psychoanalytiker, die mit Führungskräften arbeitet, hat sich vor einigen Jahren – halb Spaß, halb Ernst – der „Narzissmus-Test“ eingebürgert. Beispielsweise mit folgenden Fragen: „Trägt ein Gebäude Ihren Namen?“ „Haben Sie einen eigenen Jet und/oder eine Jacht mit Hubschrauberlandeplatz?“ „Haben Sie eine Partnerin, die geboren wurde, nachdem Sie Ihre Schule beendet haben?“ Volltreffer.

Fachlich noch präziser ausgedrückt: Donald Trump hat ein großes Bedürfnis, bewundert zu werden. Er zeigt einen Hang zu Grandiosität, hat offensichtlich gleichzeitig ein prekäres Selbstwertgefühl, ist nicht besonders empathisch und reagiert impulsiv auf die geringsten Reize.

Sein wahrnehmbarer Umgang mit Frauen entspricht einem pubertierenden Jungen, mit dem typischen Hang zu Voyeurismus und Grapschenwollen. Schöne Frauen möchte er besitzen, sie sollen ihn zieren und beweisen, wie toll und mächtig er ist.

So weit, so gut. Was aber sagt das über die Eignung Donald Trumps aus, das mächtigste Land der Welt zu führen? Ist er gefährlich, womöglich sogar mit Hitler zu vergleichen, wie das zuletzt Timothy Snyder, Professor für Geschichte an der Yale-Universität, getan hat?

Ob er letztlich ein respektierter Präsident werden kann, wird sich anhand von drei Punkten festmachen lassen: erstens, ob es Trump möglich sein wird, sich mit fähigen, kompetenten, vernünftigen und integren Persönlichkeiten zu umgeben, sich von diesen beraten und leiten zu lassen und diese auch selbstständig Politik machen zu lassen. Die bisherige Auswahl gibt schon einen Hinweis: Es sind durchwegs stramme Konservative, aber gestandene Politiker, wie auch sein Vize, Mike Pence, Senatoren mit langjähriger Erfahrung und hochrangige Militärs.

In den nächsten Tagen stehen die Ernennungen des Außen- sowie des Verteidigungsministers an. Es würde überraschen, würde Trump nicht auch bei diesen Posten auf politisch bewährte Persönlichkeiten zurückgreifen. Fazit: Die Auswahl der Leute wird zwar den Demokraten nicht gefallen, es sind aber definitiv keine willfährigen, schwachen Ja-Sager, die Trump da um sich schart.

Ein zweites wichtiges Kriterium ist die Wertebezogenheit Trumps. Eine kohärente Ideologie oder ein klares Weltbild war ja bei ihm bisher nicht auszumachen. Der künftige US-Präsident wird wohl, so wie im Wahlkampf, eher opportunistisch entscheiden. Wie der „Economist“ schreibt, kann man sich dabei durchaus vorstellen, dass die Trump-Regierung in die Infrastruktur investieren wird, dies in Kombination mit einer Deregulierung, Steuersenkungen, einem daraus resultierenden stärkeren Dollar und einer Repatriierung der im Ausland gehaltenen gigantischen Vermögen der großen amerikanischen Unternehmen. Das alles könnte zu einem veritablen Boom in der amerikanischen Wirtschaft führen.

Bleibt drittens das Problem mit Trumps Dünnhäutigkeit, Undiszipliniertheit und Impulsivität. Dies ist sicher die gefährlichste Schwachstelle. Das sind allesamt Eigenschaften, die den Anforderungen des Amtes des Präsidenten der USA entgegenstehen. Auch in diesem Punkt wird den Menschen, die Trump umgeben, eine große Bedeutung zukommen. Sie werden ihn mäßigen und geschickt unter Kontrolle halten müssen.

Wir können uns sicher auf eine Vielzahl von Ausrutschern, mehr oder weniger peinlichen Hoppalas und Fauxpas gefasst machen, von denen sich noch viele Generationen erzählen werden. Das Allerwichtigste wird jedoch sein, Donald Trump in jenen Momenten, in denen er zum Rappelkopf wird, vor allem von einem fernzuhalten: dem Startknopf für die Atomwaffen. Diesen kann der US-Präsident nämlich betätigen, ohne dass ihn jemand daran hindert.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Mag. Martin Engelberg ist Psychoanalytiker, geschäftsführender Gesellschafter der Vienna Consulting Group, Lehrbeauftragter an der Wirtschaftsuniversität Wien und Herausgeber des jüdischen Magazins „NU“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.11.2016)