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Die "Schöne Neue Welt" des Donald Trump

Der frühere Reality-TV-Star und künftige US-Präsident weiß genau, wie er eine wütende Bevölkerung erreichen kann.

Was wir lieben, wird uns ruinieren“, prophezeite Aldous Huxley 1932. In „Schöne Neue Welt“ beschrieb er eine Menschheit im Jahr 2540, die sich aufgrund ihres Verlangens nach ständiger Unterhaltung, der Dominanz der Technologie und eines Überflusses an materiellen Gütern selbst zerstört. Mit der jüngsten Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten scheinen sich Huxleys Vorhersagen bereits über 500 Jahre früher zu verwirklichen.

Die öffentliche Kultur Amerikas schreckt schon seit Langem vor intellektuellem Denken zurück. Oft wird für eine Art volkstümlichen Laisser-faire-Egalitarismus geworben, der die Voraussetzung für uneingeschränkte Kreativität und den dadurch geförderten ungezügelten Kapitalismus ist. Alles, was man zum Aufstieg benötigen soll, sind Mut und Beharrlichkeit.

Für Länder wie die Sowjetunion, die stärkere Ähnlichkeit mit der Welt von George Orwells dystopischem Roman „1984“ hatte, war dies einst ein attraktives Modell. An einem Ort, wo jegliche kulturelle Kreativität durch die Kontrolle der Regierung in den Untergrund verbannt wurde, wirkte der volkstümliche Geist und Ideenreichtum, der durch Amerika verkörpert schien, wie ein schöner Traum.

 

Unfähig zum Widerstand

Aber in einer Welt wie jener von Orwell baut sich letztlich politischer Druck auf, und wie in der Sowjetunion 1991 wird das System dann durch eine immer stärkere Dissidentenbewegung weggefegt. Werden die Menschen allerdings durch stumpfsinnige Unterhaltung und Haufen von Krempel abgelenkt, verlieren sie ihren Willen zum Widerstand. Früher oder später mangelt es ihnen so sehr an Wissen und Fähigkeiten, dass sie einem solchen Leben, selbst wenn sie wollen, keinen Widerstand mehr entgegensetzen können. Dies ist die Welt, vor der die USA jetzt stehen.

Seit Langem schon verleiht die amerikanische Kulturindustrie der Politik des Landes einen Geschmack von Hollywood-Surrealismus. Politiker sind Charaktere, die von Jimmy Stewarts moralisch unkorrumpierbarem Unschuldigen in „Mr. Smith geht nach Washington“ (1939) über Orson Welles Trump-ähnlichen Mogul in „Citizen Kane“ (1941) bis hin zu Robert Redfords aufrichtigem Kreuzritter in „Der Kandidat“ (1972) reichen. Ganz zu schweigen von den vielen Cowboys und Rangern, die von John Wayne gespielt wurden.

1960 zog mit der Wahl des jungen, braun gebrannten John F. Kennedy erstmals die Hollywood-Ästhetik in das Weiße Haus ein. Er war mehr Playboy als Cowboy und gewann so die amerikanischen Herzen. Aber das Spießbürgertum verkörperte er nicht: Im Gegenteil, 1963 erklärte er, dass „Unwissenheit und Analphabetentum zum Scheitern unseres sozialen und wirtschaftlichen Systems führen“. Der nächste telegene US-Präsident war Ronald Reagan – ein echter Schauspieler. Aber in Bezug auf Offenheit und Wissen vertrat er Ansichten, die denen von JFK genau entgegengesetzt waren.

Indem er der weißen Arbeiterklasse wirtschaftliche Maßnahmen der Angebotsseite versprach, überzeugte er Millionen von der Idee, „weniger Regierung“ – also Kürzung staatlicher Programme – würde dem Land „einen neuen Morgen bringen“. Mit seinem gut geprobten sonnigen Gemüt spielte Reagan seine Rolle als Präsident sehr professionell, aber mit einem deutlichen Hollywood-Flair.

Seine Strategische Verteidigungsinitiative (SDI), mit der er die Strategie der nuklearen Abschreckung beenden wollte, wurde auch unter dem Spitznamen „Star Wars“ bekannt. Reagans Status als republikanische Ikone hat viel mit seiner Fähigkeit zu tun, die Brutalität eines Cowboys mit dem Charme eines Filmstars zu verbinden. Dabei hat auch Glück eine Rolle gespielt. Immerhin wurde der Sieg im Kalten Krieg erheblich von Michail Gorbatschow gefördert, dessen Reformversuche den Kollaps der Sowjetunion beschleunigten.

 

Rückgang des geistigen Niveaus

Durch diesen Sieg wurden die Amerikaner in ihrer Ansicht, dass Mut mehr als Wissen zähle, noch bestärkt. James Carville, ein Kampagnenstratege für Präsident Bill Clinton, prägte die Redensart „Es ist die Wirtschaft, Dummkopf“. Sie war so prägnant, dass sie bis heute oft verwendet wird. Trotzdem ist genau diese Wirtschaft für den Rückgang des geistigen Niveaus mitverantwortlich.

Im Jahr 2000 waren die US-Wähler bereit für George W. Bush. Gleichzeitig ein Prinz und ein Durchschnittsbürger, vereinte er den blaublütigen Ostküstenstammbaum seines Vaters mit einer simplen texanischen Persönlichkeit, was ihn zu einer perfekten Kreuzung zwischen Stewart und Wayne werden ließ. Aber Bush war kein Filmstar. Eher war er ein Schauspieler in einem Werbespot für Kriege. Heute hat das Entertainment eine neue Stufe erreicht – ebenso wie die Politik.

Vom Reality-TV über Sommerfilmhits bis hin zu den sozialen Medien – was in den USA immer mehr Menschen beschäftigt, ist ungefilterter, zusammenhangloser und unerbittlicher als je zuvor.

 

Hunger nach Likes

Das Bedürfnis nach detailliertem Wissen und komplexen Diskussionen scheint fast völlig durch einen viel mächtigeren Hunger nach Memen, Likes und Followern ersetzt worden zu sein. Und nun Vorhang auf für Trump! Mit seinen Krawallkundgebungen und seinen mitternächtlichen 140-Zeichen-„Politikvorschlägen“ weiß der ehemalige Reality-TV-Star genau, wie er eine wütende Bevölkerung erreichen kann, die ihren Sorgen Ausdruck verleihen will. Trump hat seinen Wahlsieg selbst den sozialen Medien zugeschrieben.

Einige Trump-Wähler behaupten, sie seien von „gesundem Menschenverstand“ geleitet. Was ihnen gefallen habe, sei seine Botschaft von „Wohlstand und Schuldenreduzierung“, „einem starken Militär und der Reform der Einwanderung“. Bei näherem Hinschauen allerdings wird klar, dass die Botschaft keine Substanz besessen hat.

Was die Trump-Unterstützer wirklich gewählt haben, ist der fiese Chef in „Der Kandidat“, die entscheidungsstarke Autoritätsfigur, die ohne zweimal nachzudenken jeden sofort feuert – oder aus dem Land ausweist. Viele stimmten auch für die Rückkehr in eine Zeit, in der weiße Männer noch Cowboys und Eroberer waren.

 

Ein Silberstreif am Horizont

Mit der Wahl Trumps, der einen Verfechter der weißen Überlegenheit zum führenden Berater und Strategen benannt hat, könnte sich Amerika in Orwell'sche Bereiche begeben. Dies wäre verheerend. Aber der Silberstreif am Horizont ist, dass früher oder später eine Widerstandsbewegung entstehen könnte, die das System zerstört.

Und selbst wenn Trump der Versuchung des Neofaschismus widersteht, könnte er ein Amerika erschaffen, das für immer weniger Menschen funktioniert, und wo die Wähler, die in den sozialen Medien so fleißig Katzenbilder und falsche Nachrichten teilen, immer mehr ihre Fähigkeit verlieren, zwischen lebendiger Realität und ihrem virtuellen Schatten zu unterscheiden.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Copyright: Project Syndicate, 2016.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

DIE AUTORIN


Nina L. Chruschtschowa
(*1964) studierte an der Moskauer Staatsuniversität und dissertierte an der Universität Princeton. Sie ist die Enkelin des früheren Sowjetführers Nikita Chruschtschow. Derzeit ist sie stellvertretende Dekanin der New School und Senior Fellow am World Policy Institute, an dem sie das Russland-Projekt leitet. Ihr neues Buch: „The Lost Khrushchev: Journey into the Gulag of the Russian Mind“. [ Project Syndicate ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2016)