Gürtel, Schuhe und meine Würde, bitte

Flughafen
Flughafen(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Auf dem Flughafen kann man Einblicke gewinnen, ohne sie je gesucht zu haben.

Auf dem Flughafen kann man Einblicke gewinnen, ohne sie je gesucht zu haben. Bei allem, was sich rund um die Sicherheitsschleuse abspielt, hat man eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Man schaut entweder ungeniert zu, wie der Herr vor einem so ziemlich alles, was er auf dem Leib trägt, ablegt, um dann in beigefarbenen Socken auf die andere Seite zu tapsen, wo auch noch alle Einzelheiten seiner Toilettetasche untersucht werden, ehe er Gürtel, Schuhe und seine Würde wiederbekommt. Oder man wendet den Blick dezent ab und hofft, dass einem nicht das Gleiche widerfährt. Aber dann wird man schon auf die Seite gebeten und sieht mit starrem Blick zu, wie der chaotische Inhalt der Handtasche anklagend auf dem Kontrolltisch aufgebreitet wird.

Sicherheitsmaßnahmen sind natürlich eine gute Sache. Aber wenn die Vorschriften von Flughafen zu Flughafen verschieden ausgelegt werden, fühlt man sich manchmal einer Willkür ausgeliefert, die unangenehm ist. Und man fühlt sich grundsätzlich nicht wohl in Socken, wenn alle anderen Schuhe anhaben. Vor allem, wenn die Socken einen nicht ganz übereinstimmenden Farbton haben.

Für diesen kurzen Moment, in dem man in fremdes Gepäck blickt, öffnet sich ein ganzes Lebensspektrum vor einem: Man sieht wild Durcheinandergeworfenes, man bewundert akkurat geordnete Krawatten (gerollt, nicht gefaltet), man sieht Einsamkeit, Neurosen und Statussymbole. Dann geht jeder seine Wege.

Bei der Bar trifft man sie manchmal wieder. Die Eiligen, die noch schnell ein Bier trinken, ehe sie im Flugzeug einschlafen. Die Gestrandeten, die wegen eines Pilotenstreiks Zickzack durch Europa fliegen und ihren Zorn am Personal auslassen. Die Familien, die nur noch nach Hause wollen und noch schnell in die teuersten Chips des ganzen Urlaubs investieren, damit es keine Tränen gibt.

Jeder verschwindet dann in sein Leben, aber ich kenne alle ihre Zahnbürsten.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2016)

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