Bubenautos: Der Halbstarke hat Manieren gelernt

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Es hat Jahre gegeben, da war jeder achte verkaufte Golf ein GTI. Das ist lange her. Wofür steht das berühmte – und auch leicht anrüchige – Kürzel heute noch?

Österreichs Autokäufer haben sich in diesem Jahr bekanntlich entschieden, die Krise abzusagen, schließlich hat sie ja auch keiner bestellt. Die Verkäufe liegen über jenen des Vorjahres, damit war zu Jahresbeginn kaum zu rechnen.

Die Vorsicht der Marktstrategen war speziell im Fall des Golf GTI übertrieben. Gerade 200 Stück konnte sich der Importeur für das laufende Jahr vorstellen, nun hat man bis Ende September schon 270 verkauft.

Wandlung des Volkshelden

Die teuerste Art, einen Golf zu fahren, ist also nicht ganz aus der Mode gekommen. Dass der GTI dennoch nur eine winzige Nische im Golf-Universum besetzt, liegt an der Wandlung des einstigen Volkshelden. Es war eine Aufregung, als der erste GTI 1976 herauskam. Unerhörte 110 PS in dem 810 Kilogramm leichten Auto reichten, um den Chef in seiner dicken Limousine vor den Werkstoren auszubremsen. Schnell sprach sich herum, wofür das Kürzel mit dem frechen Klang stand: Gran Turismo Injection. Das ist zum einen die hübsch altmodische Bezeichnung für kräftigere Autos – in der Frühzeit des Automobils eben Reisewagen –, zum anderen der technische Kniff, aus 1,6 Liter Hubraum viel Leistung zu zaubern: mittels Einspritzung, in diesem Fall K-Jetronic von Bosch. Weil der GTI leistbar war, trug die PS-Aufrüstung demokratische Züge. Im Rekordjahr 1981 war jeder achte verkaufte Golf ein GTI.

Von dieser Rasanz im Marktgebaren sind wir heute weit entfernt. Der GTI schlägt sich wie erwähnt zwar tapfer, doch das Segment der starken Kompakten hat sich über die letzten Jahren praktisch halbiert. Viele PS will man sich immer weniger leisten, und längst schieben auch unauffällige und sparsame Diesel ordentlich an. Der GTI, um dessen Preis man heute auch schon eine Mercedes-Limousine bekommt, ist indes zum Establishment aufgerückt.

Dort ist man erwartungsgemäß mehr gediegen als wild unterwegs. Der Zweilitermotor mit Direkteinspritzung und Turbolader (210 PS, 280 Nm, Verbrauch problemlos unter neun Litern) macht keinen Krawall. Das unbedingt zu empfehlende Doppelkupplungsgetriebe DSG mimt eine ruckfreie Automatik, die bei Stadttempo bald den höchsten Gang reicht. So kann man tagelang durch die Stadt rollen, ohne je über 2000 Touren zu geraten.

Die Federung ist von maßvoller Härte und (auf passablen Straßen) unauffällig. Wer es nicht beim Grundpreis (31.356 Euro mit DSG) belässt, und das tun die wenigsten, wird sich aller Annehmlichkeiten des feineren Autofahrens erfreuen: eines Bordsystems mit Navigation, Xenonscheinwerfer mit Kurvenlicht, Einparkgepiepses, eines Tempomaten, für den guten Griff eines besseren Lederlenkrads mit allerlei Knöpferln drauf. Das Karomuster der Stoffsitze (mit Lederwangen) ist das freundliche Augenzwinkern aus den frühen GTI-Tagen.

Es ist aber immer noch ein schnelles Auto. Ohne Turboloch wischt der Drehzahlmesser übers Band, nur ein kurzer Ausschlag und ein Bellen aus dem Auspuff markieren den Gangwechsel. Ein elektronisches Differenzial sorgt (mit Bremseingriffen) für Umgangsformen an der Vorderachse, ungerührt geht es mit erstaunlich wenig Neigung zum Untersteuern durch schnelle Kurven. Und Reifengequietsche, das würde sich für den GTI von heute wirklich nicht mehr gehören.

AUF EINEN BLICK

VW Golf GTI
Auf Basis des Golf VI. Vierzylinderottomotor mit Turboaufladung. 1984 ccm. Leistung: 210 PS. Drehmoment: 280 Nm. Vmax: 238 km/h. 0 auf 100 km/h in 6,9 sec. Testverbrauch: 8,8 Liter/100 km

Preis
32.163 Euro mit DSG, viertürig

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2009)

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