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Syrien: Aleppo steht vor dem Fall

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Ein Soldat des syrischen Regimes steht über den Dächern von Aleppo. Assads Truppen kontrollieren bereits mehr als ein Drittel des Ostteils der Millionenstadt.APA/AFP/GEORGE OURFALIAN
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Moskau verkündet den Durchbruch in der hart umkämpften Millionenstadt. Die Rebellen wollen nicht aufgeben. Die Einnahme Aleppos würde Assads Position ungemein stärken.

Damaskus/Wien. Erst Aleppo zurückerobern, dann ganz Syrien: Noch vor einem Jahr, als moderate Rebellen, Islamisten und andere Regimegegner mehr Boden im Bürgerkriegsland kontrollierten, erschien der Plan von Machthaber Bashar al-Assad als ein wahnwitziger Tagtraum. Nun, die Lage hat sich geändert.

Syrische Regimetruppen machen bei der Einnahme von Aleppos Osten schnelle Fortschritte. Offenbar kontrolliert Damaskus bereits 40 Prozent des gesamten Ostteils, der vor vier Jahren von Rebellen erobert wurde. Während die Kämpfe andauern, sind bis zu 16.000 Zivilisten auf der Flucht in andere Viertel. An Aufgabe denken die Rebellen jedoch nicht: „Der Kampf geht weiter“, wird einer ihrer Vertreter in der Deutschen Presse-Agentur zitiert. Die Truppen stellen sich auf Straßenkämpfe ein, und während die Rebellen geschwächt sein dürften von der wochenlangen Einkesselung Ost-Aleppos – die Lebensmittel sind vor zwei Wochen ausgegangen, medizinische Versorgung ist praktisch nicht vorhanden –, zeigen sich Assads Kämpfer siegessicher. Bis zur Inauguration von Donald Trump Mitte Jänner wollen die Regimetruppen Aleppo komplett erobert haben, sagen russische Informanten.

Geht es nach Assad und seinen Sponsoren Russland und Iran, soll im neuen Jahr ein neues Kapitel in Syrien eröffnet werden. Denn erstens ist Trump bisher nicht mit einer offensiven Syrien-Strategie aufgefallen. Daher hoffen Assads Unterstützer, dass sich die USA sukzessive aus dem Bürgerkriegsgebiet zurückziehen. Einzelne Kommentare Trumps weisen auch in diese Richtung.

Und zweitens: Seit Moskau und Teheran aktiv in Syrien Assads Rücken stärken, hat das Regime an Boden dazugewonnen. Wenn es ihnen gelingt, Aleppo ganz zu erobern, kontrolliert Damaskus alle großen Städte in Syrien – und kann von hier aus den Feldzug in die nächstgelegene Provinz Idlib starten, wo die Rebellen ebenfalls Rückzugsgebiete haben. Wer jedoch die Rebellen genau sind, ist nicht leicht zu überschauen. In die Reihen der moderaten Kräfte haben sich in den vergangenen Jahren auch islamistische Kämpfer eingereiht, die keinen Anschluss zum Islamischen Staat fanden.

 

Zentrum des Widerstands

Das geteilte Aleppo ist und war besonders umkämpft. Neben den islamistischen Extremisten haben auch die Kurden einige Viertel erobert. Für die Rebellen ist der Osten der Millionenstadt strategisch wichtig, sie ist das urbane Zentrum des Widerstandes gegen Assad. Den Westteil kontrollierte auch vorher schon das Regime.

Die Kämpfe zwischen den Lagern haben die Zivilisten in eine aussichtslose Lage manövriert, in Ost-Aleppo ist nicht einmal Trinkwasser verfügbar, die laufenden Bombardierungen haben ganze Straßenzüge zerstört und Menschen in Trümmerfeldern begraben. Seine Strategie der Einkesselung und Isolation hat Assad auch hier angewendet. Die Ärzte ohne Grenzen halten in der Türkei, im nahen Grenzgebiet, tonnenweise Hilfslieferungen bereit und könnten innerhalb eines Tages Ost-Aleppo erreichen, sofern sie grünes Licht von allen Seiten bekommen.

In staatsnahen russischen Medien wird der Vormarsch auf Aleppo als Durchbruch gefeiert. 80.000 Zivilisten hätten mit russischer Hilfe nach langer Zeit erstmals wieder Zugang zu Medizin, Trinkwasser und Lebensmitteln erhalten, heißt es aus Moskaus Militärkreisen.

Unterdessen hat der französische Außenminister, Jean-Marc Ayrault, eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats zum Thema Aleppo gefordert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2016)