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Heute vor... im November: Die Arbeiter und die Arbeiterkammer

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Die Errichtung der Arbeiterkammern wird prinzipiell gebilligt.

Neue Freie Presse am 30. November 1886

Etwa 500 Arbeiter versammelten sich heute Abends im Augartensaale, um den vom Deutsch-österreichischen Club eingebrachten Antrag auf Errichtung der Arbeiterkammern zu berathen. Es sprachen blos zwei Redner. Die Versammlung, welche ruhig verlief, nahm schließlich einstimmig eine Resolution an, wonach die Errichtung der Arbeiterkammern principiell gebilligt und deren Einführung unter der Voraussetzung als Fortschritt erklärt wird, daß der Machtbereich der Kammern insbesondere bezüglich der Erhebung und Abschaffung von Mißständen erweitert, die Zahl der Kammermitglieder, sowie die Bestimmungen über das active und passive Wahlrecht den thatsächlichen Verhältnissen entsprechend abgeändert werden, die unentgeltliche Amtirung der Kammermitglieder aufgehoben und die Zahl der in den Reichsrath zu entsendenden Vertreter derjenigen der Handelskammer gleichgestellt werde; die Forderung nach allgemeinem Stimmrechte für alle Vertretungskörper wird aufrechterhalten.

 

Fährt das Vieh bald billiger Bahn?

Die Eisenbahntarife für Vieh und Fleisch könnten sinken.

Neue Freie Presse am 29. November 1906

In der heutigen Sitzung des Staatseisenbahnrates wurde ein die Fleischfrage betreffender Dringlichkeitsantrag eingebracht, welcher verschiedene tarifliche Maßnahmen behufs Erleichterung der Approvisionierung von Wien vorschlägt. In erster Linie wird verlangt, daß auf allen Straßenbahnlinien noch Wien die Tarife für Vieh und Fleisch mindestens um die Hälfte herabzusetzen wären. Eine solche Herabsetzung der Eisenbahntarife käme für ungarisches galizisches und alpenländisches Vieh in Betracht, wobei außer der Zustimmung der Staatsbahnen auch die Privatbahnen notwendig wäre. Ferner wurde eine Reform der Vorschriften für die Haftung der Eisenbahnen beim Viehtransporte in Vorschlag gebracht. Bekanntlich haftet die Eisenbahn nach dem geltenden Betriebsreglement in Ansehung lebender Tiere nicht für den Schaden, welcher aus der mit der Beförderung dieser Tiere für dieselben verbundenen besonderen Gefahr entstanden ist. Gegenwärtig kommt es vor, daß die Tiere sich auf dem Transporte verletzen, oder, was bei Fettschweinen häufig ist, ersticken. Der eingebrachte Dringlichkeitsantrag will für Schäden aus der Beförderung der Eisenbahn die Haftung auferlegt sehen. Es wird schließlich die Regierung ersucht, die Lieferungsfristen für lebendes Vieh zu beschränken und jedenfalls die Wiener Ueberstellungsfristen ganz aufzulassen. Diese Maßnahme bezweckt die Beschleunigung der Viehtransporte, da das Vieh durch längeren Transport entwertet wird und in schlechterer Kondition am Bestimmungsorte ankommt.

 

So gefährlich ist der Straßenbahnverkehr

Die Zahl der Unfälle ist stark gestiegen – eine neue Sandstreuung soll sie senken. 

Neue Freie Presse vom 28. November 1906

In letzter Zeit war, wie erinnerlich, vielfach Gelegenheit geboten, sich mit der plötzlich wieder aufgetretenen ungewöhnlich großen Zahl von Unfällen zu beschäftigen, die sich im Verkehr der Wiener Straßenbahnen oder durch die Wagen derselben ereignet. Die Reichshaupt- und Residenzstadt hat später als andere Metropolen das Netz ihrer Straßenbahnen für den elektrischen Betrieb umgewandelt, ohne sich aber alle Erfahrungen und technischen Errungenschaften zunutze zu machen, die anderwärts gesammelt worden sind. Die „Elektrisierung“ der Tramway war ebenso wie die Vertreibung der „Engländer“ bei der Straßenbeleuchtung ein Schlagwort des eben zur Herrschaft gelangten christlichsozialen Regimes. Es galt – aus parteipolitischen Gründen – dasselbe rasch in die Tat umzusetzen, und man hat hierbei manche Rücksicht fallen gelassen, manche Uebereilung begangen, die bei organischer Entwicklung der Frage sicherlich unterblieben wäre. Noch heute wird herumexperimentiert, noch heute ist lucus a non lucendo die Schutzvorrichtung, die an der Brustwehr der Motorwagen angebracht ist, in Funktion, welche denjenigen, der das Unglück hat, von einem Straßenbahnwagen niedergestoßen zu werden, mit absoluter Sicherheit zermalmt; noch immer sind die veralteten Sandstreuvorrichtungen im Gebrauch, welche insbesondere bei feuchtem Wetter jene Friktion hervorrufen sollen, deren es bedarf, wenn die elektrische Bremse die ihr innewohnenden Vorzüge entwickeln soll, wo es gilt, den Wagen jäh zum Stehen zu bringen. (…) Stadtrat Schreiner legte heute ein ausführliches Elaborat wegen probeweiser Einführung einer neuen Standstreuvorrichtung vor, wodurch die Bremswege um 10 bis 20 Prozent und bei schlüpfrigem Schienenzustand gegenüber der gewöhnlichen Sandstreuung sogar um 50 bis 60 Prozent verringert werden. Vorläufig sollen 50 Motorwagen mit den neuen Standstreuapparaten probeweise ausgerüstet werden. Die Kosten beziffern sich mit 400 K. per Motorwagen. Andere Referate wegen Erhöhung der Betriebssicherheit sind in Ausarbeitung begriffen. Dem Antrag des Referenten wurde zugestimmt.

 

Schutz der Radfahrer auf dem Lande

Übergriffe auf dem flachen Land durch Fuhrleute und Bauern häufen sich.

Neue Freie Presse am 27. November 1896

Der Statthalter Graf Rielmansegg hat an die unterstehenden Behörden einen Erlaß gerichtet, in welchem darauf hingewiesen wird, daß sich in der letzten Zeit die Fälle mehren, daß auf dem flachen Lande Radfahrer seitens der Fuhrleute und Bauern mannigfachen Verationen ausgesetzt sind. Nachdem diese Leute in einer Art und Weise gegen die Radfahrer vorgehen, welche geeignet ist, deren körperliche Sicherheit zu gefährden und deren Verkehr auf den Straßen zu behindern, so erscheint es Pflicht der Behörden, diesem Unfuge und Uebergriffen nach Thunlichkeit entgegenzutreten.

 

Feuer unterhalb der Marienbrücke

Unterhalb der Brücke bestand ein “Hotel” für Obdachlose.

Neue Freie Presse am 26. November 1906

Ein großes Aufsehen erregender Brand ist gestern nachmittags um halb 2 Uhr unterhalb der neuerbauten Marienbrücke entstanden. Dem Feuer war sehr schwer beizukommen, und es hätte große Dimensionen annehmen können, wenn man es nicht rechtzeitig entdeckt hätte. Durch den Brand ist man darauf gekommen, daß unterhalb der Brücke ein förmliches “Hotel” für Obdachlose bestand. Als gestern um halb 2 Uhr nachmittags infolge des schönen Wetters ein sehr lebhafter Korso auf der Promenade nächst dem Donaukanal herrschte, sahen Passanten bei der Marienbrücke dichten Qualm aufsteigen. Der Rauch wurde dichter und dichter. Inzwischen war die städtische Feuerwehr von dem geheimnisvollen Brand verständigt worden. Ein kompletter Löschtrain fuhr vor. Angesichts Hunderter von Neugierigen saß die Mannschaft ab und ging der Ursache des Rauches nach.

Das Feuer mußte im Hohlraum der Konstruktion zwischen der Betonwölbung der Brücke und ihrer eisernen Konstruktion an der Leopoldstädter Seite wüten. Es war ungemein schwierig, zum Brandherd zu gelangen, da es fast ausgeschlossen schien, daß sich ein Feuerwehrmann in voller Rüstung zwischen den Sparren durchdränge. Ein Feuerwehrmann mußte sich erst nahezu der ganzen Uniform entledigen, um mit dem Schlauch in der Hand in den Hohlraum hineinzuschlüpfen. Der Raum hat Obdachlosen als freies Nachtasyl gedient, und sie hatten sich ihn durch Decken, Strohsäcke, Matratzen, Kokosmatten wohnlich gestaltet. Reste von Holzkohlen zeigten, daß der Raum auch geheizt war. Jedenfalls ist der Brand durch Unvorsichtigkeit eines Bewohners dieses Nachtasyls entstanden. In wenigen Minuten war das Feuer gelöscht.

 

Verbot der Legung elektrischer Kabel

Die Kabellegung ist “in Folge der vorgerückten Jahreszeit nicht gestattet”.

Neue Freie Presse am 25. November 1896

Der Stadtrath hat in seiner heutigen Sitzung beschlossen, daß der Allgemeinen, der Wiener und der Internationalen Elektricitäts-Gesellschaft die angesuchten Kabellegungen in zusammen 58 Straßen in acht Bezirken in Folge der vorgerückten Jahreszeit nicht gestattet werde. Dieses Verbot muß zur Folge haben, daß zahlreiche Geschäftsleute, welche die Einleitung der elektrischen Beleuchtung in ihre Localitäten bei den genannten Gesellschaften bestellt haben, für den bevorstehenden Winter darauf verzichten müssen und erst im nächsten Frühjahre an die Reihe kommen können - also zu einer Zeit, in welcher das Bedürfniß einer besseren Beleuchtung immer geringer wird.

Wenn ganz neu errichtete Geschäfte, z. B. Cafés oder Restaurationen, durch diesen Aufschub betroffen werden, muß es sich als eine empfindliche Störung des Betriebes fühlbar machen. Es ist nun die Frage, ob die genannten Electrizitäts-Gesellschaften noch rechtzeitig um die Bewilligung zur Kabellegung eingeschritten sind oder ob sie sich damit so verspätet haben, daß das Verbot gerechtfertigt erscheint. Denn es zeigt sich in der That, daß durch das Aufreißen des Pflasters zur Legung von Rohren und Kabeln der Verkehr in den Straßen sehr gestört und gehemmt wird. Man erhält übrigens schon jetzt in mehreren Straßen der Stadt eine Probe der Verkehrsstörungen, die eintreten werden, wenn die Commune an das Legen eines neuen Gasröhrennetzes in der ganzen Stadt gehen wird.

 

Das Testament des Kaisers Franz Joseph

Das Testament wird amtlich veröffentlicht.

Neue Freie Presse am 24. November 1916

Weiland Seine k.u.k. Apostolische Majestät Franz Joseph I. haben in Allerhöchstseinem gestern eröffneten Testamente nachstehende Abschiedsworte an Seine Völker und an die Armee und Flotte zu richten geruht:

“Meinen geliebten Völkern sage Ich vollen Dank für die treue Liebe, welche sie Mir und Meinem Hause in glücklichen Tagen, wie in bedrängten Zeiten betätigten. Das Bewußtsein dieser Anhänglichkeit tat Meinem Herzen wohl und stärkte Mich in der Erfüllung schwerer Regentenpflicht. Mögen Sie dieselben patriotischen Gesinnungen Meinem Regierungsnachfolger bewahren!”

“Auch Meiner Armee und Flotte gedenke Ich mit den Gefühlen gerührten Dankes für ihre Tapferkeit und treue Ergebenheit. Ihre Siege erfüllten Mich mit freudigem Stolze, unverschuldetes Mißgeschick mit schmerzlicher Trauer. Der vortreffliche Geist, welcher Armee und Flotte, sowie Meine beiden Landwehren von jeher beseelte, bürgt Mir dafür, daß Mein Regierungsnachfolger nicht minder auf sie zählen darf, als Ich.”

 

Die Thronbesteigung des Kaisers Karl

Die Verkündigung in beiden Staaten der Monarchie.

Neue Freie Presse am 23. November 1916

An Meine Völker!

Tiefbewegt und erschüttert stehe Ich und Mein Haus, stehen Meine treuen Völker an der Bahre des edlen Herrschers, Dessen Händen durch die nahezu sieben Jahrzehnte die Geschicke der Monarchie aunvertraut waren. Durch die Gnade des Allmächtigen, die Ihn in frühen Jünglingsjahren auf den Thron berufen hatte, war Ihm auch die Kraft verliehen, unbeirrt und ungebrochen durch schwerstes menschliches Leid, bis ins hohe Greisenalter nur den Pflichten zu leben, die Sein hehren Herrscheramt und die heiße Liebe zu Seinen Völkern Ihm vorschrieben.

Seine Weisheit, Einsicht und väterliche Fürsorge haben die dauernden Grundlagen friedlichen Zusammenlebens und freier Entwicklung geschaffen und aus schweren Wirren und Gefahren, durch böse und durch gute Tage, Oesterreich-Ungarn durch eine lange und gesegnete Zeit des Friedens auf die Höhe der Macht geführt, auf der es heute im Verein mit treuen Verbündeten den Kampf gegen Feinde ringsherum besteht. Sein Werk gilt es fortzusetzen und zu vollenden. In sturmbewegter Zeit besteige Ich den ehrwürdigen Thron Meiner Vorfahren, den Mein erlauchter Ohm Mir in unvermindertem Glanze hinterläßt.

Noch ist das Ziel nicht erreicht, noch ist der Wahn der Feinde nicht gebrochen, die meinen, in fortgesetztem Ansturme Meine Monarchie und ihre Verbündeten niederringen, ja zertrümmern zu können. Ich weiß Mich eins mit Meinen Völkern in dem unbeugsamen Entschluß, den Kampf durchzukämpfen, bis der Friede errungen ist, der den Bestand Meiner Monarchie sichert und die festen Grundlagen ihrer ungestörten Entwicklung verbürgt. In stolzer Zuversicht vertraue Ich darauf, daß Meine heldenmütige Wehrmacht, gestützt auf die aufopfernde Vaterlandsliebe Meiner Völker und in treuer Waffenbrüderschaft mit den verbündeten Heeren, auch weiterhin alle Angriffe der Feinde mit Gottes gnädigem Beistande abwehren und den siegreichen Abschluß des Krieges herbeiführen wird. (...)

Indem Ich des Himmels Gnade und Segen auf Mich und Mein Haus wie auf Meine geliebten Völker herabflehe, gelobe Ich vor dem Allmächtigen, das Gut, das Meine Ahnen Mir hinterlassen haben, getreulich zu verwalten. Ich will alles tun, um die Schrecknisse und Opfer des Krieges in ehester Frist zu bannen, die schwervermißten Segnungen des Friedens Meinen Völkern zurückzugewinnen, sobald es die Ehre unserer Waffen, die Lebensbedingungen Meiner Staaten und ihrer treuen Verbündeten und der Trotz unserer Feinde gestatten werden.

Meinen Völkern will Ich ein gerechter und liebevoller Fürst sein. Ich will ihre verfassungsmäßigen Freiheiten und sonstigen Gerechtsame hochhalten und die Rechtsgleichheit für alle sorgsam hüten. Mein unablässiges Bemühen wird es sein, das sittliche und geistige Wohl Meiner Völker zu fördern, Freiheit und Ordnung in Meinen Staaten zu beschirmen, allen erwerbstätigen Gliedern der Gesellschaft die Früchte redlicher Arbeit zu sichern.

Als kostbares Erbe Meines Vorfahrens übernehme Ich die Anhänglichkeit und das innige Vertrauen, das Volk und Krone umschließt. Dieses Vermächtnis soll Mir die Kraft verleihen, den Pflichten Meines hohen und schweren Herrscheramtes gerecht zu werden. Durchdrungen von dem Glauben an die unvernichtbare Lebenskraft Oesterreich-Ungarns, beseelt von inniger Liebe zu Meinen Völkern, will Ich Mein Leben und Meine ganze Kraft in den Dienst dieser hohen Aufgabe stellen.

Karl m.p., Koerber m.p.

 

Winterhilfe ist Pflicht

Ein soziales Drückebergertum darf es einfach nicht geben.

Neue Freie Presse am 22. November 1936

In Oesterreich wird seit vier Jahren mit Umsicht dahingewirkt, daß in den kalten Monaten kein Mitbürger zu hungern oder zu frieren braucht, daß kein Mittelloser sich verlassen fühlt und schutzlos dem Jammer preisgegeben bleibt. Die Erwerbenden und die Besitzenden trachten den verarmten Brüdern im Rahmen des Möglichen beizustehen und je nach ihren Mitteln an dem Werke der Winterhilfe mitzuarbeiten.

Aber es gibt kein Rasten und kein Stehenbleiben. Oesterreich darf in seinem Unterstützungswerk nicht erlahmen und die aufsteigende Kurve der Spenden und Gaben muß ihre Fortsetzung finden. Das System der freiwilligen Beitragsleistung hat sich bewährt, doch die Gegenwart erheischt seinen Ausbau. Bundeskanzler Dr. v. Schuschnigg richtete gestern im Rundfunk in warmen, herzbewegenden Worten einen Mahnruf an die Bevölkerung, auch diesmal die Probe zu bestehen und die Winterhilfeaktion neuerlich instand zu setzen, allen Bedürften ohne jegliche weltanschauliche oder politische Unterscheidung unter die Arme zu greifen, ihnen die notwendige Ernährung und Bekleidung zu sichern und das erforderliche Beheizungsmaterial beizustellen. Jeder, der kann, muß darum mitwirken, und zwar so, wie es ihm die Verhältnisse gestattet. Ein soziales Drückebergertum darf es einfach nicht geben.

Der Bundeskanzler hat erhebende Beispiele der Sammelfreudigkeit, der richtigen Erkenntnis dessen, was nottut, aus den Erfahrungen des vorigen Jahres angeführt; es gilt nun, das bisher schon Geleistete zu überbieten. 1937 soll ein Großkampfjahr gegen die Arbeitslosigkeit werden. Das ist eine dankenswerte Losung. Zunächst jedoch müssen wir den Winter überstehen, und darum soll in Stadt und Land immer wieder der Ruf erschallen: Gedenket der Hilfsaktion der Regierung und der anderen unterstützungswürdigen Aktionen, spendet, sammelt, entfaltet einen nachahmungswerten Eifer in der Bestätigung der Nächstenliebe und damit des Volksgefühls.

 

Der Kaiser ist tot

“Erschütternd ist das Andenken dieses Lebens, das auch das unsere war”, schreibt die “Neue Freie Presse” in einem Extrablatt zum Tod von Kaiser Franz Joseph.

Extrablatt der Neuen Freie Presse am 21. November 1916

Kaiser Franz Josef I. ist heute gestorben. Wir schreiben diese Meldung nieder, tief ergriffen von dem Heimgange eines Monarchen, dessen Gestalt, da sie, von dem allgemeinen Lose getroffen, am Schlusse des Erdenwollens aus der Brandung des größten Krieges aller Zeiten in die Geschichte einzieht, sich vor unserem geistigen Auge noch einmal erhebt. Die Narben der Wunden, die der Schmerz eingebrannt hat, werden sichtbar, und wir fühlen wieder die Bitternisse vergangener Tage, den Kummer über herzzereißende Erlebnisse, über dem frühzeitig verschiedenen Sohn und die ermordete Frau und über so viel Trauriges und Wehes, daß in Gedanken an dieses Leid die Tränen zu fließen beginnen.

Erschütternd ist das Andenken dieses Lebens, das auch das unsere war; ein Kampf gegen Schicksale, die noch selten mit gleicher Wucht auf einen Fürsten gedrückt haben; und staunend erinnern wir uns, daß Kaiser Franz Josef, durch die Erfahrungen gereift und zur Männlichkeit gestählt, in diesen Jahrzehnten unbegrenzter Hingebung, Pflichttreue und Arbeitslust stärker war als die überkommenen Verhältnisse. Er hinterläßt seinem Nachfolger eine Monarchie, die nach den Erlebnissen im Weltkriege weit mehr verbindende und erhaltende Kräfte hat als beim Thronwechsel in Olmütz, da ein Jüngling von achtzehn Jahren berufen wurde, die Gebrechen vieler Menschenalter zu heilen.

Von Achtzehn bis Sechsundachtzig keine Stunde der Ruhe und der Sorglosigkeit! Immer getrieben von dem Bedürfnisse, den schwierigen Übergang aus patriarchalischen zu freieren Regierungsformen zu vollziehen in der zum Einheitsbewußtsein so mühselig sich entwickelnden Monarchie. Noch im Fieber, mit kranker Lunge ist Kaiser Franz Josef am Schreibtische gesessen, und diese das Gemüt bewegende Selbstaufopferung war nicht vergeblich. Eine im Feuer des Krieges gestählte Armee, wie das Reich sie vorher nie besessen hat, eine Flotte, die unsere Küsten zu schützen vermag, höherer Wohlstand, Fortschritt in Wissenschaft, Kunst und Industrie und eine in den Stunden der Bedrängnis erprobte Bündnispolitik sind das wertvolle Erbe des Kaiser Franz Josef.

Wir aber, denen die Bestimmung vorschreibt, den Weg in die Zukunft ohne ihn fortzusetzen, haben die Empfindung, als hätte auf dunklen Pfaden die Einsamkeit uns überfallen. Wir möchten die Persönlichkeit, so wie sie auf uns gewirkt hat, unzersplittert und als Einheit festhalten; die Persönlichkeit eines Herrschers, der zugelich ein anziehender, gütiger Mensch war, mit einem Wohlwollen, das in seiner Natur lag, mit den großen Wandlungen in einem Lebenslaufe, der unter dem Einflusse des Kaisers Franz begann und mit dem allgmeinen Wahlrechte schloß. Mit Ehrfurcht nehmen wir Abschied vom Kaiser Franz Josef, und das Mitgefühl rankt sich um ihn, der in siebzig Regierungsjahren nicht vollenden konnte, was er sehnsüchtig gewollt hat. Dieses Mitgefühl, es gilt nicht bloß ihm, sondern auch uns. Wir haben einen großen Verlust erlitten, und eine Empfindung überwältigt uns wie das Erbarmen uns fehlt.

 

Caruso spricht über seine Verhaftung

Der weltberühmte italienische Opernsänger hat bereits den Namen “der Herr aus dem Affenhause” erhalten.

Neue Freie Presse am 20. November 1906

Der Newyorker Korrespondent des “Daily Telegraph” hat ein Interview mit Signor Caruso gehabt. Der Sänger soll sehr bleich und bedrückt ausgesehen haben, als ob er von einem unerwarteten Schlage niedergeschmettert worden ist. Er rief Gott zum Zeugen, daß er in gemeinster Weise verleumdet worden ist. “Warum”, rief er in großer Erregung aus, “hat man mich nicht im Gebäude selbst beschuldigt, ich hatte es bereits verlassen und ging fort, bevor ich festgenommen wurde. Wenn diese Anklage gegen mich aufrecht erhalten wird, so ist keines Mannes Ehre mehr sicher.”

“Haben sie die Aussagen des Polizisten Kane gehört”, fragte der Korrespondent, “der behauptet, daß er Sie im vorigen Jahre aus dem Auffenhause entfernen mußte?” “Das ist unwahr!”, erwiderte Caruso, “absolut unwahr. Ich sage nicht, Kane lügt böswillig, aber er irrt sich. Mein Rechtsbeistand wird vielleicht etwas über Kanes Laufbahn zu sagen haben, und bis dahin halten Sie mit dem Urteil zurück.”

Der Sänger fragte dann, ob die Affaire nach Europa berichtet worden ist, und schien sehr niedergeschlagen und überrascht, als die Antwort bejahend lautete. “Sie müssen meinen Freunden in Europa sagen, daß ich unschuldig bin, ich schwöre, ich bin unschuldig. Sie werden alle wissen, daß ich die Wahrheit spreche, bevor der Fall beendigt ist, aber mon dieu, all dies ist furchtbar schrecklich. Ist jemals ein Mann derart verfolgt worden; aber meine Freunde kennen mich und werden kein Wort davon glauben, das wenigstens ist gut. Nein, ich werde mein hiesiges Engagement nicht abbrechen, das wäre Feigheit. Ich werde bleiben und die Sache ausfechten.” (...)

Die Polizei behauptet, außer Mrs. Graham, die bisher noch nicht gefunden worden ist, noch drei Zeugen gegen Caruso zu haben. In Newyork wird die ganze Sache von der humoristischen Seite aufgefaßt, und Signor Caruso hat bereits den Namen “der Herr aus dem Affenhause” erhalten.

Anmerkung: "Die Parallelen zum Fall Dominique Strauss-Kahn sind bemerkenswert", sagt 100 Jahre später Andrew G. Marshall, Autor des Schauspiels "Caruso und der Affenhaus-Prozess". "Es hat den Anschein, je mehr sich die Welt verändert, desto gleicher bleibt sie doch." In dem Schauspiel wird auch die mediale Berichterstattung kritisch beleuchtet: "Caruso wird an den Rand des Wahnsinns getrieben. Sie belauschen ihn an seiner Tür, sie bestechen Leute und nutzen hinterlistige Methoden um noch mehr zerstörerische Indizien zu erhaschen."

Marshall spricht von einem komplexen Fall, "weil Caruso in der Tat ein echter Weiberheld war, aber auf der anderen Seite war die Beweisführung der Polizei nicht schlüssig. Die Staatsanwaltschaft schreckte sogar nicht vor rassistische Verleumdungen gegenüber Italiener zurück, die sich zu dieser Zeit vermehrt in New York ansiedelten."

 

Deutschland und Italien erkennen Franco-Regierung an

Seit vier Monaten fordert der Bürgerkrieg in Spanien große Opfer.

Neue Freie Presse am 19. November 1936

Gestern ist die Anerkennung der Regierung des Generals Franco durch Deutschland und Italien erfolgt. Das geschieht in einem Augenblick, in dem die Truppen der Burgos-Regierung bereits in Madrid stehen und seit Tagen einen heftigen Kampf um die Besitznahme dieser Stadt führen. Vier Monate dauert der Bürgerkrieg in Spanien und es läßt sich kaum vorstellen, welche Opfer an Blut und Gut er bereits gefordert hat. Das Land wurde in dieser Zeit furchtbar hergenommen und die Zerstörung feierte Orgien. Truppen, die früher als Regierungsarmee galten, gerieten immer mehr unter den Einfluß von Anarchisten. Bilder des Grauens, der entsetzlichen Zerstörungen, der Vernichtung von unermeßlichem Kulturgut kennzeichnen die Wege der Kämpfe. Fürwahr, es gibt keine dringlichere Mission als die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung in dem schwergeprüften Lande, die Aufrichtung einer handlungsfähigen Regierung, die dem Chaos ein Ende setzt und der Selbstbestimmung und Vernunft zum Durchbruche verhilft. Die Junta für die nationale Verteidigung hat schon Anfang Oktober alle Macht auf General Franco übertragen, der das Ziel der inneren Befriedung erreichen will. Berlin und Rom haben seine Regierung anerkannt, zumal in dem von Franco nicht besetzten Teile Spaniens von der Ausübung einer verantwortlichen Staatsgewalt überhaupt nicht gesprochen werden kann.

>> mehr zum Spanischen Bürgerkrieg

 

Unromantisches Duell

Die Romantik der Studentenmensuren vergangener Tage ist bedenklich verblasst.

Neue Freie Presse am 18. November 1926

Ein Grazer Student ist im Zweikampf mit einem Kommilitonen gefallen. Der Säbel des Gegners war gesprungen und die abgebrochene Spitze bohrte sich dem Unglücklichen tief in die Brust. Ein hoffnungsvolles junges Menschenleben ist zerstört, einzig und allein deshalb, weil in der Grazer Studentenschaft über die weltbewegende Frage keine Einigkeit herrscht, ob auch die klerikalen Studentenverbindungen bei der Rektorsinauguration in voller Wichs aufziehen dürfen oder nicht. Die Romantik der Studentenmensuren vergangener Tage ist bedenklich verblaßt. Man wird es natürlich durchaus nicht tragisch auffassen, daß heutzutage überhaupt weit weniger Duelle ausgefochten werden und daß sich namentlich unter der studierenden Jugend eine entschiedene Mensurmüdigkeit geltend macht. Die Zeit liegt weit hinter uns, in der man sich rechtzeitig vormerken mußte, um in der berühmten Pietschbude in Währing antreten zu dürfen.

Das Leben ist denn doch nachgerade zu ernst geworden, als daß die studierende Jugend für derlei Betätigung allzuviel Zeit und Muße aufzubringen vermöchte. Der Student von heute hat es leider in nur allzu vielen Fällen mit einem weit gefährlicheren Gegner zu tun. Mit einem Gegner, der unbedingt darauf besteht, daß der Zweikampf ohne Binden und Bandagen ausgetragen werde. Das ist die gemeine Not und der würgende Hunger. Das ist die Kälte im ungeheizten Dachstübchen, das sind die nur allzuoft unübersteigbaren Schwierigkeiten, das Kollegiengeld zu entrichten und sich die nothwendigen Studienbehelfe zu beschaffen. Aber auch jene, die in der Wahl ihrer Eltern vorsichtiger waren, die wenigstens vor den ärgsten Entbehrungen und den drückendsten Sorgen gefeist sind, wissen nur allzu gut, daß der Uebergang ins Philisterium, will sagen in das Erwerbsleben, so zeitlich wie nur irgend möglich erfolgen muß, daß daher der salamanderreibende, Studentenlieder singende, Mensuren schlagende Student von ehedem sich überhaupt nur mehr - Ausnahmen in allen Unehren - im Kommersbuch vorfindet.

Vielleicht darf es ferner auf das wirklich nicht allzu dicht beschriebene Aktivkonto des Krieges gebucht werden, wenn sich nachgerade ein gewisser Säbel- und Pistolenüberdruß geltend macht. Speziell bei uns in Oesterreich mag die Umgestaltung des Heereswesens ein Uebriges getan haben, um die Duellwut zu mildern, den Duellunfug einzudämmen. Um so stärker und unvermittelter wirkt die Nachricht von dem erschütternden Ausgang jendes Studentenduells in Graz. Es fehlt ihm wirklich jeder romantische Hintergrund, und es ist ungemein schwer, in diesem Falle überhaupt von so etwas wie von einem Ehrenhandel zu sprechen. Es ist eigentlich doch nicht recht einzusehen, was es mit der persönlichen Ehre des einzelnen zu tun haben soll, ob die klerikalen Studenten am Rektorstage das Zerevis aufsetzen und die farbigen Bänder um die Brust schlingen dürfen. Das ist aber vielleicht das Allerhäßlichste an jener Studententragödie, daß sie wieder einmal trauriges Zeugnis davon ablegt, zu welch berserkerhafter Wut politische, aber auch pseudopolitische Meinungsverschiedenheiten in der österreichischen Gegenwart auszuarten vermögen.

 

Russland protestiert gegen die Ausrufung eines Königreichs Polens

Russland wirft den Mittelmächten einen Bruch des Völkerrechts vor.

Neue Freie Presse am 17. November 1916

Die Petersburger Telegraphenagentur meldet: Die diplomatischen Vertreter Rußlands sind angewiesen worden den Regierungen, bei denen sie beglaubigt sind, folgenden Protest zu überreichen: “Ich bin von meiner Regierung beauftragt, folgendes zur Kenntnis Eurer Exzellenz zu bringen: In Mißachtung des Völkerrechts haben die österreichisch-ungarischen und die deutschen Militärbehörden in Warschau und in Lublin soeben eine Kundgebung erlassen, wonach die russischen Provinzen Polens künftig einen gesonderten Staat bilden sollen. Die russische Regierung erhebt Einspruch gegen diesen Akt, der eine neue Verletzung internationaler Verträge darstellt, die feierlich von Deutschland und Österreich-Ungarn beschworen worden sind, und erklärt ihn für null und nichtig. Ich stelle fest, daß die Provinzen des Königreichs Polen nicht aufgehört haben, einen integrierenden Bestandteil des russischen Reiches zu bilden, und daß ihre Bewohner durch den Eid der Treue, den sie dem Kaiser, meinem erhabenen Herrn, geschworen haben, gebunden sind.”

Anmerkung: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war das ehemalige Königreich Polen geteilt in das russische Kongresspolen, das deutsche Westpreußen und das österreichisch-ungarische Galizien. Ab dem Sommer 1915 war Kongresspolen von den  Mittelmächten besetzt. Am 5. November 1916 riefen sie das Königreich Polen aus, das auf ihrer Seite in den Krieg einziehen sollte.

 

Die "antisemitische Vereinigung" des NÖ-Landtags

Im Rathaus fand eine “Conferenz der neugewählten antisemitischen Abgeordneten des niederösterreichischen Landtages” statt.

Neue Freie Presse am 16. November 1896

Vorgestern fand, wie schon berichtet wurde, im Rathause eine Conferenz der neugewählten antisemitischen Abgeordneten des niederösterreichischen Landtages statt. Zu dieser Berathung waren 32 Abgeordnete erschienen. Es wurde von Seite der Anwesenden der einstimmige Beschluß gefaßt, einen Verband zu gründen, in welchem alle wichtigeren, im Landtage zu verhandelnden Angelegenheiten vorberathen werden sollen. Der Name dieses Verbandes ist “Antisemitische Vereinigung”. Den Mitgliedern dieses Verbandes ist in allen ihren Bezirk betreffenden Fragen vollständige Freiheit und Unabhängigkeit garantirt. Sämmtliche Mitglieder verpflichtende Endbeschlüsse können nur in ganz besonders wichtigen Fragen gefaßt werden. Zu einem bindenden Clubbeschlusse ist die Anwesenheit von zwei Dritteln aller Mitglieder des Verbandes und die Beschlußfassung durch eine aus drei Vierteln aller Anwesenden bestehende Mehrheit erforderlich. Provisorisch wurde Dr. Lueger mit der Leitung dieses Verbandes betraut.

 

Der Schrei nach dem Hausmeister

Mieter ohne Hausmeister - das gilt als “nahezu paradiesisches Dasein”. Aber nicht überall.

Neue Freie Presse am 15. November 1916

Wenn ein glücklicher Bewohner des Cottage, der hübschen Zwei- oder Dreifamilienhäuser in den neuentstandenen Vierteln am Schafberg oder sonstwo die Vorzüge seiner Wohnung rühmt, so wird er sicher nicht versäumen, als Schlußpointe den Satz anzubringen: “Und außerdem gibt es bei uns keinen Hausmeister.” Die Zuhörer erblassen in jähem Neid oder seufzen tief auf oder sie gratulieren herzlich, aber jedenfalls betrachten sie die Situation eines Mieters ohne Hausmeister als ein nahezu paradiesisches Dasein. Und dann werden Geschichten erzählt von einer Hausmeisterin, die alle Dienstboten abspenstig macht, von einer, die die Kinder nicht mit dem Lift fahren läßt, von einer andern, die sämtliche Parteien in Ehrenbeleidigungsprozesse verstrickt hat, und sicher von dem Hausmeister, der so tief schläft, daß man, wenn man nachts geläutet hat, nochmals ins Cafe Tarockspielen gehen kann, bevor er aufwacht.

Eine Gerichtsverhandlung, die sich dieser Tage abspielte, beweist aber, daß auch der Hausmeister seine Kehrseite hat, was kein Wortzwitz sein, sondern seine Unentbehrlichkeit beweisen soll. In einem schönen kleinen Hause in dem Gersthofer Cottage, wo man in idyllischer, nur alle zwei bis drei Stunden von einer Elektrischen unterbrochenen Ruhe lebt, erfreuen sich die zwei Wohnparteien einer solchen hausmeisterlosen Existenz. Bis eine der Damen des Hauses bei Glatteis vor dem Hause fiel und sich verletzte. Und nun kam es zu einer Schadenersatzklage gegen den Hausbesitzer, die durch die unwillige Frage motiviert wurde: “Warum hast du keinen Hausmeister?” Der Besitzer erklärte, daß ein Haus mit zwei Parteien keinen eigenen Zerberus brauche, sondern mit einer von mehreren Häusern gleichzeitig geworbenen Reinmachefrau genug habe. Aber das Gericht war anderer Ansicht. Es entschied grundsätzlich, daß zu jedem an Parteien vermieteten Hause auch ein Hausmeister gehört, sprach also die absolute Unentbehrlichkeit dieses Mannes, der gewöhnlich tagsüber eine Frau ist, aus. Womit wieder dargetan erscheint, daß alle menschlichen Einrichtungen unvollkommen sind und man es niemandem ganz recht machen kann. Ist der Hausmeister vorhanden, so wird sein Dasein als lästig empfunden, und ist er nicht da, so schreit man nach ihm.

 

Darf eine Dame in der Straßenbahn rauchen?

“Für Männer, aber nicht für Weiber”, sagt ein Schaffner, wie eine erboste Dame der Zeitung berichtet.

Neue Freie Presse am 14. November 1926

Diese Frauenfrage ist bisher merkwürdigerweise noch niemals aufgeworfen worden. Aber es scheint, daß sie trotzdem existiert und auf eine prinzipielle Beantwortung wartet. Das beweist ein unangenehmes Straßenbahnerlebnis, das uns eine Dame mitteilt. Sie fuhr letzten Sonntag von der Endstation Neuwaldegg nach der Stadt, und zwar allein. Die Dame hatte vorher in sorgenvoller Stimmung einen Spaziergang gemacht, und in dieser Stimmung zündet sie sich nun im Beiwagen eine Zigarette an. Als die Dame die Fahrkarte löst, macht der Schaffner sie darauf aufmerksam, daß hier das Rauchen verboten sei. Die Dame erwidert ganz ruhig, daß doch im Beiwagen kein Rauchverbot bestehe. Daraufhin leistet sich der Schaffner, dessen Dienstnummer die Dame in ihrem Schreiben angibt, die bemerkenswerte Antwort: “Für Männer, aber nicht für Weiber.”

Der Fall ist ganz klar: Hier liegt eine grobe Ungehörigkeit vor, für die der Schaffner zur Verantwortung gezogen werden sollte. Nun kommt die juristische Seite des Falles. Die Aufschrift in den Beiwagen besagt: Für Raucher. Müßte sie, damit auch Frauen hier rauchen dürfen, etwa lauten: Für Raucher und Raucherinnen? Gewiß nicht, denn solche Aufschriften haben immer nur eine maskuline Textierung. In den Badeanstalten heißt es auch: Für Schwimmer, für Nichtschwimmer, und niemand wird bezweifeln, daß dies genau so für Schwimmerinnen und Nichtschwimmerinnen gilt. Das Recht der Frauen, im Beiwagen zu rauchen, ist also nicht zu bestreiten, abgesehen davon, daß sie es in der Eisenbahn schon längst ungehindert tun.

Uebrigens hat auch der Verfassungsgerichtshof unlängst, als er die erste Frau zum Chauffeurberuf zuließ, klar entschieden, daß in jeder Hinsicht gleiches Recht für Männer und Frauen besteht, ausgenommen den Fall, daß die Tätigkeit der Frau einen gesundheitlichen Schaden zufügt. Nun, Rauchen ist gewiß nicht übermäßig gesundheitsfördernd, aber wenn die Männer sich Rachenkatarrh und Nikotinherzen zuziehen dürfen, dann darf in einem demokratischen Staat auch den Frauen diese Möglichkeit nicht benommen werden. Man könnte also über diese Frage nur noch von einer Instanz entscheiden lassen: der des guten Geschmacks. Und da wird wahrscheinlich die Mehrzahl der männlichen Fahrgäste, ungerecht, wie die Männer schon sind, gegen das Rauchen der Frauen in der Straßenbahn sein. Sie werden sagen, daß es kein erfreulicher Anblick ist, wenn die Frauen im Beiwagen mit den Männern um die Wette dampfen, husten und spucken.

Hoffentlich wird die Rauchfrage nicht wirklich zu einer brennenden Frage, indem die rauchenden Frauen Demonstrationsfahrten im Beiwagen veranstalten, der ja ohnehin schon genügend überfüllt ist. Und so wird diese schwierige Frauenfrage auch weiterhin ungelöst bleiben. Sie ist ja wirklich nicht so einfach zu beantworten und die richtigste Antwort ist vielleicht: Eine Frau darf in der Straßenbahn rauchen, aber eine Dame soll es nicht tun.

 

Noch ein Nobelpreis für einen Österreicher

Der Nobelpreis für Physik geht an Viktor Heß für die Entdeckung der kosmischen Strahlung.

Neue Freie Presse am 13. November 1936

Der Nobelpreis für Physik für das Jahr 1936 ist zwischen dem Innsbrucker Universitätsprofessor Dr. Viktor Heß für die Entdeckung der kosmischen Strahlung und dem Professor an der amerikanischen Universität Pasadena, Dr. Carl David Anderson, geteilt worden. (...)

Professor Heß, der schon 1912 die ersten Berichte über die von ihm entdeckte kosmische Ultrastrahlung veröffentlichte, aber mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, bis sie anerkannt wurde, errichtete auf dem mehr als zweitausendzweihundert Meter hohen Hafelekar bei Innsbruck eine hochinteressante Station zur Beobachtung und Erforschung dieser kosmischen Ultrastrahlung. Die kosmische Ultrastrahlung, die aus dem Weltraum kommt, deren genauen Ursprung man aber nicht kennt, besitzt physikalisch und biologisch merkwürdige Eigenschaften. Zu den physikalischen Besonderheiten der kosmischen Ultrastrahlen gehört ihre kolossale Durchschlagskraft, die auch vor meterdicken Bleiplatten nicht halt macht. Dagegen werden sie von der Erdatmosphäre ziemlich stark absorbiert. Das war auch der Grund dafür, warum Professor Heß in einer Höhe von zweitausend Meter sein Laboratorium errichtete. Aus den Gegenüberstellungen der im Tale gemessenen Ziffern mit den aus der Höhe erhaltenen ergaben sich dann interessante Tatsachen. Die biologischen Auswirkungen der kosmischen Ultrastrahlen werden in einem Hochgebirgslaboratorium in der Schweiz erforscht.

Anmerkung: Im Jahr 1936 erhielt auch der Österreicher Otto Loewi den Nobelpreis - für Physiologie oder Medizin. Loewi konnte an der Universität Graz erstmals die chemische Weiterleitung von Nervenimpulsen beweisen. Dafür erhielt er mit seinem US-Forschungskollegen Henry Hallett Dale den begehrten Preis. 

 

Die Republik in großer Gefahr

Acht Jahre Erste Republik. Die Zeitung schreibt über Sorgen und Hoffnungen.

Neue Freie Presse am 12. November 1926

Die Republik bedarf keiner rosenroten Lügen an ihrem Wiegenfest. Wahrheit, und sei es auch die peinlichste, ist das Gebot ehrlicher Gefolgschaft. Die Republik ist in einer großen Gefahr. Sie ist sehr jung und noch lange nicht geistige Tradition geworden, aber zu gleicher Zeit hat sie schon Merkmale des Alters und der Erschlaffung. Sie ist sehr jung auch im Sinne des Mangels an guten Manieren bei Vielen, die sich als ihre fanatischsten Anhänger ausgeben, und sie ist alt, weil die Gesamtstimmung in Oesterreich, soweit sie nicht sterile Aufgeregtheit ist, tiefe Depression beinhaltet, eine Niedergeschlagenheit, die manchmal viel weiter geht, als es den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen würde. Wenn wir wahrhaft sein wollen, und das ist die erste Verpflichtung des Republikaners, so müssen wir sagen: Der zersetzende Pessimismus, dieser negative Imperialismus, wenn dieses Wort gestattet ist, hat seit den Jahren, da man den Zusammenbruch im Kriege voraussah, keine wesentliche Minderung erfahren. Nach wie vor peinigt und bohrt im Herzen die Sehnsucht nach stärkeren Formen. Nach einem passenden, wenn auch straffen und unbequemen Kleide, nach einer Endgültigkeit, mag sie auch unsere allerliebsten Laster aufstören.

Die Feststellung dieser Krise sagt natürlich gar nichts gegen die Republik. Im Gegenteil. Es ist höchster Beweis ihrer Notwendigkeit, es ist ein Zeichen des Steigens unserer politischen Kultur, daß nirgends der Pessimismus in Gehässigkeit gegen die Staatsform ausartet. Nirgends haben sich jene wilden Schößlinge angesetzt, die in Frankreich nach dem Jahre 1870 so lange Zeit die Gefahr der Restauration heraufbeschworen, die in Deutschland wie in Ungarn bedeutende Verwirrung stifteten. Niemand denkt auch nur an einen Wechsel, niemand weigert dem Staatsoberhaupt die herzliche Verehrung, und jeder bis zum kleinen Bauer in den entferntesten Gehöften begreift es, ein Umsturz wäre die letzte Vernichtung unseres Wohlstandes und unserer europäischen Stellung. Wir müssen das große demokratische Problem in Reinkultur und ohne irgendwelche Verwachsungen lösen, mögen dabei auch unsere Knochen krachen und unsere Muskeln sich anspannen bis zum Zerreißen.

 

Ein polnischer Fenstersturz

Abenteuerliche Szenen in Krakau.

Neue Freie Presse am 11. November 1916

Das Organ des Pater Stojalowski weiß von einem neuen Zusammenstoß zwischen diesem Landtagsabgeordneten und dem Abgeordneten Bomba zu berichten, bei dem sich beiden Parteiführer und ihre bäuerlichen Anhänger ziemlich unsanft an den Leib rückten. P. Stojalowski hatte nach Blaczow eine Versammlung einberufen, zu der der Reichsratsabgeordnete Bomba mit einem großen Trupp seiner Anhänger erschienen war, um die Versammlung der Bauern zu sprengen. Wegen häufiger Zwischenrufe und Störungen der Versammlung kam Abg. Bomba in Gefahr, geprügelt zu werden. Er begab sich daher auf den im ersten Stock gelegenen Hausgang, von wo aus die Redner zu der Menge sprachen. Ueber Aufforderung des P. Stojalowskiw urde Abg. Bomba von diesem Gang entfernt. Nach dem Berichte scheint man ihn einfach zu Fenster hinausgeworfen zu haben, denn es wird weiter erzählt, daß sich Abg. Bomba nur mit Mühe am Gesimse krampfhaft festhalten konnte und zwischen Himmel und Erde hing. Als ihn die Kräfte verließen, wagte er den Sprung in die Tiefe und zog dann mit seinen Anhängern davon.

 

Vorschlag zur Bildung einer freiheitlichen Arbeitspartei

Sollte man die freiheitlichen Bestrebungen in Wien bündeln?

Neue Freie Presse am 10. November 1916

In einer in Kaisers Lokalitäten im 4. Bezirke stattgefundenen Versammlung des Wiedner Volksvereins erstattete Abgeordnete Zenser Bericht über die politische Lage. An der Aussprache beteiligten sich auch die Abgeordneten Friedmann und Ganser. Hierbei wurde von allen Seiten die Notwendigkeit der einheitlichen Organisation aller freiheitlichen Bestrebungen in Wien in einer Arbeitspartei nach dem Vorbilde der in Angriff genommenen länderweisen Parteibildungen betont. In weiterer Folge wurde auf die Notwendigkeit der Zusammenfassung aller deutschen Parteien in einem deutschen Block hingewiesen; dieses Ziel wurde durch Sonderbündnisse einzelner deutscher Parteigruppen gefährdet, welche den Schein der Ausschließung erwecken, aber auch nicht die Bürgschaft eines nationalen und wirtschaftlichen Erfolges in sich schließen. Als eine selbstverständliche Voraussetzung jeder ersprießlichen Arbeit im Dienste des Volkes wurde die vorbehaltlose Einberufung des Reichsrates gefordert

 

Der Triumph der Marie Curie

Die Witwe des berühmten Physikers Curie hält die Antrittsvorlesung im Kolleg - und beeindruckt.

Neue Freie Presse am 9. November 1906

Wie schon gemeldet wurde, hat die Witwe des berühmten Physikers Curie am vergangenen Montag die Antrittsvorlesung im Kolleg ihres verstorbenen Gatten, dessen Lehrkanzel ihr die französische Regierung verliehen hat, gehalten. Im Amphitheater des Hörsaals hatten sich die hervorragenden Professoren der Sorbonne eingefunden, allen voran Bergeret, Appell, Jean Perrin. Den Studenten, die den Saal vollständig füllten, fragte Bergeret: „Wir erleben hier wirklich den Triumph der Frau, wie ihn Victor Hugo und Gaston Deschamps schon besungen haben, An dieser Stelle triumphiert die Frau ohne äußeren Zeichen, in aller Stille, mit der unvergleichlichen Bescheidenheit“. Madame Curie hatte sich jedwede Installationsfeierlichkeit verbeten und trat leise durch die kleine Tür am oberen Ende des Saales ein, um schnell das Podium zu besteigen, auf dem sie sich alsbald über ihre Apparate neigte. Man sah weiter nichts als ein fließendes schwarzes Kleid, zwei weiße behende, magere Hände und eine große gewölbte Stirne, wie sie die Jungfrauen des Memling haben. Gerade die Einfachheit des Vorganges rief eine tiefe Bewegung hervor, der man durch langanhaltenden Applaus Herr zu werden versuchte. Frau Curie verneigt sich, ihre Lippen beben leise; was wird sie sagen? Wird sie von ihm sprechen? Wird sie dem Minister oder der Fakultät für ihre Ernennung danken? Nichts von alledem, sie beginnt mit klarer, von keiner Aufregung beeinträchtigten Stimme: „Wenn man den Fortschritt betrachtet, den die Theorien der Elektrizität seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts durchgemacht haben...“ Eine ex abrupto Exorde, von einer unvergleichlichen Enthaltsamkeit, ruft Jean d'Orsan aus. Was hegt in diesen einfachen Silben verborgen, daß sich alle anwesenden Frauen die Augen verstohlen trocknen.

Nun spricht sie mit kalter Präzision von den Atomen der Elektrizität, vom positiven und negativen Fon. Man kann sie nun besser betrachten – alles an ihr ist Einfachheit, Bescheidenheit. Das dichte Haar ist zum festen Knoten geschlungen, auf ein Minimum reduziert, an der ganzen Toilette ist nichts, das das Auge anziehen könnte, eine schwarze, schlanke Gestalt, die den Eindruck schmerzlicher Demut hervorbringt. Es bleibt aber die schöne, stolze, willensstarke Stirne, die verkündet, nicht eine Frau steht hier, ein Hirn, ein Gedanke, und diese sprechen. Später wurde das Gas ausgelöscht und die Experimente nahmen ihren Anfang. Die Professorin erklärte den Inhalt der Röhren und Kugeln, in denen es übernatürlich blau und violett leuchtete. Bergeret selbst, ein viel zu großer Gelehrter, um sich seiner Unwissenheit zu schämen, beugte sich zu seinem Schüler Jean Perrin herab und frug: „Was ist das, Jon? Für mich hat es bisher nur den Sohn des Apollo und der Exeusa dieses Namens gegeben! Hier lerne ich viel nützlichere Dinge.“ Als Madame Curie ebenso leise, wie sie gekommen, verschwunden war, rief Madame Gressulhe: „Welch' himmlische Einfachheit!“ Bergeret aber sagte: „Der Heilige Augustin der die Frauen den Männern gleichstellte, dachte gewiß an Madame Curie, als er daran erinnerte, daß Mann und Weib ganz gleich aus den Händen Gottes hervorgingen, und daß Gott dem Geiste nach keinen Unterschied zwischen Männlein und Weiblein kannte.“

Anmerkung: Marie Curie untersuchte die Strahlung von Uranverbindungen, gemeinsam mit ihrem Ehemann Pierre Curie entdeckte sie die Elemente Polonium und Radium. Für ihre Arbeiten wurde ihr 1903 ein anteiliger Nobelpreis für Physik und 1911 der Nobelpreis für Chemie zugesprochen. Nach dem Tod ihres Mannes wurden ihr 1906 seine Lehrverpflichtungen übertragen, zwei Jahre später wurde sie auf den Lehrstuhl für Allgemeine Physik berufen. Marie Curie war die erste Frau und die erste Professorin, die an der Sorbonne lehrte.

 

Eine zweifelhafte Vereinsgründung in Graz

Der Verein wollte sich österreichisch-russischen Interessen widmen, nun steht Betrugsverdacht im Raum.

Neue Freie Presse am 8. November 1926

Die Polizeidirektion hat die Tätigkeit des Vereines „Oerusa“ (Oesterreichisch-russische Unternehmungs- und Arbeiterinteressenverband), Zentrale Graz, der mit April dieses Jahres gegründet wurde, eingestellt. Die Statuten waren seinerzeit vom Bundeskanzleramt genehmigt worden. Der Verein entfaltete eine lebhafte Propagandatätigkeit in ganz Oesterreich und es meldeten sich zahlreiche Interessenten. Als Zweck des Vereins wurden Betätigung einer großzügigen Auswanderungspropaganda nach Rußland, Kolonisierung, Erschließung des russischen Bodenreichtums durch Verwendung österreichischer Maschinen, Errichtung von österreichischen Nachrichtenstellen in Rußland u.a.m. angegeben. Es meldeten sich ungefähr 600 Mitglieder. Sie mußten eine Einschreibgebühr (…) und einen Wochenbeitrag leisten. Außerdem wurden noch Beiträge zur Entsendung einer Delegation nach Sowjetrußland eingehoben. In letzter Zeit liefen von den Behörden, Gemeinden und auch von privaten zahlreiche Anfragen an die Grazer Polizeidirektion ein, die sich daraufhin veranlaßt sah, die Tätigkeit des Vereines näher zu untersuchen. Es stellte sich dabei heraus, daß der Verein weder mit der russischen Regierung irgendwelche Verhandlungen pflog, noch die Vereinsleitung irgendeine positive Arbeit nach den Vereinssatzungen ausübte. Die Polizeidirektion hat daher auf Grund des §25, Absatz 2, des Vereinsgesetzes die Tätigkeit des Vereines „Oerusa“ eingestellt. Da durch die polizeiliche Untersuchung sich auch Betrugsverdacht ergeben hat, wird sich nun auch noch die Staatsanwaltschaft mit dem genannten Verein zu beschäftigen haben.

 

Neuordnung des Ernährungswesens

Freiherr v. Beck soll mit sehr weitgehenden Vollmachten ausgestattet werden.

Neue Freie Presse am 7. November 1916

Die Ernennung des Freiherrn v. Beck zum Leiter des Ernährungsamtes wird in den allernächsten Tagen amtlich verlautbart werden. Mit der Ernennung wird eine durchgreifende Neuordnung des gesamten Ernährungsdienstes Platz greifen. Um ein möglichst klagloses Funktionieren des für die Ernährung der Bevölkerung in Betracht kommenden Verwaltungsapparates zu sichern, soll Freiherr v. Beck mit sehr weitgehenden Vollmachten ausgestattet werden. Das Ernährungsamt wird, wenn auch nicht als besondere Zentralstelle, so doch als eine von den Ministerien unabhängige Amtsstelle ins Leben gerufen werden. Der Leiter des Ernährungsamtes wird eine von den Ressortministern unabhängige Amtsgewalt erhalten und sich bei seinen Maßnahmen nur mit dem Ministerpräsidenten ins Einvernehmen zu setzen haben.

In der am Samstag abgehaltenen Sitzung des Ministerrates wurden, wie verlautet, die von Freiherr v. Beck ausgearbeiteten Grundsätze für die Neuordnung des Ernährungswesens beraten und die erforderlichen Beschlüsse gefaßt. Auch die Verlautbarung der neuen grundsätzlichen Vorschriften dürfte in den allernächsten Tagen erfolgen.

Anmerkung: Von 1916 bis 1923 war in Österreich eine eigene staatliche Dienststelle für den Bereich Volksernährung, das k.k. Ernährungsamt, zuständig. 1923 wurde das Ressort aufgelöst, seine Agenden in das Landwirtschaftsministerium bzw. das Handels-, Verwaltungs- und Innenministerium aufgeteilt.

 

Heute vor 90 Jahren: Friedensschluss mit den Beamten

Die Beamten begnügen sich mit dem, was das Kabinett ihnen vorschlägt.

Neue Freie Presse am 6. November 1926

Das Erwartete ist geschehen. Dr. Seipel kann jetzt sagen: Ich bin Kanzler von Oesterreich. Denn der Block der Beamtenfrage mußte erst weggeräumt werden, weil sonst Oesterreich überhaupt nicht regierbar gewesen wäre. Denn eine Regierung ohne Verwaltung ist ein Messer ohne Klinge, eine Regierung, die nichts mehr zu befehlen hat, die keine Organe besitzt, die ihren Winken Folge leisten, das ist eine Spottgeburt der Politik, nicht würdig ernster Beachtung. Nun ist doch diese Verzerrung vermieden worden, und wenn auch naturgemäß das Leben in einem Hause fragwürdig erscheint, dessen Fundamente alle paar Monate neu errichtet werden müssen, es ist nun einmal so, daß die Improvisation unserem Lebensstil entspricht, das Sagen und Schwanken unserer europäischen Existenz. Ein Trost kann gelten: das Budget ist nicht durchbrochen worden, ein Defizit kommt nicht in Frage, die Errungenschaften der Sanierung bleiben aufrecht und der Völkerbund hat keinen Grund zur Aengstlichkeit, Oesterreich wird in diesem Winter arbeiten können ohne die Obstruktion durch einen Beamtenstreik, man wird den Kranken nicht aus dem Bette herausreißen, um ihn dem kalten Luftzug auszusetzen. Solche Selbstverständlichkeiten, das Primitivste des Primitiven, für uns ist es schon hoher Gewinn. Wir sind bescheiden geworden, sehr bescheiden...

Die Beamten haben klug gehandelt, als sie sich vorläufig mit dem begnügten, was das Kabinett geboten hat. Sie haben gespürt, daß keine der großen Parteien eine Staatskrise im gegenwärtigen Augenblick für richtig hält, sie haben erkannt, daß es nicht Lüge ist, was die Minister ihnen sagten, sondern Wahrheit. (…) Diese Gedanken waren doch stärker als die Möglichkeiten zügelloser Benützung eines Machtapparates, der sich selber vernichten muß, wenn er mißbraucht und nach Willkür aus allen Fragen gerissen wird, wenn man ihn ohne Rücksicht auf die daraus erwachsenden Konsequenzen zertrümmert. (…) Nun zurück zur Tagesordnung!

 

Nur der amerikanische Lueger ist unterlegen

Vom Bürgertum in der Lethargie schreibt die Zeitung angesichts des Wahlerfolgs der Lueger-Partei in Wien und NÖ.

Neue Freie Presse am 5. November 1896

Der amerikanische Lueger ist unterlegen, ist in seiner engeren Heimat geschlagen worden; der österreichische Original-Lueger hat die relative Majorität erlangt und kommt in die Stichwahl in einem Bezirke, der, seit es überhaupt Wahlen in Oesterreich gibt, nie anders als fortschrittlich gewählt hat. Das ist das Wahlresultat der letzten achtundvierzig Stunden, und an der Gegenüberstellung der beiden monumentalen Thatsachen ist wie von einer vergleichenden Scala die Stelle abzulesen, welche Oesterreich unter den Culturstaaten der civilisirten Welt einnimmt. Wir Oesterreicher haben uns an diesen inferioren Rang schon so gewöhnt, daß das beschämende Resultat des heutigen Wahltages in Wien und in den anderen Städten Niederösterreichs uns kaum mehr berührt, geschweige überrascht oder enttäuscht.

Wir sind auf der schiefen Ebene schon so tief herabgeglitten, daß auch das Stadium des verletzten Ehrgefühls, des Zorns und der Entrüstung bereits hinter uns liegt. Keine Faust ballt sich, keine Stirnader schwillt mehr bei der Nachricht, daß die Schneider, Gregorig, Schlesinger und die gleichwerthigen politischen Analphabeten wieder als Volksvertreter in die niederösterreichische Landstube einziehen und daß sie von nun an den Landtag, den sie bisher gegen alles Recht terrorisirten, legalerweise majorisiren werden. Wien hat in den Landtag gewählt, wie es in den Gemeinderath gewählt hat, Niederösterreich steht auf der politischen Höhe der Tiroler Dörfer, in denen der Eurat die Stimmheerde zur Wahlurne treibt, aber das Bürgerthum ist mit Ausnahme ganz kleiner und vereinzelter Kreise bei jenem entsetzlichen Zustande der Lethargie angelangt, in welchem nicht einmal die Schmach mehr auf den Wangen brennt.

Anmerkung: Der Populist William Jennings Bryan, Kandidat der Demokraten und hier als “der amerikanische Lueger” betitelt, unterlag im US-Wahlkampf 1896 dem Republikaner William McKinley.

 

Hätte Paulus den Hirtenbrief auch 1906 unterschrieben?

Paulus hat die Frau nur im Zustande der Unterwürfigkeit gekannt. Was würde er zur modernen Frau sagen?

Neue Freie Presse am 4. November 1906

Die Frau hat nicht über ihren Leib zu verfügen. Das sagt der große Paulus; so ist es in seinen Briefen an die Korinther zu lesen, und das einfache Wort mit seiner den Willen vernichtenden Strengte zeigt uns, daß die kirchliche und die menschliche Auffassung von dem Sittengesetz in der Ehe nicht mehr übereinstimmen können. Denn eine Frau oder ein Mann, die über ihren Leib nicht zu verfügen haben, über das Persönlichste, was dem Menschen bleibt, solche Willenlosigkeit wird schon bei der bloßen Vorstellung zuckenden Widerstand hervorrufen. Die paulinische Kirche legt den Ursprung der Pflichten im Verhältnis beider Geschlechter in eine einzige Willenserklärung vor dem geweihten Priester. Das moderne Gefühl verlangt, daß in dem gemeinsamen Leben der freie Wille sich fortwährend erneuern müsse, daß Hingabe aus Pflicht, die nicht durch Neigung veredelt wird, unsittlich ist. Deshalb hat es keinen Wert, mit den Erzbischöfen und Bischöfen von Oesterreich zu streiten, die in einem Hirtenbriefe erklären, daß sie jedem Ruf nach Ehereform mit einem entschiedenen Nein entgegentreten werden. Wer hätte anderes jemals erwarten können!

Paulus hat die kirchliche Auffassung von der Ehe unverrückbar bestimmt. Er duldet sie, bemerkt jedoch nachdrücklich, nur als Zugeständnis an die Schwäche der irdischen Natur, und fügt seufzend mit einer wunderhübschen Einfalt hinzu: Ich wünschte, daß alle Menschen wären wie ich. Wer darüber lächeln wollte, täte unrecht; an den stärksten Kopf der Kirche, an Paulus, kann stets der höchste Maßstab angelegt werden. Er mochte innerlich die Frauen nicht und hatte die heimliche mönchische Furcht vor ihnen. Aber die großartigen, praktischen Anlagen seines Wesens, die organisatorischen Fähigkeiten des ersten schöpferischen Staatsmannes der kirchlichen Geschichte trieben ihn, sich mit dem verschmitzten Feinde abzufinden. Da die Frau einmal nicht zu entbehren ist, hat er ihr sogar einige freundliche Worte geschenkt, die ihr noch heute gut tun. Aber wie seltsam ist der Ausdruck dieser Güte! Die Männer sind schuldig, ihre Frauen zu lieben wie ihre eigenen Leiber; wer seine eigene Frau liebt, der liebt sich selbst. Denn niemand hat noch sein eigenes Fleisch gehaßt. In solchen Worten der Milde, die Paulus mühevoll seiner Abneigung entrissen hat, ist eine Frau zu sehen, die einer längst entschwundenen Vergangenheit angehört.

Aus solchen Vorschriften ist doch herauszuspüren, daß die Frau dem Mann wie ein kostbares Sachgut gehöre. Es fehlt darin das feine Aroma des Individuellen, des Freiwilligen, ohne das wir uns die moderne Frau und die moderne Liebe nicht denken können. Paulus hat die Frau nur im Zustande der Unterwürfigkeit gekannt. Wenn er jetzt leben würde, da sich die Seele der Frau, ihr eigenstes Leben, die Bedürfnisse ihres Gemüts, und fast ließe sich sagen, auch die Form ihres Körpers so entwickelt haben, wie vor nahezu zweitausend Jahren nicht einmal geahnt werden konnte, wenn er jetzt leben würde, er hätte vielleicht den Hirtenbrief nicht unterschrieben.

 

Unmut über das "Volksverkehrsmittel" Stadtbahn

Die Zeitung gibt "dem Hilferuf vergewaltigter Stadtbahnpassagiere" Raum.

Neue Freie Presse am 3. November 1906

Wir erhalten folgende Zuschrift: “Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie würden gewiß der Oeffentlichkeit nützen, wollten Sie diesem Hilferuf vergewaltigter Stadtbahnpassagiere in Ihrem Blatte Raum geben. Wir sind bescheidene Beamte und wohnen im X. Bezirk, 5 Minuten von der Haltestelle Favoriten entfernt. Da wir täglich bis spät abends im II. Bezirk beschäftigt sind, benützen wir täglich den Zug, der laut Fahrplan vom Praterstern um 9 Uhr 31 Minuten abgeht und in Favoriten um 9 Uhr 46 Minuten mitteleuropäischer Zeit ankommen soll. Dieser Zug langt täglich in Favoriten mit einer Verspätung von 4 bis 5 Minuten ein, was meist zur Folge hat, daß wir Sperrgeld (mehr dazu: “Der Haustorschlüssel als Mittel der Macht” diepresse.com/home/zeitgeschichte/1545902/) zahlen müssen. Wir rechnen aber damit, vor 10 Uhr nach Hause zu kommen, denn 20 H. bedeuten in unserem Budget schon das halbe Nachtmahl. Als wir uns einmal über diese Verspätung beschwerten, gab uns der Beamte zur Antwort, dieser Zug müsse “die Kasse” von jeder Station nach Hütteldorf bringen, und tatsächlich beobachteten wir, daß in jeder Station im Hüttelwagen große Verrechnung stattfinde. Wir sind mit unserer Beschwerde nicht allein, sondern fahren täglich mit drei anderen Herren, mit denen wir auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege des Schimpfens über die Stadtbahn bekannt geworden sind. Wir werden gezwungen sein, von nun an die Straßenbahn zu benützen, und so verliert die Stadtbahn schon an uns allein täglich eine Krone Einnahme. Viele Kronen Gewinnentgang aber bilden eben das chronische Defizit der Stadtbahn. Rechnet man dazu noch die unkluge Tarifpolitik, welche bewirkt, daß man zum Beispiel vom Hauptzollamt bis Favoriten (nächst dem Südbahnhofe) 20. H. zahlen muß, während eine Fahrt auf der Straßenbahn von der Wollzeile bis hinauf zum alten Landgut nur 12 H. kostet, ferner den Umstand, daß auf der Verbindungsbahn die Züge in Intervallen von 30 bis 90 Minuten verkehren, so wird man begreifen, daß diese Züge äußerst schwach besetzt sind. Abgesehen davon, daß dadurch die Stadtbahnverwaltung sich ins eigene Fleisch schneidet, widerspricht dies gänzlich den Aufgaben eines Volksverkehrsmittels einer Großstadt, das wie unsere Stadtbahn verzweifelte Aehnlichkeit mit der aus den “Fliegenden Blättern” sattsam bekannten “Vizinalbahn” aufweist! Hochachtungsvoll E. F. und M. E., Privatbeamte.”

Anmerkung: Die humoristisch-satirischen, reich illustrierten deutschen “Fliegenden Blätter” erschienen von 1845 bis 1928 wöchentlich. Als “Vizinalbahn” wurden in Bayern Eisenbahnen zur Erschließung des ländlichen Raums bezeichnet.

 

Rätselraten um Ministerwechsel

Wann wird der Ministerwechsel endlich verkündet?

Neue Freie Presse am 2. November 1866

Auch heute bricht das amtliche Organ noch nicht das Schweigen; auch heute findet sich in der Wiener Zeitung von dem Ministerwechsel, der nun nicht mehr eine nur beschlossene, sondern auch eine vollzogene Sache ist, keine Andeutung. Freiherr v. Beust ist gestern Abends von Prag in Wien angekommen und heute bereits im Auwärtigen Amte erschienen, das jedoch Graf Mensdorff bis zu Stunde noch nicht verlassen hat. Man erzählt uns, daß dem Minister des Aeußern gestern die amtliche Anzeige zugegangen ist, Se. Majestät der Kaiser habe seinen Minister des Aueßern, Freiherrn v. Beust, zum Geheimrath ernannt, und es ist dabei aufgefallen, daß die amtliche Notification vom Freiherrn v. Beust nur als Minister des Aueßern, nicht aber auch als Minister des kaiserlichen Hauses spricht. Sollte wider Vermuthungen diese Würde dem neuen Minister nicht übertragen worden sein, oder ist es nur eine Auslassung in dem Notifications-Schreiben, womit man es hier zu thun hat? Und wenn das Erstere das Wahre ist, wer ist Minister des kaiserlichen Hauses geworden? Vielleicht hat Graf Belcredi, ein Minister-Atlas, zu der Minister-Präsidentschaft, dem Staatsministerium und dem Polizeiministerium auch noch das Ministerium des kaiserlichen Hauses auf sich genommen. Wir können nicht glauben, daß noch mehr als zwei Tage vergehen sollten, ohne amtlichen Ausschluß zu bringen.

Anmerkung: Friedrich Ferdinand von Beust folgte Graf Alexander von Mensdorff-Pouilly nach und war von 30. Oktober 1866 bis 1871 österreichischer (österreichisch-ungarischer) Außenminister, 1867 war er auch kurzzeitig Ministerpräsident und führte in dieser Funktion den Ausgleich mit Ungarn durch. Beust war von 1871 bis 1878 Botschafter in London, ehe er diesen Posten bis 1882 in Paris ausübte.

Der im Text erwähnte Ministerpräsident Graf Richard Belcredi erkannte die ungarische Frage als “eigentliche Crux des österreichischen Reichsproblems”. Mit Außenminister Beust erwuchs ihm ein Gegenspieler, der den Ausgleich mit Ungarn anstrebte. Als dieser Tatsache wurde, reichte Belcredi Anfang 1867 sein Abschiedsgesuch ein, Beust folgte ihm - wie erwähnt - als Ministerpräsident.

 

“Heldentod” des Fliegerhauptmannes Boelcke

Kaiser Wilhelm bedauert den Tod von Oswald Boelcke, einem “leuchtenden Vorbild”.

Neue Freie Presse am 1. November 1916

Kaiser Wilhelm richtete, wie der „Anhaltsche Staatsanzeiger“ meldet, an Professor Max Boelcke folgendes Telegramm: „Professor Max Boelcke, Ziebigt bei Dessau. Auf das schmerzlichste beklage ich mit dem ganzen deutschen Volke den Tod Ihres Heldensohnes, meines tapfersten, erfolgreichsten Fliegeroffiziers. Mit Stolz blickt meine Armee, besonders die Fliegerwaffe auf ihn. Mit Stolz werden sie auch nach seinem Tode seiner gedenken und seinem leuchtenden Vorbild nachzueifern streben. Gott tröste Sie in Ihrem großen Schmerz. Neues Palais, 30. Oktober 1916. Wilhelm I. R“

Anmerkung: Oswald Boelcke wurde während des Ersten Weltkrieges als Jagdflieger bekannt. Er gilt als der erste Pilot weltweit, der sich auf die Jagd nach feindlichen Flugzeugen machte