ÖSV-Präsident Schröcksnadel, die Razzia und sein Krieg mit dem ÖOC. In Turin beginnt der Dopingprozess gegen Schröcksnadel und weitere neun aktuelle und ehemalige ÖSV-Vertreter.
Wien. „Austria ist too small to make good doping.“ Dieser Satz wird Peter Schröcksnadel bis ins Grab verfolgen. Er entfuhr dem Präsidenten des Österreichischen Skiverbands im Februar 2006. Wenige Tage nachdem Carabinieri die Quartiere der österreichischen Biathleten und Langläufer bei den Winterspielen gestürmt hatten.
Zumindest in diesem Punkt irrte der heute 68-Jährige. Österreich ist nicht zu klein. Und die Ermittlungen der Sonderkommission Doping zeigten dies in den vergangenen Wochen deutlich auf. Dass Österreich mittlerweile eines der schärfsten Anti-Doping-Gesetze hat, dass ehemalige Athleten, Manager und Betreuer vorübergehend in U-Haft saßen – all dies hat viel mit Turin zu tun. Die Nachbeben der Causa Turin reichten bis ins österreichische Strafrecht.
Überall führte das Beben zu Umstürzen, forderte sogar Opfer. Nur im Epizentrum, im österreichischen Skiverband, blieb so ziemlich alles beim Alten. Bei Peter Schröcksnadel.
Nur Gandler auf Anklagebank
Zumindest bis heute. Wenn um 9 Uhr das Gericht von Susa bei Turin den sogenannten Dopingprozess gegen Schröcksnadel und weitere neun aktuelle und ehemalige ÖSV-Vertreter eröffnet, beginnt das nächste Kapitel eines großen, schmutzigen Reinigungsprozesses im österreichischen Sport. Von den Beschuldigten, denen Begünstigung von Doping vorgeworfen wird, wird wohl nur Biathlondirektor Markus Gandler persönlich auf der Anklagebank Platz nehmen. Alle anderen, auch Schröcksnadel, machen von ihrem Recht gebrauch, die Verhandlung zu schwänzen. Aber selbst wenn Schröcksnadel nicht dabei ist, ist er mittendrin.
Siehe Österreichisches Olympisches Comité (ÖOC): Bis Turin war Schröcksnadel Vizepräsident des ÖOC und musste dann sehen, wie er von seinem damaligen Präsidenten Leo Wallner und dem damaligen Generalsekretär Heinz Jungwirth in der Dopingcausa angegriffen wurde. 14 ÖSV-Sportler und Funktionäre wurden vom ÖOC gesperrt, der Skiverband musste als Wiedergutmachung eine Million Dollar für den Kampf gegen Doping spenden. Und Schröcksnadel zog sich aus dem ÖOC zurück. Zumindest physisch.
Leute wie ÖOC-Kassier Gottfried Forsthuber meinen, Schröcksnadel habe sich erst nach seinem Rücktritt so richtig mit dem ÖOC auseinandergesetzt (siehe Interview). Schon werden Dolchstoßlegenden kolportiert: Schröcksnadel stehe hinter all dem, was im ÖOC passiert ist.
Private Enthüllungen
Faktum ist: Seine größten Gegenspieler in Turin, Wallner und Jungwirth, sind zurückgetreten. Es tauchten plötzlich Details über Jungwirths eher luxuriösen Lebensstil auf. Erstaunlich engagiert bei den Jungwirth-Enthüllungen war die „Kronen Zeitung“, ein großer Sponsor des Skiverbands.
Schröcksnadel habe also jene ausgetrickst, die ihm einst – aus seiner Sicht – in den Rücken gefallen sind, heißt es nun. Im Sport gibt es schließlich immer Sieger und Verlierer.
Aber die Geschichte, die am 18.Februar 2006 mit einer Razzia begann, könnte auch ganz ohne Sieger enden. Dann nämlich, wenn das Gericht in Susa zum Urteil kommt, dass Schröcksnadel und Co. schuldig sind. Vom ÖSV wurde vor Prozessbeginn auch alles unternommen, um das Verfahren an sich und die italienische Justiz generell infrage zu stellen. „Das ganze Verfahren ist eine Farce und vermutlich das Resultat von auf internationaler Ebene organisierten Machenschaften, um den österreichischen Athleten, dem ÖSV und Peter Schröcksnadel zu schaden“, sagt dessen Anwalt Wolfgang Burchia.
Egal, wie der Prozess – wann auch immer – ausgehen mag: Er ist nicht das letzte Kapitel. Dieses wird wohl wieder Peter Schröcksnadel schreiben. Im Falle einer Verurteilung wird er zurücktreten (müssen). Im Falle eines Freispruchs? Wer weiß, vielleicht kehrt er zurück ins ÖOC...
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2009)