Schnellauswahl

Gerade die ärmsten Kinder brauchen die besten Schulen

Die Bildungsministerin will künftig jenen Schulen, die die größten Aufgaben bewältigen, mehr Lehrer und Ressourcen als anderen geben. Eine gute Idee.

Wir kennen eines der Hauptprobleme unseres Schulwesens genau, nur spricht es kaum jemand, deutlich aus: die soziale Durchmischung fehlt. Nicht auf dem Land – dort besuchen Kinder die Schule, die am nächsten liegt, und fertig. In der Stadt hingegen, mit ihren unendlichen Wahlmöglichkeiten, ist es ein vertrautes Bild: Durch das Schultor auf der einen Straßenseite gehen jene Kinder, deren Eltern sich über die Schulwahl intensiv Gedanken gemacht haben. Sie haben oft selbst höhere Bildung, Geld, eine geräumige Wohnung, gute Jobs und soziale Kontakte. Wenn sie ein Problem haben, wissen sie, wie man Hilfe organisiert. Durch das Schultor auf der anderen Straßenseite hingegen gehen Kids, die schwerere Rucksäcke tragen: Sie wohnen beengt, sprechen zu Hause oft eine andere Sprache, ihre Eltern sind arm, bildungsfern, häufig arbeitslos und können ihren Kindern kaum helfen.

Selbst wenn die Schulen auf den beiden Straßenseiten gleich gut sind, ist dieser Zustand nicht ideal. Es tut perspektivlosen Kindern nicht gut, nur andere perspektivlose Kinder zu kennen. Es tut den Bessergestellten nicht gut, wenn sie in ihrer Blase bleiben und vom wirklichen Leben in der Großstadt nichts mitkriegen. Und Deutsch als gemeinsame Sprache wird umso schneller gelernt, je besser die Kinder anderer Muttersprachen auf alle Schulen verteilt sind.

In der Praxis kommt zu dieser Schieflage jedoch oft noch eine zweite hinzu: Die Schulen mit den ärmeren Kindern sind oft auch noch die schlechteren: mit weniger Platz, weniger Ressourcen, weniger Angeboten – und frustrierteren Lehrern, die sich mit der Fülle an Problemen überfordert und alleingelassen fühlen.

Dass soziale Durchmischung wichtig ist – darüber besteht bei allen, die mehr Bildungsgerechtigkeit wollen, Konsens. Nur, wie stellt man diese her? Versuche, steuernd einzugreifen, enden oft im Desaster. In den USA transportierte man in den 1970er-Jahren schwarze und weiße Kinder mit Bussen quer durch die Stadt, um der Rassentrennung entgegenzuwirken. In Berlin und anderen Städten werden Kinder fix ihrer Grätzelschule zugeteilt – mit dem Effekt, dass sich Familien bei der Oma anmelden, wenn ihnen die zugeteilte Schule missfällt, oder dass sie gleich in andere Viertel ziehen, sobald sie Kinder kriegen – was die Segregation nur noch verschärft.

Die österreichische Bildungsministerin hat sich diese Irrwege wahrscheinlich alle genau angeschaut, sie will deshalb bei uns den umgekehrten Weg gehen: Nicht die Kinder sollen von einem Ort zum anderen bewegt werden, sondern die staatlichen Ressourcen. „Chancenindex“ heißt das Modell, die Arbeiterkammer hat es im Detail ausgearbeitet.

Die Grundidee ist: Jene Kinder, die daheim weniger Ressourcen haben, brauchen mehr staatliche. Schulen mit vielen Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen sollen daher zusätzliche Mittel bekommen, die sie in zusätzliche Lehrer, nicht pädagogisches Personal, Sozialarbeit, Ausstattung, Unterrichtsmaterialien, individuelle Förderung, besondere Projekte oder zusätzliche Sprach-, Musik- oder Sportangebote investieren können, je nachdem, was der Standort braucht.

Das ist eine bestechende Idee, wirkt sie doch in mehrere Richtungen gleichzeitig. Kinder, die vom Schicksal benachteiligt wurden, bekommen für die Schulen so einen zusätzlichen materiellen „Wert“. Sie ziehen Ressourcen an, bringen mehr Personal an die Schulen, was den Lehrenden neue Möglichkeiten eröffnet und die Arbeit attraktiver macht. Was insgesamt bessere Stimmung erzeugt – und ziemlich sicher auch bessere Leistungen.

Gut möglich, dass eine solche Schule– mit besonders engagierten Lehrern, besonders guter Ausstattung und besonders guter Stimmung – schließlich auch mehr Kinder von der anderen Straßenseite anzieht. Wogegen, im Sinn der sozialen Durchmischung, natürlich nichts einzuwenden wäre.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Sibylle Hamann
ist Journalistin

in Wien.
Ihre Website:

www.sibyllehamann.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2016)