Warum jetzt die Zeit der Ernte kommt, und weshalb der amerikanische Solarwert First Solar weiter eine gute Investitionsidee ist.
Man muss nicht bibelfest oder Landwirt sein, um zu wissen: Es gibt eine Zeit zu säen und eine Zeit zu ernten. An den Börsen scheint mir derzeit die Erntezeit gekommen: Die Märkte sind in den vergangenen Tagen eindeutig in eine Konsolidierungsphase eingetreten. Niemand kann genau sagen, ob das jetzt das vorläufige Ende der Rallye ist oder nur eine Korrektur überzogener Kursentwicklungen.
Fest steht aber: Die Kurse korrigieren. Und die, die am stärksten nach oben gezogen sind, fallen jetzt, wie man beispielsweise am Freitag gesehen hat, besonders heftig zurück. Zumindest bei diesen Papieren gebietet die Vernunft, jetzt die immer noch schöne Ernte einzufahren und dann von der Seitenlinie aus aufmerksam das weitere Geschehen zu beobachten. Gewinne zu realisieren und auf tieferem Niveau wieder einzusteigen ist jedenfalls die eindeutig vernünftigere Idee, als die Kurs-Paternosterfahrt durch den Keller mitzumachen.
Wer jetzt auf Nummer sicher gehen will, der zieht die Stop-Loss-Limits jedenfalls deutlich an und verkauft bei deren Verletzung rigoros. Aus den jetzt besonders stark abstürzenden „Highflyern“ der vergangenen Monate (etwa der „Presse am Sonntag“-Empfehlung Stec) sind alle, die sinnvollerweise mit Stop-Limits arbeiten, ohnehin schon heraußen.
Kein wirkliches Problem also, sondern eine neue Chance: Der jetzige Rücksetzer bietet allen, die zu vorsichtig waren und die Sommerrallye verschlafen haben, eine neue Einstiegschance.
Die aber vorsichtig wahrgenommen werden sollte: Denn so günstig wie im vergangenen April stehen die Aussichten auf einen schnellen Börsenaufschwung jetzt nicht mehr. Im Gegenteil: Die Börsianer scheinen den auf offenbar nicht sehr akkuraten Prognosemodellen basierenden und deshalb wohl deutlich zu optimistischen Prognosen der Wirtschaftsforscher nicht zu glauben. Just an dem Tag, an dem der Internationale Währungsfonds in der vergangenen Woche seine globale Konjunkturprognose anhob, stürzten die Kurse in den USA ab. Begründung: Die Wirtschaftsdaten entwickeln sich nicht gut genug, um das bereits hohe Kursniveau zur rechtfertigen. Zusätzlich zu den offenbar doch nicht so tollen Konjunkturdaten kommt weltweit eine Welle von Kapitalerhöhungen, die sich auch nicht gerade positiv auf das Kursniveau auswirkt.
Die Zeit des aggressiven Kaufens ist also vorerst einmal vorbei. Das heißt aber nicht, dass es an den wichtigsten internationalen Märkten keine Gelegenheiten mehr gibt.
Meiden sollte man derzeit besonders stark gekletterte Werte und Aktien aus Sektoren, die in den vergangenen Monaten von staatlichen Konjunkturprogrammen gelebt haben – und bei denen nach dem Ende dieser Programme nun Katzenjammer einkehrt. Die Autoindustrie beispielsweise beginnt unter dem Auslaufen der Verschrottungsprämien in wichtigen Märkten zu stöhnen. Autoaktien sind derzeit also ein eindeutiger Verkauf.
Im Prinzip gilt das auch für Solarwerte: Die neue deutsche Regierung hat angedeutet, die Solarförderungen zu kürzen. Und Deutschland ist nun einmal einer der wichtigsten Solarmärkte der Welt.
Ein Solarwert scheint davon freilich ausgenommen zu sein: Die in der „Presse am Sonntag“ schon mehrfach empfohlene amerikanische First Solar(ISIN US3364331070), die zu den Kostenführern in der Branche gehört, ist auch während der vergangenen „Absturztage“ deutlich gestiegen. Der Grund: First Solar ist als erste Solaraktie in den wichtigen amerikanischen S&P-500-Index aufgestiegen. Damit gerät sie auf den Radarschirm der Großanleger – und auf die Einkaufslisten der Indexfonds. Diese zusätzliche Nachfrage treibt die Kurse offenbar weiter an. Der Dünnschichtsolarzellenhersteller aus Phoenix/Arizona ist also wohl auch auf diesem Niveau noch ein Kauf.
Ansonsten lautet die Empfehlung jetzt, wie gesagt, auf Zurückhaltung: Gewinne realisieren oder mittels strikter Stop-Limits absichern. Und im Übrigen auf die Chancen, die vorübergehend tiefere Kurse bieten, warten. Die kommen bestimmt, möglicherweise sogar sehr bald. Aber in stark nervöse Märkte mit wieder steigender Volatilität (wie jetzt) aggressiv hineinzukaufen – das ergibt nicht viel Sinn.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2009)