Spaziergang, von Ribeira Grande aus, durch ein durstiges Tal – zu einem einheimischen Jungen, der Toni Polsters Namen kennt.
Ein breites Tal, das ich im Jahr 1993 vom Meer her inseleinwärts ging – über eine breite Schotterpiste, die so aussah, als könnte sie einmal im Jahr oder einmal im Jahrzehnt zu einem reißenden, alles niederreißenden Fluss werden. Wasser ist auf Cabo Verde rar, aber auf Santo Antão regnet es gelegentlich welches herunter, weshalb die steintrockene Insel als feucht und fruchtbar gilt – vergleicht man sie mit anderen Inseln des Archipels.
Gelegentlich waren mir Passanten (Wanderer? Spaziergänger? Mir fehlt ein Begriff für Menschen, die aus den Bergen nach Ribeira Grande gehen) entgegengekommen, und wir wechselten ein paar Worte. Der Weg, vorbei an kleinen Bananenplantagen und enormen Steinhalden, war nicht beschwerlich, aber riskant. Da waren die donnernden Steinblöcke, die über die Steilhänge in die Ribeira hineinstürzen, menschengroße Trümmer, die einen, wenn es übel hergeht, ohne Weiteres töten können. Manchmal herrscht zehn Minuten Ruhe, aber dann stürzt wieder ein Fels. Die Einheimischen haben ihre Taktik. Sie gehen, wenn es brenzlig wird, hinter größeren Felsblöcken in Deckung. „Passiert schon nichts“, hatte mich ein entgegenkommender Kapverdianer beruhigt, „man muss nur ein bisschen aufpassen.“ War es nicht viel eher eine Frage des Glücks? „Es gibt kein Glück“, sagte er, bevor er seinen eigenen Weg weiter verfolgte, „es gibt keine Zufälle.“
Kurz darauf stand ich in einem ausgestorbenen Dorf. In Caculi gab es eine kleine Kirche, ein Graffito „Nieder mit der Korruption“, aber sonst gab es wenig. Keinen Shop, kein Café, kein Restaurant, und natürlich weder Hotel noch Pension. Auf dem Kirchplatz näherte sich mir ein Junge. Er war ungefähr 17 Jahre alt. Er sprach mich, den höchstens acht Jahre älteren, mit „Sie“ an, und er hielt mich, was mir gefiel, nicht gleich für einen Portugiesen.
„Nacionalidade?“, fragte er. Ich antwortete Áustria. „Ah“, rief er, „Friedl Koncilia, Klaus Lindenberger!“ Ich fragte ihn, ob er sich denn nur für Tormänner interessiere. „Nicht nur“, sagte Miguel und lächelte, „Toni Polster, Peter Pacult.“ Ich war beeindruckt. Miguel erläuterte, dass er Panini-Bilder sammelte, dass die aber in Cabo Verde extrem schwer zu kriegen seien. Umso schwieriger hier hinten in Caculi am Ende der Ribeira – dachte ich.
Miguel wollte kein Geld, doch er hatte ein Anliegen: „Können Sie mir aus Ihrem Land Fußballschuhe schicken, Größe 40? Ich habe gehört, die sind in Europa sehr billig.“ Ich sagte ihm das zu. Er schrieb mir seine Adresse in mein Notizheft.
Bevor ich weiterging, blickte er mir tief in die Augen: „Sie werden Miguel vergessen. Sie werden zurückfahren in Ihr europäisches Land, und Sie werden mir keine Fußballschuhe schicken. Vielleicht denken Sie irgendwann später an mich, aber Sie werden Ihr Versprechen nicht einhalten!“ Ich widersprach heftig, doch wie es im Leben so kommt, behielt Miguel mit seiner Prophezeiung recht. Das können wir heute, fünfzehn Jahre später, mit Bestimmtheit sagen.
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at, Bestell-Info: Online oder Fax: 01/514 14-277.