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Ein ganz einfacher "Ironman"

(c) Michaela Bruckberger
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Franz Knor lässt nichts liegen: Weder eine leere Bierflasche noch einen Supertriathlon. In einer Woche tritt er auf Hawaii wieder an – mit fast 78 Jahren als ältester Teilnehmer.

Die Fernsehbilder waren ernüchternd: Franz Knor steigt völlig ausgepumpt aus dem Wasser. Franz Knor muss im Ziel gestützt werden. Wer den drahtigen Senior kennt, weiß freilich: Franz Knor war – und ist – stolz, es wieder einmal geschafft zu haben: beim sechsten Ironman in Hawaii, als ältester Finisher aus Europa.

Der Ironman treibt die Teilnehmer an ihre Grenzen – egal, wie alt sie sind: 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und dann ein Lauf über die Marathondistanz von 42,2 Kilometern. Der Hawaii-Bewerb gilt als inoffizielle Weltmeisterschaft in dieser Disziplin, für die Teilnahme sind bestimmte Limits Voraussetzung. Nächsten Sonntag wird Franz Knor aus Wien-Strebersdorf auf der Pazifikinsel wieder am Start stehen. Mit bald 78 Jahren.

27 Ironman-Bewerbe hat der Seniorsportler schon absolviert, vom Wörthersee bis Lanzarote. In Hawaii 2007 hat er sich 16 Stunden 32 Minuten gequält, zehn Jahre vorher schaffte er den Supertriathlon noch in 11 Stunden 9 Minuten.

Aber das Alter hat auch seine Vorteile. Fernsehsender reißen sich um Franz Knor. Schon eine Woche nach dem letzten Hawaii-Bewerb läutete das Telefon. In zwei Tagen sollte er bitte in Hamburg sein, Flug und Hotel für ihn und seine Frau seien bereits reserviert. Ob er ans Aufgeben gedacht hätte, will NDR-Interviewerin Monica Lehrhaus dann nach den Filmpassagen aus Hawaii wissen. „Beim Schwimmen hab ich schon den Huat drauf haun wollen“, antwortet Knor. „Was sagen Sie?“, fragt die Moderatorin verblüfft. Der Franz: „Naja, wie man so auf Wienerisch sagt, wenn man am Ende ist.“ Vielleicht wird er aber demnächst kürzertreten, das Radfahren sei im Verkehr oft gefährlich, das werde er einschränken. Nicht aber das Laufen.

Erst mit 47 Jahren zum Sport. Seine Philosophie, sein Lebensmotto? Er denkt nach, sucht – ausnahmsweise – nach Worten. „Ich bin ein einfacher Mann“, sagt er. Aber Franz Knor ist kein einfacher Mann, er ist ein Original. Er lernte Tischler, arbeitete beim E-Werk Wien, gründete eine Familie, baute in den 70er-Jahren ein Eigenheim. Erst mit 47 fing er mit dem Sport an. Geblieben ist aus der Kindheit im Weltkrieg und der Jugend in der Nachkriegszeit eine extreme Sparsamkeit. Findet er beim Lauftraining eine leere Bierflasche, dann trägt er diese den Rest der Strecke mit, auch zwölf Kilometer oder mehr. Denn den Flascheneinsatz, derzeit neun Cent, könne man nicht liegen lassen.

Bisamberg und Umgebung sind sein Trainingsgebiet und seine Heimat. Da erzählt Franz Knor während des Laufens über seine Kindheit auf der Anhöhe oben auf dem Magdalenenhof, gleich beim Sender. Beim ersten Luftangriff auf Wien seien die Buben von „oben“ noch im Freien gesessen und hätten das Schauspiel beobachtet. Dann aber schoss die Flak aus Wien heraus. „Da sind wir wie nix in den Luftschutzkeller gerannt.“ Vom Bisamberg ist er zu Fuß in die Stammersdorfer Volksschule gegangen, später zur Lehre nach Floridsdorf. Im Winter ging es mit den Skiern bergab. Schließlich wurde er Flachland-Floridsdorfer.

Kein Wunder, dass er hier jedes Fleckerl kennt. Zum Beispiel den Gemeindekeller von Langenzersdorf, einst ein Waffendepot. Nach dem Krieg lagerte die Gemeinde dort Erdäpfel ein, und die Kinder, auch er, hätten gegen geringes Entgelt die Erdäpfeltriebe abgerebelt. Er erzählt von den Überschwemmungen in Stammersdorf, von dem unter Wasser stehenden Kinosaal im Gasthof „Zum schwarzen Adler“. Wie ein Film laufen die Jahrzehnte an einem vorüber, beim Heimatkunde-Unterricht à la Knor.

Auch noch Zeit zum Malen. Sechs Stunden trainiert Franz Knor heute jeden Tag. Kaum zu glauben, dass im Hause über den Dutzenden Pokalen auch noch selbst gemalte Ölbilder und Aquarelle hängen. Vor einigen Jahren hat er sich zudem einige Hühner zugelegt, musste die Haltung aber wieder aufgeben – beschwerten sich einige Nachbarn doch über den frühen Weckruf des Hahnes. Dem Franz hat das nichts ausgemacht. Auf ihn wartete schließlich ein Morgenlauf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2009)