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Stefan Suske: „Das sind keine großen Helden“

Stefan Suske tourt demnächst mit dem Stück „Der Trafikant“ von Robert Seethaler durch die Bezirke.(c) Volkstheather/ LUPI SPUMA
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Schauspieler Stefan Suske erzählt, warum ihn Seethalers „Trafikant“ so berührt, und was passiert, wenn das Wiener Theaterpublikum sauer wird.

Er verkauft nicht nur Zigaretten, Zeitungen und – unter der Hand – Schmuddelhefte. Otto Trsnjek aus Robert Seethalers Roman „Der Trafikant“ sieht seine kleine Trafik im neunten Wiener Bezirk als „Tempel des Geistes und des Genusses“. In der Stückfassung von „Der Trafikant“, mit der das Volkstheater demnächst durch die Bezirke tourt, verkörpert Stefan Suske den invaliden Trsnjek, der in der Zeit rund um den Anschluss einen jungen Mann vom Land ins Trafikantengeschäft einführt: Der 17-jährige Franz wird von seiner Mutter von Nußdorf am Attersee nach Wien geschickt. Sigmund Freud, ein Kunde der Trafik, wird ihm zum Ratgeber in Liebesdingen, sein Lehrmeister Trsnjek zum politischen Ziehvater – und zum Vorbild mit seinem „subtilen Widerstand“ (Suske) gegen die Nazis. Er weigert sich etwa, Juden aus seinem Geschäft zu verbannen – und als die Trafik deshalb von Antisemiten mit Blut beschmiert wird, sagt er: „Ich tanz nicht mit auf eurer Veranstaltung.“

„Das ist das Schöne an der Geschichte, dass es keine großen Helden sind, die da agieren, sondern ganz normale, nicht einmal gar zu intelligente Leute, die trotzdem Haltung zeigen“, sagt Suske. Der Trsnjek sei „wahrscheinlich kein unglaublich sympathischer Typ. Mich interessiert an der Figur etwas, was ich selbst noch vor Augen habe: diese Kriegsheimkehrer, diese einbeinigen, denen man im Gesicht ansieht, was sie mitgemacht haben.“ Seethalers Roman, den Suske im Vorjahr auch als einstündige Lesefassung in der Roten Bar des Volkstheaters präsentiert hat, habe ihn von Anfang an berührt – vielleicht auch, weil er die Schauplätze nur zu gut kennt: „In Nußdorf hatte meine Familie lange Zeit ein Haus. Ich habe dort etliche Sommer verbracht. Und dann spielt es bei der Berggasse oben, die Trafik gibt es ja wirklich noch. Ich wohne da um die Ecke.“

 

„Die Wiener mögen ihre Schauspieler“

In Wien lebt der 58-jährige Suske erst seit der vorigen Spielzeit wieder, als er gemeinsam mit Intendantin Anna Badora vom Grazer Schauspielhaus an das Volkstheater gewechselt ist. Der gebürtige Wiener begann seine Karriere in Graz, später hatte er Engagements in Krefeld-Mönchengladbach und am Stadttheater Bern. Tickt die Theaterwelt in Wien anders? „Ich habe in der Schweiz immer herausgehört, dass man ein bisschen neidisch auf das Wiener Publikum ist, das ja angeblich so theaterkundig und leidenschaftlich ist“, sagt Suske. „Die andere Seite ist: Zu Beginn der neuen Intendanz ist sicher nicht alles so geglückt, wie wir uns das vorgestellt haben, aber so eine Feindseligkeit im Publikum gegenüber dem Neuen habe ich noch nie erlebt. Ich meine, die Leute mögen ihre Schauspieler, und wenn so viele gehen, sind sie sauer. Das ist ja eigentlich eine schöne Haltung. In dem Fall hat es eben uns Neue getroffen.“

Das Kundige am Wiener Publikum habe aber auch seine Vorzüge, meint Suske: „Ich erinnere mich, da hat einmal der Michael Heltau im Burgtheater gespielt, und in der Pause hat jemand gesagt: ,Na, also der ist heute überhaupt nicht in Form.‘ Das würde man in der Schweiz nie sagen! Man würde gar nicht auf die Idee kommen, dass ein Schauspieler Schwankungen hat!“

„Der Trafikant“-Autor Robert Seethaler, der seinen Roman für die Bühnenfassung selbst adaptierte, dürfte da kundiger sein: Er lernte an der Schauspielschule des Volkstheaters einst selbst das Handwerk. Merkt man das seinen Texten an, sind seine Dialoge etwa besonders schauspielerfreundlich? „Komischerweise“, sagt Suske, „finde ich im Roman die Prosastellen eindringlicher als die Dialogstellen. Sie sind schön, man kann sie gut sprechen und mit Leben füllen. Aber seine große Stärke ist das Erzählen.“ Daher fand auch ein Teil von Seethalers Prosa ins Stück, immer wieder nimmt das Ensemble gemeinsam die Rolle des Erzählers ein. Umgekehrt ist auch dem Schauspieler Suske das Schreiben nicht fern: Im nächsten Leben werde er Schriftsteller, meinte er einmal. „Vielleicht geht sich ja auch in diesem Leben noch eine Spätkarriere aus“, sagt er der „Presse“. Respekt vor dem schriftstellerischen Schaffen habe er jedenfalls: „So ein Roman ist eine Wahnsinnsarbeit. Das kannst du nicht einfach aus dem Ärmel schütteln!“

„Der Trafikant“: Premiere am 2.12. im Volx/Margareten, Tour durch die Wiener Bezirke bis 3.2.2017.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2016)