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Burgtheater: Gemetzel um Gott

(c) APA/HANS KLAUS TECHT
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Tina Lanik inszeniert "Geächtet" von Ayad Akhtar mit einem brillanten Ensemble: Die beste Zimmerschlacht seit Edward Albee.

Wer erschafft uns? Früher dachten wir: Gott. Heute ist die Lage unübersichtlich: Was macht uns als Individuen aus? Genetik? Herkunft? Erziehung? Religion? Ach ja, und sind wir überhaupt Personen? Oder bloß Knöpfe, die eingeschmolzen werden – wie in Ibsens „Peer Gynt“? Seit Samstagabend ist im Burgtheater „Geächtet“ von Ayad Akhtar zu sehen. Das Stück wird landauf, landab gespielt, Theaterdirektoren sind nicht immer originell.

Mit Yasmina Reza wird der 1970 in New York geborene, in Wisconsin aufgewachsene Ayad Akhtar, der pakistanische Wurzeln hat, gern verglichen. Die Französin mit jüdischen, ungarischen und persischen Wurzeln pflegt einen leichteren, humorvolleren Stil. Beiden gemeinsam ist, dass sie die Grenzen zwischen Unterhaltung und Hochkultur, Shakespeare und Boulevard durchbrechen. In Shakespeare steckt ja, näher betrachtet, auch eine gute Portion Boulevard.

In einem New Yorker Loft leben die Malerin Emily und der Anwalt Amir. Der Kurator Isaac lockt Emily mit einer Ausstellung, doch hat er auch ein Verhältnis mit ihr. Amirs Neffe Abe überredet seinen Onkel, sich für einen verhafteten Imam einzusetzen. Amir zögert, er fürchtet um seine Karriere in einer jüdischen Kanzlei. Bei einem Abendessen mit Isaac und dessen afroamerikanischer Ehefrau, Jory, gleichfalls eine erfolgreiche Advokatin, eskaliert die Konversation . . .

 

Wie viel darf man von sich preisgeben?

Es wäre kein Nachteil gewesen, wenn die Schauspieler ihrer Herkunft im Stück gemäß besetzt worden wären. Das hätte die Wirkung verstärkt. Aber dieser Abend im Burgtheater ist auf jeden Fall ein großes Erlebnis.

Fabian Krüger begeistert im Maßanzug mit 600-Dollar-Hemd als Anwalt, der sich hundertprozentig assimiliert hat, seine pakistanische Herkunft verschweigt, den Islam vehement ablehnt – und sich doch nicht vom „Hauch“ einer Sympathie für die Täter von 9/11 befreien kann. Nicholas Ofczarek sorgt für etwas Heiterkeit im Ernsten: Isaac mit weißem Haar und „Schipperl“ versteht etwas von Kunst und vom Diskurs und hat sich als liberaler Intellektueller in stoischer Ambivalenz eingerichtet. Amirs von Existenzangst und Alkohol gesteuerte Temperamentausbrüche sind Isaac fremd. Als Amir Isaac anspuckt, bewirft ihn dieser mit Salat.

Katharina Lorenz weint echte Tränen als Gutmensch Emily. Die Sinnlichkeit, die sie einst mit Amir verbunden hat, ist von dessen Karriere überwuchert worden. In ihrer Wut und Angst bleiben diese beiden allein. Isabelle Redfern als Jory, die sich „aus dem Ghetto“ in die höchsten Höhen der New Yorker Luft hochgearbeitet hat, kann mit Amirs Identitätsproblemen nichts anfangen, in der Karriere zieht sie an ihm vorbei. Amir ist der Geächtete. Und Neffe Abe alias Hussein (Christoph Radakovits) driftet in den Fundamentalismus ab oder, wie Isaac es nennen würde, in den Islamofaschismus.

Der Text ist perfekt einstudiert, sage niemand, das ergebe sich von selbst, Feydeau oder Goethe würden vor Neid erblassen wie hier die Konversation nur so flutscht und knallt. Wie im „Kasperltheater“ möchte der Zuschauer manchmal rufen „Pass auf, hinter dir!“ bzw. „Halt die Klappe, du redest dich um Kopf und Kragen!“. „Es kommt aus dir. Der Islam hat kein Monopol auf den Fundamentalismus“, heißt es einmal. Das klingt etwas schlicht. Im Kontext stimmt es.

Denn die zwei Ehepaare bekämpfen einander auf fast jeder Ebene gnadenlos, vor allem im heiklen Bereich, Sex und persönlichen Vorlieben. Einfach gesagt: Sie machen einander ständig herunter, am liebsten vor Zeugen. In diesem Hickhack steckt mehr als Rechthaberei. Aus Rezas „Gott des Gemetzels“ wird ein „Gemetzel um Gott“ als Stellvertreter für unüberbrückbare Differenzen.

 

Geschlechterkampf trotz Liebe

Doch Akhtar, der als Lieblingsbuch Thomas Manns gewaltige und göttliche Konversation „Der Zauberberg“ nennt, hat noch andere Inspirationsquellen. Zum Beispiel Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, eine Zimmerschlacht, die ihrerseits an Strindberg erinnert. Verschärfend kommt hier dazu, dass die Akteure einander wirklich lieben, immer wieder marschieren sie wohlmeinend aufeinander zu, bekommen eine Abfuhr oder werden verletzt. Vielleicht hätten diese Leute statt Ernest Beckers „Die Dynamik des Todes“ lieber Erich Fromms „Haben oder Sein“ oder „Die Kunst des Liebens“ lesen sollen: „Liebe ist eine Aktivität und kein passiver Affekt. Sie ist etwas, was man in sich entwickelt, nicht etwas, dem man verfällt.“ In gewisser Weise ist Akhtar ehrgeiziger als Reza: Er erdachte für sein Stück allerlei Intellektuellenfutter wie die Verbindung zwischen Velázquez' Gemälde „Juan de Pareja“ – ein Sklave in der Pose eines Herrn – und Emilys Porträt ihres Mannes, Amir, des Möchtegern-150-Prozent-Amerikaners, zu dem Isaac meint, er hätte gar nicht gewusst, dass Amir ein Moslem sei, wenn er es nicht in der „New York Times“ gelesen hätte.

Der Weg in eine neue Welt führt durch Selbstverleugnung, Vergessen und Verdrängen der Wurzeln, die in Islamabad ebenso wie in Klagenfurt liegen können. Gelingt die Erschaffung einer neuen Identität ohne spirituelle Verankerung, oder droht irgendwann der Rückschlag, der Backlash? Ist die „Integration“ in das eigene Leben, gleich wo und wie, einmal abgeschlossen, oder bleibt immer ein Rest Unsicherheit – und welche Rolle spielt bei alledem das Geld?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2016)