Unter Tränen in den Urlaub

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Die Familie Gazerov aus Moskau hat ihre Ferien auf der Insel Kreta verbracht – natürlich all-inclusive. Wie viele Russen definiert auch sie sich immer mehr über die Anzahl ihrer Reisen.

Am Ende hat es mit dem Urlaub doch noch geklappt. Zu Jahresbeginn war ja nicht klar gewesen, ob unsere Moskauer Familie Gazerov wie viele Russen aufgrund der Wirtschaftskrise zum ersten Mal seit Langem auf die Reise ans Meer würde verzichten müssen. Ein Rückschlag für eine junge russische Mittelschicht, die den neuen Wohlstand im letzten Jahrzehnt auch über die Anzahl der Urlaube zu definieren begann und die Gesprächsthemen das Jahr über vermehrt auf realisierte und erträumte Urlaubsziele beschränkte.

Am Ende wurde es dann doch wieder das Mittelmeer, wenn auch nicht die Türkei oder Ägypten, deren Strände Iwan und Olga Normalverbraucher mehr bevölkern als andere. Unsere Gazerovs sind individuell genug, um sich fürs griechische Kreta entschieden und die kulturellen Schätze im Alleingang mit dem Mietauto erkundet zu haben. Aber sie sind doch auch Russen genug, um all-inclusive abzusteigen, sich an der unbegrenzten Konsummöglichkeit zu erfreuen und ungehalten darüber zu sein, dass die Landsleute an den Nebentischen mit ihrer Unmäßigkeit die wahre Entspannung fernab der Heimat erschweren.

Dort, wo kein Landsmann ist. Gewiss, die Gazerovs sind von Grund auf tolerant, und im Falle, dass die hauseigene Toleranzgrenze überschritten wird, tendieren sie noch immer zur feinen Formulierung. „Die Leute üben ein wenig Rast“, sagt Boris Gazerov, wenn zwei Mitbürger in Griechenland wegen des All-inclusive-Whiskeys vom Sessel fallen. „Sie haben schon ein bisschen zu viel“, meint Boris' Frau Julia, wenn ein unbekannter Russe dem anderen auf dem Weg zur Toilette eine knallt, weil er beim Wodka Nummer neun etwas Respekt vor dem Gegenüber vermissen ließ. Der Russe an sich geht ja mit seinesgleichen gewöhnlich härter ins Gericht, als die Gazerovs es tun.

„Gut ist es dort, wo wir noch nicht waren“, sagt der Russe gern über seine Nation. Wenn er von der positiven Qualität einer Urlaubsdestination berichtet, so gilt als eines der Hauptkriterien, dass „dort kein einziger Russe anzutreffen war“. Da hat er freilich anderen Nationen nichts voraus. Unsereins würde das auch über die Deutschen sagen.

Apropos, die Deutschen: Was bei uns meist nachbarschaftliche Neckerei ist, ist in Russland die Gratwanderung zwischen der Feindschaft einstiger Kriegsgegner und der historischen Aussöhnung mit einer neuen Achtung voreinander. Die Wahl für Letzteres ist längst getroffen, und dass Russland absolut keinerlei Ressentiments gegenüber Deutschen hat, gilt als Sensation.

70 Jahre nach dem Beginn des II.Weltkrieges und kurz vor Urlaubsantritt brach Julia in Tränen aus, als sie von ihrer Familiengeschichte erzählte. Julias Beschäftigung mit dem Krieg ist jung und ihr Aufschrei bezieht sich auf ein Bild, das sie neulich bei einem Besuch der Großmutter entdeckt hat. Auf dem Foto begräbt Julias Urgroßmutter ihren Sohn, der den Krieg überlebt hat, dann aber dem Suff verfallen ist.

Mit der Großmutter würde sie in letzter Zeit oft über die Enteignungen durch die Kommunisten reden, sagt Julia. Auch darüber sei früher nicht geredet worden. Noch heute sei Bildung das Um und Auf für die 85-jährige Oma: „Lernen, lernen, lernen“ – so das Credo ihrer Jugend: „Um rauszukommen, den Sprung zu schaffen und die gegenwärtige Situation zu überwinden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2009)

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