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Vom „Hotel Mama“ ins Hotel am Ring

Als Basil Haji im Jänner 2010 nach Österreich kam, war er gerade einmal 14 Jahre alt. Heute ist er der erste syrische Flüchtling, der die Lehre zum Koch abgeschlossen hat.

Wie und warum er hier gelandet ist, weiß der heute 20-jährige Basil Haji eigentlich selbst nicht genau. Die Schlepper, die ihm bei der Flucht aus Syrien geholfen haben, sprachen eine andere Sprache und ließen ihn einfach in Traiskirchen stehen. Er war allein. Weit weg von zu Hause und ohne seine Familie. Erst bei der Anmeldung im Flüchtlingsheim hat er erfahren, dass er in Österreich ist. Das war im Jahr 2010.

Seit diesem Tag ist viel passiert. Nach rund zwei Monaten in Traiskirchen kam Haji nach Wien ins Integrationshaus. „Da war es super“, sagt er, „viel besser als im Flüchtlingsheim.“ Trotzdem war es nicht einfach. Dass er ohne Deutsch nicht weit kommen würde, merkte er schnell. Nachdem ihn das Integrationshaus an eine Patenfamilie vermittelt hatte, kam er mit immer mehr Leuten in Kontakt, und seine Sprachkenntnisse entwickelten sich rasch. Heute spricht er fließend Deutsch.

Haji holte die Mittelschule nach, besuchte ein halbes Jahr lang das Gymnasium und wechselte dann für ein Jahr an die HTL. Schließlich entschied er sich für eine Lehre zum Koch. Schon vorher hatte er oft selbst gekocht und sonst schien für ihn nichts so richtig zu passen. Also schrieb er Bewerbungen. Viele Bewerbungen. Seine Patenfamilie unterstützte ihn, bis er endlich eine Rückmeldung erhielt – im August 2013 vom Vienna Marriott Hotel am Parkring.

Auf Zuwanderer angewiesen

Hotellerie und Gastronomie sind Branchen, die traditionell auf die Arbeitskraft von Zuwanderern angewiesen sind. Das Verhältnis zwischen Arbeitsaufwand und Entlohnung schreckt viele Österreicher ab. Viktoria Arnold, HR-Direktorin im Hotel Imperial in Wien, sagt, dass ein gutes Viertel der rund 190 Mitarbeiter ihres Hauses keine österreichische Staatsbürgerschaft besitze. Insgesamt seien 23 verschiedene Nationen im Hotel vertreten. Tatsächlich hätten Jobs in der Hotellerie einen schlechteren Ruf, als sie verdienten, sagt Arnold. Für Leute, denen der Servicebereich liege, biete ein Beruf in der Branche auch viele schöne Seiten.

Haji hat seine Lehre inzwischen abgeschlossen. Am meisten gefällt ihm, dass er laufend neue Gerichte aus aller Welt kennenlernt, von denen er noch nicht gehört hat. Koch zu sein bedeutet für ihn, nie auszulernen. Er trifft regelmäßig neue Kollegen, die bereits viel im Ausland gearbeitet haben und ihre Erfahrungen und teils aufwendigen Rezepte weitergeben. „Kochen ist nicht leicht“, sagt er, „weil es nicht einfach ist, den Geschmack zu treffen und die passenden Zutaten zu kombinieren.“ Denn große Restaurants hat er – von innen – erst in Europa kennengelernt. In seiner alten Heimat, einem Dorf im Westen Syriens, war er im „Hotel Mama“ Stammgast.

Verschiedene Initiativen haben das Potenzial von Zuwanderern wie Haji und die mangelnde Integration erkannt. Lobby16, refugeeswork.at und andere Organisationen versuchen, die Lücke zwischen Arbeitslosigkeit und Arbeitskräftebedarf zu schließen.

Langfristige Beschäftigung zählt

Bernhard Ehrlich, Initiator des Vereins 10.000 Chancen, schätzt, dass er seit April 2016 etwa 240 Jobs vermittelt hat. Wie viele Flüchtlinge er de facto in den Arbeitsmarkt integrieren konnte, sei schwer zu sagen. Denn was zähle, sei nachhaltige Beschäftigung. Ziel sei es, Arbeitswillige langfristig unterzubringen und zu verhindern, dass sie nach wenigen Wochen wieder gekündigt werden.

Haji hat es jedenfalls geschafft. Seine Familie ist mittlerweile nachgekommen. Er möchte in Österreich bleiben und mit seiner Kochkarriere weitermachen. Für ihn steht fest: „Kochen ist schön.“

(Print-Ausgabe, 26.11.2016)