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Wo Würde beginnt

(c) APA/HANS KLAUS TECHT
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Ein Kind braucht "Schutz, Beziehung und Freiheit": Schriftsteller Paulus Hochgatterer hat diesen Text zur Erinnerung an das Unrecht verfasst, das österreichischen Heimkindern widerfahren ist.

Am Beginn des traurigsten Buches, das es über fremduntergebrachte Kinder gibt, Astrid Lindgrens „Mio, mein Mio“, sitzt die Hauptfigur der Geschichte, der neunjährige Bo Vilhelm Olsson, auf einer Parkbahn und denkt über sein Leben nach: Ich war Pflegekind bei Tante Edla und Onkel Sixten. Ich kam zu ihnen, als ich ein Jahr alt war. Vorher wohnte ich in einem Kinderheim. Von dort hat mich Tante Edla geholt. [. . .] Tante Edla sagte immer, der Tag, an dem ich ins Haus gekommen bin, sei ein Unglückstag gewesen. Onkel Sixten sagte nichts. Doch, manchmal sagte er. „Du da, geh nach draußen, damit ich dich nicht sehen muss.“ Ich stellte mir vor, dass überall dort, wo Licht war, Kinder mit ihren Müttern und Vätern beisammen saßen. Nur ich, ich saß hier draußen im Dunkeln. Allein.

Kinder, die in Heimen, Wohngemeinschaften oder Pflegefamilien untergebracht werden, tragen in der Regel schon davor – wie Bo Vilhelm Olsson im Buch – ein Bündel an früheren Erfahrungen mit sich herum, die mit Einsamkeit, Geringschätzung und Gewalt zu tun haben. Ihre ersten Bezugspersonen waren oft nur unzureichend in der Lage, jene Dinge zur Verfügung zu stellen, die für eine gesunde Entwicklung von Kindern notwendig sind: Schutz, Beziehung und Freiheit. Das bedeutet für diese Kinder vor allem eins, eine tiefe primäre Beschämung. In ihrem Inneren fühlen sie sich klein, wertlos und nichtswürdig. Was sie an Zorn oder Auflehnung eventuell aufbringen können, geht meist ins Leere.

Schutz, Beziehung, Freiheit. Um die Urbeschämung dieser Kinder zu verringern, braucht es an den Plätzen, an denen sie dann leben, und vonseiten der Personen, denen sie anvertraut sind, vor allem die drei genannten Dinge – Schutz, Beziehung und Freiheit: Schutz vor Gewalt, Schutz vor Missachtung und Geringschätzung, Schutz vor missbräuchlicher Instrumentalisierung; Beziehungen, die Trost spenden, Beziehungen, die Hilfe leisten, Beziehungen, die Resonanz bieten; die Freiheit, wegzugehen, die Freiheit, sich zu irren, und die Freiheit, Nein zu sagen. Wenn uns etwas daran liegt, dass die Kinder das entwickeln, was wir gewohnt sind, etwas großspurig „Identität“ zu nennen, also die Fähigkeit, von einem einigermaßen sicheren Ort aus „Ich“ zu sagen, müssen wir dafür sorgen, dass diese Dinge gewährleistet sind.

Die Hoffnung einer beträchtlichen Zahl von Kindern, ihre Bürde an primärer Beschämung werde in der Obhut von Kirche oder Staat weniger schwer, wurde in den vergangenen Jahrzehnten nicht erfüllt. Im Gegenteil, diese Kinder wurden alleingelassen, missachtet, missbraucht und gequält, mit anderen Worten, erneut zutiefst beschämt. Auf solche Weise wurde ihnen die Fähigkeit, von einem sicheren Ort aus „Ich“ zu sagen, also ihre Identität, nicht gegeben, sondern genommen. Manche der Kinder hatten Glück und trafen später, wie Bo Vilhelm Olsson in Astrid Lindgrens Geschichte, einen guten Geist, der ihnen einen derartigen Ort doch noch zugänglich machte. Andere hatten dieses Glück nicht. Ihnen blieb als Einziges, zu dem sie „Ich“ sagen konnten, ihre Beschämung.

Hüterin der menschlichen Würde. Der bedeutende amerikanische Psychoanalytiker Leon Wurmser, der sein Leben der Erforschung der menschlichen Scham gewidmet hat, fasst die Angelegenheit in einen Satz: „Scham ist die Hüterin der menschlichen Würde.“ Wo Beschämung von außen überhandnimmt, ist nur noch Scham. Damit gibt es nichts mehr zu hüten, Würde schon gar nicht. So könnte man diesen Satz fortsetzen. Ein Mensch, der imstande ist, „Ich“ zu sagen, besitzt Identität und Würde. Kinder, die ausreichend beschämt wurden, tun sich später schwer damit, „Ich“ zu sagen, und sie empfinden keine Würde mehr. So sehr schämen sie sich.

„Ich schäme mich“. Wenn es dem Staat und der Kirche – neben abstrakt-distanzierten Grundrechtsbeteuerungen – tatsächlich ein Anliegen ist, den Menschen, um die es hier geht, einen Kristallisationskeim ihrer Würde wiederzugeben, so reicht es nicht, fürchte ich, die ohnehin auf der Hand liegende Verantwortung auch explizit zu übernehmen und sich zu entschuldigen, sondern es empfiehlt sich, noch einmal einen Blick auf den Satz von Leon Wurmser zu werfen: „Die Scham ist die Hüterin der menschlichen Würde.“

Die Entwürdigung durch Beschämung ist in dem Kontext, von dem hier die Rede ist, nur dadurch aufhebbar, dass man das Übermaß an Scham von denjenigen nimmt, auf deren Schultern es geladen wurde. Die Scham muss dort empfunden und artikuliert werden, wo sie hingehört. Das verlangt, dass jemand – Exponent von Staat oder Kirche – aufsteht und diesen schwierigsten aller Sätze sagt: „Ich schäme mich.“ Angesichts jener Dinge, die wir in den vergangenen Jahren aus den Heimen, Wohngemeinschaften und Pflegefamilien erfahren haben, ist das zumutbar, denke ich. ?

Zum Autor

Paulus Hochgatterer, geboren 1961 in Amstetten. Kinder- und Jugendpsychiater und Schriftsteller. Zuletzt bei Deuticke: der Kriminalroman „Das Matratzenhaus“ (2010) und „Katzen, Körper, Krieg der Knöpfe. Eine Poetik der Kindheit“ (2012).

Seit 2007 steht Hochgatterer der neu gegründeten Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Landesklinikums Tulln als Primar vor. Er lebt mit seiner Familie in Wien.

Der Staatsakt

Tausende österreichische Kinder wurden in der Zweiten Republik in Heimen der öffentlichen Hand und der Kirche gedemütigt und missbraucht. Auf Initiative von Nationalratspräsidentin Doris Bures fand am 17. 11. der Staatsakt „Geste der Verantwortung“ statt, in dem das offizielle Österreich und die Kirche zum Ausdruck brachten, dass die Republik das Leid der Betroffenen anerkennt. Der Wiener Schriftsteller und Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer hat diesen Text für das Begleitheft des Staatsaktes im Parlament verfasst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2016)