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„Im ,Falstaff‘ zieht Verdi Bilanz“

Falstaff
(c) Staatsoper - Michael Poehn
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Zwei Verdi-Premieren bietet die Wiener Staatsoper demnächst: Im „Falstaff“ singt Ludovic Tézier den Mr. Ford, im „Trovatore“ an der Seite Anna Netrebkos den Luna.

Der Ford in „Falstaff“, der Graf Luna im „Trovatore“ – eine Komödienfigur, ein Finsterling? Ludovic Tézier, der in den kommenden beiden Staatsopernpremieren in diesen Rollen angesetzt ist und der demnächst in Londons Covent Garden Opera sein Debüt als Jago in „Otello“ feiern wird, hat differenziertere Ansichten zum Thema: „Der Luna hat einen Grund, böse zu sein“, sagt er, „anders als der Jago, der vielleicht der Teufel ist – oder wirklich verrückt. Jedenfalls bemerkt Graf Luna am Ende der Tragödie, dass er soeben seinen Bruder hinrichten ließ. Seine Welt bricht zusammen. Das würde Jago nie passieren. Der ist einfach schlecht. Und er weiß es auch.“

Und der Mister Ford? „Der ist kein guter Mann, so viel steht fest. Er ist ein Dummkopf und obendrein unsympathisch. Und er hat immer etwas von Louis de Funès, ist nervös, springt herum, ist immer wütend. Wenn wir de Funès sehen, lachen wir, aber er gibt einen Charakter, der nichts zu lachen hat.“

 

Eine Komödie mit doppeltem Boden

Das Lachen darf einem durchaus auch bei „Falstaff“ im Halse stecken bleiben, meint Tézier. Wie bei „Otello“ ist es auch da dem einstigen Verdi-Gegner und nunmehrigen begeisterten Parteigänger Arrigo Boito gelungen, den Geist Shakespeares einzufangen und kongenial fürs Musiktheater aufzuarbeiten. Und bei Shakespeare gibt es kein plattes Unterhaltungstheater. Da stehen Menschen aus Fleisch und Blut auf der Bühne mit all ihren Fehlern und Marotten: „Diese Komödie ist bitter. Letztendlich reden wir über einen alten Mann, der allein ist. Seine wirklichen Freunde und Kameraden sind tot, er betrinkt sich mit zwei Gaunern! Und er glaubt, noch einmal ein Verführer sein zu können, dem man das böse heimzahlt. Überlegen Sie doch: Die werfen ihn am Ende des zweiten Akts in einem Korb aus dem Fenster in den kalten Fluss. Es wäre durchaus möglich, dass dieser vorgebliche Spaß letal ausgeht!“

„In Wahrheit“, ergänzt Tézier, „ist das ein Stück über das carpe diem. Man kann lachen, zumindest lächeln während der Aufführung, aber wenn man am Schluss nicht darüber nachdenkt, dann war etwas falsch.“

Den Ford hat Ludovic Tézier schon gesungen, allerdings vor vielen Jahren. „Fast ein Jahrzehnt ist vergangen“, sagt er, „ich spreche über einen anderen Sänger, wenn ich mich daran erinnere. Meine Stimme ist anders, viel dunkler geworden, was mir auch hilft, neue Aspekte zu entdecken.“

Nicht nur im „Fastaff“: „Es geht natürlich auch um die Reife, die man erlangt. Man traut sich dann auch mehr. Nehmen wir den Macbeth. Wenn man den schön singt, singt man ihn schlecht . . .“

Den Ford darf man auch „schön singen“, allerdings nicht durchwegs: „In gewissem Sinne“, meint Ludovic Tézier, „zieht Verdi in seinem ,Falstaff‘ ja Bilanz; und der Ford ist so etwas wie die Summe aller Verdi-Baritone, vom Rigoletto bis zum Posa, wenn man so will; der Falstaff selbst ist eher das Gegenstück zu Jago – und die Musik der Oper spiegelt nicht nur Verdis eigene Geschichte, sondern öffnet in ihrem deklamatorischen Stil, gerade in Falstaffs Szenen, das Tor für eine kommende Komponistengeneration.“

Nicht nur der italienischen. Ludovic Tézier hat nicht erst seit seinem Jugendengagement in Luzern ein Faible fürs deutsche Repertoire, dem er als Sänger allerdings nur im Konzertsaal frönen darf. „Ich habe“, erzählt er, „als Kind stundenlang Wagner-Opern gehört. Ich war 13 oder 14, als ich die erste Opernkarte von meinem Vater bekommen habe: Es war ,Parsifal‘; und zwar auf meinen ausdrücklichen Wunsch. Ich hatte das Vorspiel auf Platte gehört und wollte das ganze Werk kennenlernen. Es war mir keine Minute zu lang.“

 

Lebenslanges Faible für den „Parsifal“

Nein sagen würde er nicht, wenn ihm eines Tages ein Intendant den Amfortas antrüge, „ich bekomme ja heute noch Gänsehaut, wenn ich an diese Musik nur denke“. Inzwischen singt Tézier immerhin Schubert und Schumann in Konzertsälen: „Der Liedgesang“, ist er überzeugt, „ist sowieso die Grundlage für alles, was wir Opernsänger brauchen. Um Piano zu singen, gibt es keine bessere Schule, für das Legato und die Farben.“ Und auch hier geht es um die erlangte menschliche Reife: „Als Junger können sie Mahlers ,Lieder eines fahrenden Gesellen‘ gut singen; aber die Winterreise?“ Was die Sprache betrifft, war Tézier „wie alle Franzosen voreingenommen. Nach dem Krieg dachte man: Deutsch? Die Sprache Hitlers! Ich war bekehrt, als ich Heinrich Schlusnus, Hans Hotter und Fritz Wunderlichen singen hörte: Es ist eine der feinsinnigsten Sprachen mit den unerhörtesten Nuancen!“

Premieren: „Falstaff“ am 4. Dezember, „Il trovatore“ am 5. Februar 2017

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2016)