Heimische zeitgenösssiche Architektur – ja, die gibt’s tatsächlich – kann ein Reiseargument sein. Zum Beweis ein paar Beispiele.
Für Architekturreisende liegen die ergiebigsten Baustellen im Kulturbereich. Logisch. Österreichs Museums- und Konzertlandschaft gehört schließlich zum Fruchtbarsten überhaupt. Auch in der jüngeren Vergangenheit, wenn man bedenkt, was alles realisiert wurde, manchmal nach langem Hin und Her: ein Museumsquartier oder zwei Kulturhauptstadtjahre mit einhergehendem Bauboom – in Graz 2003 oder in Linz 09.
Unabhängig davon sind in letzter Minute bemerkenswerte Neuzugänge zu verzeichnen. Zum Beispiel das Museum Liaunig. Es ist definitiv ein Grund, sich in eine touristisch weniger frequentierte Ecke Südkärntens aufzumachen. Und in dem kleinen Ort Suha/Neuhaus schufen „querkraft architekten“ für den Industriellen und Kunstsammler Herbert W. Liaunig einen außergewöhnlichen, kühnen Bau. Als Röhre durchstößt der Baukörper zwei Geländeeinschnitte, er verbirgt und repräsentiert zugleich eine aufregende Kunstsammlung.
Ebenfalls lohnt schon ein einziges Objekt, um nach Bregenz zu pilgern. Peter Zumthor stellte hier vor einigen Jahren einen so intelligenten wie beeindruckenden Museumsbau an das Ufer des Bodensees. Das Kunsthaus Bregenz (KUB) spielt sich mit dem Licht und leitet es bis in die Tiefe dieser puren Architektur. Das KUB mutet weniger sakral an als andere Bauten Zumthors, erweist sich aber
als würdiger Rahmen für zeitgenössische Kunst von Weltrang.
Im Musikumfeld könnten zwei neue Beispiele schon um ihrer Architektur willen zu einem Abstecher verleiten: Das MUMUTH in Graz, das „Haus für Musik und Musiktheater“ im Rahmen der Kunstuni Graz, das „UNstudio“ innen sehr variabel angelegt haben. Eine eher sommerliche Angelegenheit ist der Besuch des Wolkenturms beim Schloss Grafenegg, wo sich „the NEXTenterprise“ mit Architektur als Skulptur auf großer Open-Air-Bühne spielen. Ein schönes kleines Beispiel, an dem man nicht vorbeifahren sollte, auch wenn gerade kein Programm stattfindet, ist das Franz-Liszt-Zentrum im burgenländischen Raiding (Atelier Kempe Thill): ein schlichter Holzbau für die intensive Kammermusik-nutzung.
Touren nach Plan. Architekturreisen durch Österreich sind leicht auf eigene Faust zu unternehmen. Denn mittlerweile haben die meisten Architekturzentren in den Bundesländern den Bestand an zugänglichen modernen Objekten so gut erfasst, dass man sich die Daten nur aus dem Internet herunterladen braucht. Manchmal empfiehlt sich die Routenplanung aber auch in Zusammenarbeit mit den Landestourismus-organisationen, die wiederum – zum Beispiel in der Steiermark – einen Folder mit vielen Stationen verfasst haben.
Unabhängig davon bieten Architekturzentren schon seit etlichen Jahren Exkursionen an. Institutionen wie etwa das Architekturzentrum Wien begannen bald nach der Gründung sonntags die neuesten Baustellen und die maßgeblichsten Objekte in Wien, aber auch im nahen Ausland mit Architektenbegleitung aufzusuchen. In Tirol präsentiert das „aut“ (Architektur und Tirol) Aktuelles, erschließt aber auch Älteres. Das Zentrum selbst befindet sich in einem bedeutenden Bau, dem 1926/26 von Lois Welzenbacher errichteten Sudhaus des Adambräu. Von Welzenbacher stammen auch so essenzielle Bauten wie das Parkhotel in Hall, das zuletzt von Henke und Schreieck erweitert wurde.
Im gelobten Architekturland Vorarlberg hat das „v.a.i.“ sehr viele Routen im Internet erfasst. Mehr Bauten als alle anderen Länder, denn in Vorarlberg ist es Tradition, auch den privaten Wohnbau professionellen Kreativen zu überlassen. An die 30 Prozent lassen sich ihr Eigenheim von
Architekten planen – im Gegensatz zum Österreichdurchschnitt von zwei Prozent.
Allein dadurch ergibt sich ein reiches Feld der touristischen Architekturerforschung.
Einen neuen Weg geht auch das Architekturforum Oberösterreich (afo) in Zusammenarbeit mit Oberösterreich Tourismus. Ein Online-Architekturreiseführer lenkt das Augenmerk auf Bauten, die man unterwegs nicht so beachtet hätte. Eben nicht nur das neu umgebaute Ars Electronica Center (Treusch Architecture) oder das Lentos Kunstmuseum (Weber + Hofer AG), sondern auch Klassiker wie die Austria Tabakwerke, das Areal der Voest Alpine oder sogar einen Urnenhain (Klaus Kada). Bislang sind drei Routen dokumentiert: Linz entlang der Donau, Linz abseits der Landstraße und Linz entlang der Tramway.
Einkaufen und schauen. Um mit moderner Architektur auf Tuchfühlung zu gehen, könnte man in Tirol auch in den M-Preis-Supermarkt marschieren. Deren Gründer und Betreiber, die Unternehmerfamilie Mölk, hat weise davon abgesehen, die üblichen Gewerbeschachteln auf die grüne Wiese zu stellen – lieber investierte sie in Bauten, die ästhetisch und inhaltlich mehr leisten.
Interessante Architektur kommt dadurch am entlegensten Talboden zum Zug. Zudem erfüllen M-Preis-Märkte eine deklariert soziale Funktion –
eben nicht als schnelle Versorgungsstation, sondern auch als beliebter Treffpunkt. Mittlerweile finden sich 150 sehr unterschiedliche Supermärkte (von nordischer Waldoptik bis zur vermeintlichen Ufo-Landebahn) vom Arlberg bis ins Pinzgau an mitunter schwierigen Bauplätzen. Der M-Preis in Sölden (Raimund Rainer) kragt auf der einen Seite aus einem Felsabsturz, auf der anderen stößt er ins Dorf vor. Eine bemerkenswerte Optik
ergibt sich auch in Wenns, wo in Hanglage das Parkdeck einfach unter den Bau geschoben wurde und damit das leidige Problem mit den großen Stellflächen gelöst wurde, die den alpinen Lebensraum verschandeln (Rainer Köberl). Man kauft bei M-Preis in preisgekröntem Umfeld ein, für das sich von „Wallpaper“ bis zur „New York Times“ die Medien interessieren.
Nur zur Vollständigkeit: Ästhetischen Mehrwert erfährt man manchmal auch bei Spar – die „archinauten“ haben aus einer alten Schachtel in Linz Dornbach mit Industrieverglasung einen Leuchtkörper gezaubert.
Zum Übernachten. Es ist doch paradox: Obwohl die Architektur im Tourismus – Beherbergung, Infrastruktur und Verkehrsbau – eine entscheidende Rolle spielt, beachtet wurde sie gerade in diesem Umfeld nicht wirklich. Der Bau musste einfach nur funktionieren: minimaler Einsatz, maximale Rendite. Engstirnige wirtschaftliche Interessen, der Druck alpiner Bauklischees oder die vermeintliche Erwartungshaltung der Gäste galten lange als Ausschlussgrund für anspruchsvolles Bauen. Tourismusarchitektur entwickelte seit dem Einsetzen des Massentourismus im Alpenraum eine Art Parallelexistenz. Mittlerweile aber scheint sich die Hotellerie ernsthaft auf Architektur einzulassen. Jedenfalls mehren sich die positiven Beispiele und die Bereitschaft, die ästhetischen Katastrophen zu reparieren. Eine jüngere Generation überlässt zusehends das Feld jenen Architekten, die nicht nur ein Einzelobjekt, sondern auch das Gesamtensemble im Ort und die Landschaft berücksichtigen.
Ein nach wie vor überzeugendes, frühes Beispiel dieser Entwicklung stellt etwa das Aparthotel Anton am Arlberg (Staatspreis Architektur 2002) dar: Im Zuge der WM-Aufrüstung in St. Anton schufen hier Wolfgang Pöschl und Dieter Comploj ein Skihotel, das alpine Tradition überzeugend in eine klare, moderne Formensprache integriert.
Schöne aktuelle Projekte gibt es, nahe liegend, aus dem umtriebigen Bauland Vorarlberg: Zuletzt entstand dort mit dem Um- und Erweiterungsbau des Hotels Post in Bezau oder mit der „Sonne“ in Mellau zwei Projekte, die vorbildlich Altes und Neues verbinden. Wie sehr ein einzelnes Projekt oft auch für eine Region stehen kann, zeigt sich im „Loisium“. Steven Holl hat ein markantes Ensemble von Hotel und Weinwelt mitten in die Langenloiser Rieden gesetzt und weltweit Resonanz erhalten. Überhaupt erweist sich das Weinumfeld als besonders inspirierend – für Architekten wie für Gäste gleichermaßen. Einen besonders hohen Anteil an interessanten Beispielen halten, nicht weiter überraschend, das Burgenland und die Südsteiermark: Beide Regionen sind Ziel mehrerer spezialisierter Exkursionsanbieter.
Ein paar Tipps zum Betrachten wie zum Verkosten: Im Schaflerhof, einem alten Meierhof neben dem Schloss Deutschkreuz, befindet sich das „WeinKultprojekt“ von Anton Mayerhofer für das Weingut Igler: eine an eine Kathedrale oder an einen umgedrehten Schiffsrumpf erinnernde Konstruktion. Ganz anders die Außenwirkung des Weinguts Pfeisl in Kleinmutschen, ebenfalls im Mittelburgenland: Der dreigestaffelte dunkle Quader ist so gebaut, dass keine Klimaanlage notwendig ist. Ein Präsentationsbau für den Wein, in dem dieser der Hauptdarsteller bleibt.
In der Höhe. Manchmal reicht die bloße Einkehr nicht, da sind vom Architekturreisenden doch ein paar Anstrengungen gefordert: Er muss die Wanderschuhe anziehen oder die Ski anschnallen, um ausgezeichnete moderne Architektur kennenzulernen. Mit der Olperer Hütte setzte Hermann Kaufmann zuletzt ein großartiges Beispiel für Holzbaukunst mitten in die Zillertaler
Alpen: reduziert, aber gemütlich – und ökologisch. Ähnliches gilt auch für das etwas ältere Schiestlhaus der pos-Architekten im Hochsteirischen, das alle ökologischen Finessen spielt. Fast eine Notwendigkeit über der Baumgrenze. Es muss aber nicht zwingend Holz am Berg sein. Wer im Osttiroler Skiwinter von Matrei oder von Kals auf 2000 Meter hinauffährt, erlebt dort die coole Variante zur klassischen Skihütte: eine große Glasbetonbox. Die Zillertaler Schultz-Gruppe hat dort oben eine „Adler Lounge“ realisiert und bietet mit dem Kubus dem Dreitausenderspalier Paroli.
Oft geht mit solchen exponierten Projekten eine größere Sanierung der Infrastruktur einher. Mit dem Bau des Bergrestaurants und der Bergstation Weißenelf (Silvia Fracaro) am Stuhleck, einer nachhaltigen großen Box, wurde der alte Schlepplift durch einen modernen Sechsersessellift ersetzt. Und Bergbahnen selbst werden vermehrt zu Einsatzgebieten moderner Architektur, bes-tes Exempel hierfür ist die Talstation der Galzigbahn in
St. Anton (Driendl Architekten). Im Bau verdeutlicht die außergewöhnliche Ästhetik die technische Innovation dahinter: Durch die aufgelöste Glasfläche lässt sich beobachten, wie hier die Gondeln so angehoben werden, dass der Skifahrer zu ebener Erd einsteigen kann. Gar nicht erst vorstellen muss man in diesem bergverkehrstechnischen Zusammenhang Zaha Hadids zweiten Beitrag zum Architekturhype in Innsbruck: die Hungerburgbahn. Ihr auffälligstes Merkmal sind die Stationen, beziehungsweise deren organisch wirkende Dachkonstruktionen, doch dahinter verbirgt sich eine Bahn, mit der man in quasi in null Komma nix aus dem Treiben der Stadt in lichte alpine Höhen gebeamt wird.
Architektouren
Burgenland
www.architekturraumburgenland.at Digitaler Architekturreiseführer
Oberösterreich
www.kultururlaub.at
Kärnten/Napoleonstadl
www.architektur-kaernten.at
Niederösterreich
www.orte.at
Haus der Architektur Graz
www.hda-graz.at
Folder Steiermark
www.steiermark.com
Folder Tirol
www.tirol.at
AzW, Architekturzentrum Wien: regelmäßige „sonntags“-Touren und mehrtägige Architekturreisen. www.azw.at
aut, Architektur und Tirol: „vor ort“-Werkgespräche sowie „aut:door“, geführte Stadtspaziergänge. PDF „architek[tour] Innsbruck“ zum Herunterladen, www.aut.cc
v.a.i., Vorarlberger Architektur Institut; vai weekend-Exkursionen und Reihe „Architektur vor Ort“; „ontour“-Datenbank zum Zusammenstellen der spannendsten Vorarlberger bauten. www.v-a-i.at
Architektouren-Graz: Führungen in Graz und in der Steiermark.www.architektourengraz.at