Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Ein Hauch von Thatcherismus weht durch Paris

Im Duell gegen Alain Juppé (r.) greift François Fillon nach dem Sieg bei den Vorwahlen der Konservativen.
Im Duell gegen Alain Juppé (r.) greift François Fillon nach dem Sieg bei den Vorwahlen der Konservativen.APA/AFP/POOL/ERIC FEFERBERG
  • Drucken

Im TV-Duell mit Alain Juppé bekräftigte der stoische Reformer François Fillon seine neue Favoritenrolle bei den konservativen Präsidentschaftsvorwahlen.

Paris. François Fillon (62) und Alain Juppé (71) gehören seit Jahrzehnten derselben konservativen Bewegung an, sie sind heute beide Mitglieder derselben Partei, Les Républicains (LR), und beide waren Minister und sogar Regierungschefs unter Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy. Und doch trennt die beiden Präsidentschaftsanwärter so manches. In einer Fernsehdebatte drei Tage vor der Entscheidung in den Vorwahlen der bürgerlichen Mitte und Rechten hatten Fillon und Juppé nochmals Gelegenheit, die Unterschiede ihres Programms darzustellen und gleichzeitig das Angebot des Konkurrenten zu zerpflücken. Da beide aber eben zur selben Familie gehören, musste das ein delikates Unterfangen sein.

Das war, wie man im Verlauf der Debatte rasch spürte, vor allem ein Problem für Juppé. Er hatte lang in Umfragen und Medien als klarer Favorit gegolten. Sein Ergebnis (28%) als Zweiter im ersten Durchgang der Vorwahlen, so weit hinter dem vermeintlichen Außenseiter Fillon (44%) zurück, war eine kalte Dusche. Dieser Rückstand zwang Juppé zur Offensive und einem aggressiven Stil, der ihm nicht behagt. Juppé fand denn auch in der Fernsehdebatte nie den richtigen Ton. Er musste sogar zugeben, dass er mit seinen Angriffen auf Fillons konservative Haltung in Gesellschaftsfragen wie Abtreibung oder Homosexualität unter die Gürtellinie gezielt hatte.

 

Juppés Attacken gingen ins Leere

Juppés Versuch, Fillon als reaktionären Anhänger einer Kinder-Küche-Kirche-Mentalität zu brandmarken, scheiterte mangels stichhaltiger Beweise. Die Tatsache allein, dass Fillon von ultrakonservativen bis rechtsextremen Kreisen unterstützt wird, genügte als Argument nicht. Wie bei allen Attacken blieb er vor den Kameras stoisch gelassen. Diese stille Entschlossenheit ist sein Markenzeichen, das sich bisher in den Vorwahlen als äußerst effizient erwiesen hat. Ins Leere verpuffte auch Juppés Klage, man habe ihn wegen angeblicher proislamischer Sympathien als „Ali Juppé“ verleumdet. Fillon dagegen konnte mit Unschuldsmiene vorbringen, dass ein Staatspräsident über allen Verdacht erhaben sein müsse. Seinem Rivalen, der vor langer Zeit wegen einer Parteifinanzierungsaffäre gerichtlich verurteilt worden war, blieb nichts anderes übrig, als zu sagen, er habe gebüßt und sei rehabilitiert worden.

Umgekehrt versuchte Juppé mehrfach, Fillon wegen seiner radikalen Reformvorschläge zu diskreditieren. 500.000 öffentliche Stellen abzubauen sei nicht nur unrealistisch, sondern werde im Gegenteil die Wirtschaft aufgrund der zu erwartenden Widerstände erneut blockieren, meinte Juppé.

Er schlägt selbst etwas weniger Stellenabbau vor, wäre aber wie Fillon auch für das Ende der 35-Stundenwoche und Steuersenkungen. Diese Vorsicht muss aber vielen bürgerlichen Wählern im Vergleich zu Fillons „Schock der Liberalisierung“ als mangelnder Wagemut vorkommen. Während Fillon eine Politik ankündigt, die in Frankreich bereits mit dem britischen Thatcherismus verglichen wird, mutet Juppés sozialliberales Programm mehr wie eine fade Fortsetzung der zaghaften Reformen unter Hollande und vor ihm Sarkozy an.

Wer sich vorsichtshalber damit abfinden mag, wird auf die Karte Juppé setzen. Wer dagegen radikalere Änderungen befürwortet, stimmt am Sonntag für Fillon. Nach der Fernsehdebatte meinten 53% der Zuschauer, der Favorit Fillon habe dieses Duell gewonnen; Rechtswählern erklärten ihn gar zu 71% zum Sieger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2016)