Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Robert Haas: Ein Meisterfotograf kehrt zurück

Hinter der Kamera und vor der Linse: Marlene Dietrich in Salzburg 1936/37.
Hinter der Kamera und vor der Linse: Marlene Dietrich in Salzburg 1936/37.(c) Wien-Museum/Sammlung Robert Haas
  • Drucken

„Robert Haas. Der Blick auf zwei Welten“ zeigt rund 250 Werke des Wiener Druckgrafikers und Fotografen, dessen Leben fast ein Jahrhundert umfasst hat.

So intensiv und intim sieht man selbst den expressiven Schauspieler Werner Krauß selten: Als Mephisto in der Inszenierung von Goethes Faust durch Max Reinhardt bei den Salzburger Festspielen 1937 durchbohrt er den Betrachter mit seinem Blick, wild fällt ihm das Haar in die Stirn. Der Fotograf dieser Aufnahme konnte solchen Stars in der Zwischenkriegszeit offiziell so nahe kommen; Robert Haas war von den Festspielen dafür beauftragt worden, er durfte sogar in die Garderoben. Dadurch entstanden außergewöhnliche Porträts – von Dirigent Arturo Toscanini in nachdenklicher Pose, vom konzentrierten Sänger Ezio Pinza, der sich gerade schminkt, von der eleganten Filmschauspielerin Marlene Dietrich, die wie ausgelassen mit einer Filmkamera posiert und sie dabei absurd himmelwärts hält.

Solch rare Bilder sind nun im Wien-Museum am Karlsplatz ausgestellt, in einer Werkschau für einen beinahe vergessenen Künstler, einen Emigranten, der bisher diesseits und jenseits des Atlantiks wahrscheinlich unter seinem Wert gehandelt wurde: „Der Blick auf zwei Welten“ zeigt die Vielfältigkeit von Haas. Kurator Anton Holzer hatte auf dessen Dachboden in New York den künstlerischen Nachlass entdeckt, das Wien-Museum hat ihn von den Töchtern erworben. Holzer und Ko-Kuratorin Frauke Kreutler (sie waren Haas seit einer Ausstellung 2011 auf der Spur) konnten aus dem Vollen schöpfen. Haas hat beinahe ein Jahrhundert durchmessen; der gelernte Grafiker, 1898 in Wien geboren, 1997 in New York gestorben, hat Tausende Vintage-Prints und Negative aufbewahrt und auch kommentiert. Er konnte sogar Material aus den Dreißigerjahren retten, was nur wenigen der Fotografen gelang, die vor den Nazis fliehen mussten.

Der Sohn aus gutbürgerlichem jüdischen Haus in Wien arbeitete erst als Druckkünstler, lernte dann bei der Atelierfotografin Trude Fleischmann. Bald war er eine Größe der Szene, mit edlen Büchern, innovativen Plakaten, großen Collagen. So hat er ein riesiges Alpenpanorama für den Österreich-Pavillon der Weltausstellung in Paris 1937 geschaffen, das Aufsehen erregte. Es ist im Wien-Museum in Verkleinerung zu sehen. Die Fotoapparate, Bücher und andere Druckerzeugnisse von Haas sind ebenfalls ausgestellt. Seine Spezialität neben Porträts und Objektstudien: Alltags- und Sozialreportagen (über Armut in Simmering, den Böhmischen Prater etc.), die in Illustrierten publiziert wurden. Auch große Museen gaben ihm Aufträge. Und Stahlwerke. Aufnahmen aus Donawitz und Ternitz beeindrucken so wie seine Porträts mit kontrastreichen Lichteffekten.

 

Flucht vor den Nationalsozialisten 1938

1938 musste Haas nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich vor den Nationalsozialisten fliehen, er emigrierte via London in die USA und arbeitete dort vor allem als Designer und Drucker. Es war schwer für einen Zuwanderer, in der Fotografie Fuß zu fassen. Er gründete also 1941 die künstlerische Druckwerkstatt Ram Press, mit nur 500 Dollar Startkapital. Doch fand er weiterhin manchmal Zeit, mit seiner Leica und der Rolleiflex zu arbeiten: Oskar Kokoschka ließ sich von ihm im Exil ablichten, Albert Einstein. Haas wurde ein Chronist des aufstrebenden Amerika. In originellen Perspektiven sind Großstadtaufnahmen aus seiner Wahlheimat New York zu sehen (eine tolle Serie über das Kriegsende, in Manhattan fliegen die Konfetti), aber auch privat anmutende Fotos von Colleges, etwa in Vermont und North Carolina, wo er unterrichtete, so wie in Kalifornien, New Haven, New York . . . Haas bereiste das weite Land bis an die Pazifikküste, er dokumentierte die USA auch jenseits der Städte. Ihn faszinierte die Neue Welt quasi als Gegenmodell zur Alten. Vor allem zu Österreich, dessen Befreiung er ersehnte.

Bis 26. Februar im Wien-Museum Karlsplatz, Di bis So, 10 bis 18 Uhr. Katalog: Hatje Cantz, 200 Seiten, 29 €.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2016)