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„Arrival“: Die Aliens wollen nur reden

Die Sprachwissenschaftlerin Louise (Amy Adams) versucht, mit den Aliens zu kommunizieren.(c) Sony Pictures
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Denis Villeneuve präsentiert mit „Arrival“ einen Gegenentwurf zu den vielen Science-Fiction-Filmen, in denen aus dem All nur Böses kommt. Amy Adams brilliert als Linguistin, die die Zeichensprache der Außerirdischen entschlüsseln soll.

Mit Außerirdischen, so lehrt uns der moderne Blockbuster, ist nicht gut Kirschen essen. Die Zeiten, in denen E. T. mit Liebe im Gepäck aus der Sternenmitte zu uns herniedergestiegen ist, sind vorbei. Stattdessen regnet es Feuer und Schwefel: In Filmen wie „Battle Los Angeles“, „Battleship“, „Independence Day“ und seiner Fortsetzung, aber auch in Superheldenepen wie „The Avengers“ kommt alles Böse von oben. Wenn sonderbare Flugobjekte die Sonne verdunkeln, braucht man nicht lang zu warten, bis ein ominöses Brummen auf dem Soundtrack zum zivilisatorischen Zapfenstreich bläst. Dann muss sich die Menschheit am Riemen reißen und dem unerbittlichen Erzfeind Paroli bieten – mit Heldenmut, flotten Sprüchen und jeder Menge Spezialeffekte. Lang war das Alien-Kino wesentliches Spielfeld für Pop-Philosophie und Sozialkritik, doch in Großbudgetgefilden angekommen wechselte es schnell von Reflexion zu Destruktion. Inzwischen ist so gut wie jede Begegnung der dritten Art eine Kriegserklärung. Dass es auch anders geht, daran erinnert „Arrival“ von Denis Villeneuve.

Dabei spielt der Film durchaus mit den Erwartungshaltungen eines Publikums, das unzählige Leinwandapokalypsen hinter sich hat: Anfänglich prägen Angst und Argwohn seine Atmosphäre. Eines Tages tauchen quer über den Globus schwarze, schalenförmige Raumschiffe auf. Die monolithischen Gebilde schweben wie Damoklesschwerter über der Erdoberfläche – keiner weiß, was ihre Ankunft bedeutet, die Weltgemeinschaft ist nervös. Zunächst sieht man das alles nur durch die Alltagslinse der Sprachwissenschaftlerin Louise Banks (stark: Amy Adams). Nachrichtenfetzen, Panik in den Straßen und Kampfjets am Himmel künden von drohendem Unheil. Bald wird Banks vom US-Militär (Forest Whitaker als angespannter Colonel) verpflichtet, zusammen mit dem Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) einen Kontaktversuch zu unternehmen. Beim Anflug ins Sperrgebiet offenbart „Arrival“ in einer getragenen Plansequenz zum ersten Mal den unverstellten Anblick eines Raumschiffs, umspielt von schlangenartigen Wolkenströmen: Ein meisterhafter Moment zwischen Erhabenheit und Unbehagen.

 

Alles nur Täuschungsmanöver?

Villeneuve, der sich nach der Oscar-Nominierung für sein Nahost-Drama „Incendies“ (2010) vom frankokanadischen Arthaus-Geheimtipp zum edelsten Genrestilisten Hollywoods neben David Fincher hochgearbeitet hat, weiß, wie man eine Stimmung hält. Zuletzt lieferte er mit dem Drogenkriegsthriller „Sicario“ eine streitbare, aber ausgesprochen effektive Übung in kunstvoller Schwarzmalerei. Auch sein neuester Film pflegt eine drückende Düsterästhetik (ausgeblichene Farbgebung, langsame Kamerafahrten, wabernde Spukmusik von Jóhann Jóhannsson), die jegliche Hoffnung im Keim erstickt. Der Kniff ist, dass sie trotzdem aufkommt.

Dann, als sich das Forscherteam durch einen schwerkraftlosen Tunnel ins Innere der Weltraumschale wagt, warten dort keine apokalyptischen Reiter, sondern intelligente Wesen – und „Arrival“ wird zu einer Art Kommunikationsthriller. Die ganz und gar nicht menschenähnlichen Ankömmlinge sprühen ihre hyperkomplexe Zeichensprache nämlich in den Äther hinter einem leinwandartigen Schutzglasverschlag, und es liegt an Banks und Donnelly, diese gasförmigen Rorschachtests zu entschlüsseln. Verständigung, intergalaktisch wie transnational, ist passend zum aktuellen (Flüchtlings-)Krisenambiente das Kernthema des Films: Einzelne Großmächte wittern im Gesprächsangebot der Aliens ein Täuschungsmanöver, streichen die globale Zusammenarbeit und rüsten zum Präventivschlag.

 

Sci-Fi mit intellektuellem Anspruch

Somit stellt sich „Arrival“ in zweierlei Hinsicht gegen zeitgenössische Sci-Fi-Spektakel: Mit seinem realistischen Zugang zum First-Contact-Szenario und dem Fokus auf wissenschaftliche Einzelheiten gehört er zur Hard Science Fiction, der intellektuellen Subkategorie des Genres – in der Kurzgeschichtenvorlage von Ted Chiang spielt die Sapir-Whorf-Hypothese über den Zusammenhang zwischen Sprach- und Denkvermögen eine nicht unwesentliche Rolle. Und da der Film Konflikt als Bedrohung und nicht als Allheilmittel zeichnet, findet man seine nächsten Verwandten am ehesten in der Vergangenheit: Der Kalte-Krieg-Klassiker „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ ist ein offenkundiges Vorbild. Insofern ist man geneigt, die Interviewbehauptung des Regisseurs zu glauben, er sei schon immer ein Sci-Fi-Nerd gewesen – und gewillt, seinem kommenden „Blade Runner“-Sequel eine Chance zu geben.

Dennoch bleibt das Gefühl, dass Villeneuve dem Stoff zu viel zumutet: Linguistische Kryptografie ist letztlich kein guter Spannungsmotor, und die Bemühung, die Erzählung emotional aufzuladen, wirkt ebenfalls überzogen. Ihr großer Wendepunkt verknüpft das Kosmische und das Persönliche auf eine clevere, aber penetrant pseudoprofunde Art, die eher an Christopher Nolans pathetische Puzzledramatik als an Kubricks „2001“ erinnert. Es ist das Musterbeispiel eines bestechenden Konzepts, dessen konsequente Umsetzung zwangsläufig seine Schwächen bloßstellt. Aber immerhin werden dabei keine Städte zerstört – ein kleiner Schritt für einen Film, ein großer für das Blockbusterkino.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2016)