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Martin Schulz nimmt es mit Angela Merkel auf

Martin Schulz und Angela Merkel
Martin Schulz und Angela Merkelimago/ZUMA Press
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Mit Martin Schulz übernimmt ein Mr. Europa die Spitzenposition der SPD. Leidenschaft und Kampfeswillen haben den Ex-Profifußballer und Bürgermeister an die Spitze gebracht.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz wechselt in die deutsche Bundespolitik. "Ich werde nun von der nationalen Ebene aus für das europäische Projekt kämpfen", sagte Schulz bei seiner Pressekonferenz Ende November. Offen ließ er damals , ob er das Amt des Bundesaußenministers als Nachfolger von Frank-Walter Steinmeier übernehmen will, wenn dieser Bundespräsident wird. Auch zu einer möglichen Kanzlerkandidatur äußerte er sich damals und bis heute nicht.

Seit Montag ist klar, Schulz wird in die erste Reihe der SPD treten. Seine Umfragewerte lagen vor jenen des bisherigen Parteichefs Sigmar Gabriel, der Schulz nun den Vortritt ließ.

Lange hatte es überhaupt geheißen, Schulz kämpfe um eine weitere Amtszeit an der Spitze der EU-Volksvertretung, er hatte sich dann aber dafür entschieden sich diesem Kampf nicht auszusetzen, den mittlerweile die europäischen Konservativen mit dem umstrittenen Antonio Tajani für sich entschieden haben.

Nach der Europawahl 2014 hatten die beiden großen Fraktionen im Europaparlament vereinbart, jeweils zweieinhalb Jahre den Präsidentenposten zu besetzen. Nach dem Sozialdemokraten Schulz soll nun im Jänner ein Abgeordneter der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) gewählt werden.

Schulz galt immer als Gabriel-Alternative

Bei der Suche nach einem SPD-Kanzlerkandidaten galt Schulz als mögliche Alternative zum Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel. Vizekanzler Gabriel hat als SPD-Chef das erste Zugriffsrecht in der "K-Frage" und hatte schon 2013 auf die Nummer-eins-Position verzichtet - zu Gunsten des nun baldigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier.

Schulz hatte bei der Europawahl 2014 als gesamteuropäischer Spitzenkandidat der Sozialdemokraten einen Achtungserfolg in Deutschland erzielen können. Und so verwunderte es nicht, dass nach seinem Wechsel in die deutsche Politik eine Meldung der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" die Runde machte, Schulz wolle nur dann die Nachfolge von Steinmeier antreten, wenn er die Zusage für die SPD-Kanzlerkandidatur bekomme. Mit Empörung wiesen das die Parteizentrale und Schulz zurück. Nach dpa-Informationen bot Gabriel seinem alten Weggefährten an, das Außenamt für die acht Monate bis zur Bundestagswahl im Herbst 2017 zu übernehmen. Das dürfte Gabriel nun selbst übernehmen, während er Schulz die Arbeit an der Spitze der Partei überlässt.

Schulz gilt als leidenschaftlicher Europapolitiker und ist seit 1974 SPD-Mitglied. In dem kleinen Ort Würselen bei Aachen war er von 1987 bis 1998 Bürgermeister und Buchhändler. Dann begann in Brüssel der Aufstieg von "Mister Europa", der ihn bis an die Spitze des EU-Parlaments führte, dem er von 2012 bis 2016 vorstand. Schulz wäre der erste deutsche EU-Spitzenpolitiker, der nach seiner Zeit in Brüssel ein führendes Amt in der Bundesregierung übernehmen würde. 

Fußballer, Bürgermeister, EU-Parlamentarier

Leidenschaft und Kampfeswillen würden dem 61-Jährigen wohl nicht einmal diejenigen in Brüssel absprechen, die von seiner Dauerpräsenz vor allem in deutschen Medien wenig angetan gewesen sind. Eine Verletzung machte seine Pläne einer Karriere als Fußballer in den 1970er Jahren zunichte. Aus seiner Alkoholabhängigkeit als junger Mann macht der gelernte Buchhändler keinen Hehl, der wenige Jahre nach dem Überwinden der Sucht Bürgermeister von Würselen in Nordrhein-Westfalen wurde.

Nach seinem Wechsel ins EU-Parlament wurde er 2003 über die Grenzen des Brüsseler Politikbetriebs hinaus durch einen verbalen Schlagabtausch bekannt, den er sich mit dem damaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi lieferte. So regte Berlusconi an, der Deutsche könne in der Rolle als KZ-Aufseher in einem italienischen Film mitwirken. Schulz antwortete, sein Respekt vor den Opfern des Faschismus verbiete es ihm, darauf einzugehen.

Auch nach seiner Wahl zum EU-Parlamentspräsidenten 2012 schreckten Schulz keine großen Namen oder noch größere Aufgaben. Auf ihn geht die Idee des Spitzenkandidaten zurück, mit denen die europäischen Parteienfamilien in den Europawahlkampf 2014 zogen. Doch nicht Schulz, sondern der Kandidat der EVP, Jean-Claude Juncker, ging daraus als Sieger hervor und übernahm nach zähem Ringen mit den Regierungen der EU-Staaten das Amt des EU-Kommissionspräsidenten. Im Wahlkampf noch politische Gegner, beschlossen Juncker und Schulz anschließend, gemeinsam die beiden EU-Institutionen und damit die Idee der immer enger zusammenwachsenden EU gegenüber den Mitgliedsländern zu stärken.

Wie viel Schulz die Freundschaft zu Juncker im von Machtspielen geprägten Brüssel bedeutet, ließ er im Frühjahr 2016 bei einem Empfang mit deutschen Journalisten durchblicken: "Ein wahrer Freund ist der, der kommt, wenn andere gehen", sagte der SPD-Mann an die Adresse des Luxemburgers gerichtet. Diese Freundschaft wird womöglich auf die Probe gestellt, wenn Schulz als Kanzlerkandidat und möglicherweise als Wirtschaftsminister die Interessen Deutschlands in den Vordergrund rücken muss. Den 28 Staats- und Regierungschefs der EU warf er oft genug vor, diesen Spagat zwischen Heimatland und Europa nicht hinzubekommen, wenn er bei den EU-Gipfeln selbstbewusst vor sie trat und ihnen seinen Standpunkt mitteilte.

(APA/dpa/Reuters)