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Was ich lese: Almut Tina Schmidt

Erst kürzlich gelesen: ein Roman von 1973. Ausnahmezustand in der Türkei, eine Gesellschaft im Umbruch.

Mittendrin eine Fremde, eine Studentin, die – wohlintegriert, aber auf Zeit – für ihre Abschlussarbeit recherchiert. Überall stößt sie auf Spuren einer faszinierenden Tradition, in der Spiritualität und Subversion einander nicht ausschließen.

Doch die Gegenwart, Freundschaften, Liebesgeschichten, die große lebendige Stadt am Bosporus, die Hitze, das Licht, aber auch die nächtlichen Ausgangssperren, Proteste, Polizeiwillkür nehmen immer größeren Raum ein. Und je mehr die Erzählerin von ihrer Umgebung aufnimmt, je besser sie sich zurechtfindet, je näher sie den Menschen kommt, desto mehr begreift sie, wie wenig sie wirklich von dieser Gesellschaft versteht (während man selbst beim Lesen merkt, wie wenig man bisher von der Vielfalt an mystischen, philosophischen, poetischen, politischen Strömungen im Islam wusste).

Der Erzählerin wird immer klarer, dass sie ihre Arbeit nicht schreiben wird; sie zweifelt an dem Anspruch, alles aus Geschichte und Kultur eines Landes heraus erklären zu können. Das Leben ist komplexer, widersprüchlicher; manche Distanzen, manche Spannungen sind nicht zu überwinden, nur auszuhalten.

Es ist dieser behutsame Zugang, der an Das Verschwinden des Schattens in der Sonne von Barbara Frischmuth (Aufbau Verlag) so besonders besticht. Vieles bleibt in der Schwebe oder wird in der Andeutung belassen. Dennoch verzichtet der hoch differenzierte Text nicht darauf, auf politisches Unrecht, Machtmissbrauch und Gewalt so eindrücklich hinzuweisen, dass es lange nachhallt. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2016)