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Warum Russland und China jetzt beim Gold zugreifen

File photo of gold bullion is displayed at Hatton Garden Metals precious metal dealers in London
(c) REUTERS (NEIL HALL)

Kolumne Der Preis sinkt, aber die Notenbanken kaufen zu. Sparer und Anleger können sich das zum Vorbild nehmen – und den Giganten folgen.

Jetzt hat er es wieder getan. Putin hat Gold gekauft. Also nicht er persönlich. Aber Russland hat Gold gekauft. Die Notenbank. Und nicht zu wenig. 48 Tonnen binnen eines Monats. Das ist schon was. Moskau greift sich auf einmal rund 1,5 Prozent der jährlichen Goldproduktion.

Das war der größte Goldkauf Russlands seit fast 20 Jahren. Binnen 24 Monaten ist der Goldschatz des Kremls jetzt um fast 50 Prozent gewachsen. Auf mittlerweile 1542 Tonnen. Damit liegt Russland nur knapp hinter dem zweiten großen Goldkäufer auf dem Planeten. China hat inzwischen 1840 Tonnen angehäuft.

Es scheint eigenartig: Nach einem sehr starken Jahr 2016 ist der Goldpreis zuletzt wieder gefallen. Der Trump-Schock ist ausgeblieben. Stattdessen sind die Aktienmärkte rauf – während Staatsanleihen und Gold büßen mussten. Die Anleger sind aus den sicheren Anlageklassen in die risikoreicheren gestürmt. Aber Russland und China kaufen weiter Gold. Was ist da los? Wie passt das zusammen?

Die Antwort ist recht simpel, wird im täglichen Getöse des Marktgeschreis aber gern überhört: Gold ist eine langfristige Geschichte. Zu langfristig für die meisten Spekulanten und auch für viele Investoren. Aber genau richtig für große Zentralbanken und kleine Sparer. Und natürlich ist Gold ein politisches Metall. Wer wissen will, wohin die Reise geht, muss deshalb auf die Notenbanker schauen. Denn diese Giganten bestimmen die Route. Beim Geld und beim Gold. Und schon mit der Finanzkrise hat sich da elementar etwas verschoben. Im Jahr 2010 sind die Notenbanken weltweit wieder auf die Käuferseite gewechselt. Sie entziehen dem Markt also pro Jahr mehr Gold, als sie ihm über Verkäufe zuführen.

Das war der zweite große Schritt für Gold. Der erste kam mit der Einführung des Euro. Damals haben die europäischen Zentralbanken sich darauf geeinigt, ihre Goldverkäufe zu stoppen. „Jetzt kaufen die Notenbanken netto wieder rund 350 Tonnen pro Jahr“, sagt David Marsh. Der Autor und Währungsexperte ist Mitbegründer von OMFIF (Official Monetary and Financial Institutions Forum). Marsh hat mehrere Bücher über Geld und Gold geschrieben. Unter anderem das Standardwerk „Der Euro“.

„Es geht um zwei Sachen“, sagt Marsh: „Die Industriestaaten verkaufen nicht mehr – und eine Reihe von Entwicklungsländern kauft zu. Sie tun das, weil sie dem Dollar aus politischen Gründen nicht voll vertrauen.“ Die Russen drücken das diplomatischer aus – aber nicht weniger deutlich: „Der Preis schwingt hin und her. Aber es ist eine hundertprozentige Garantie gegen juristische und politische Risken“, sagte der russische Notenbanker Dmitry Tulin über das Gold. Die Chinesen sind inzwischen auch sehr transparent. Hielt man die wahre Höhe der eigenen Reserven bis vor wenigen Jahren noch geheim, so werden die monatlichen Zukäufe jetzt regelmäßig publiziert.

Gleichzeitig wird der Goldmarkt in China massiv ausgebaut. Die Peoples Bank of China macht auch kein Geheimnis daraus, was das Ziel dieser Aktion ist: Gold soll dabei helfen, die Landeswährung Renminbi (Yuan) zu einer weltweit geachteten Reservewährung zu machen. „Es gibt auch viel Spekulation dazu, wie viel Gold China noch in der Hinterhand haben könnte“, sagt Ken Hoffman von Bloomberg Intelligence im Gespräch mit der „Presse“. Hoffman ist der Rohstoffexperte dieser Analyseabteilung von Bloomberg. „China liebt Gold. Und China liebt Stabilität. Ich hab einmal einen Notenbanker aus der Mongolei gefragt, warum auch sein Land Gold kauft. Wenn Gold für China wichtig ist, dann ist es auch wichtig für uns, hat er gesagt.“ Es gibt inzwischen einen eigenen Yuan-Goldpreis. Und der entfernt sich manchmal deutlich vom Dollar-Preis. Das Zeichen einer Zeitenwende?

Hoffman hat sich zum Spaß ausgerechnet, was es bedeuten würde, sollte China seine Währung durch Gold decken. Dafür ist er von 10.000 Tonnen in den Tresoren der Volksrepublik ausgegangen, also mehr als dem Fünffachen der offiziellen Reserven. Das Ergebnis: Der Goldpreis müsste auf 64.000 Dollar pro Unze steigen. „Sollten sie nur einen Teil ihres Geldes decken wollen, würden aber auch 5000 Dollar reichen“, so Hoffman.

Die Zahlen sind freilich illusorisch, sagt David Marsch: „Gold ist ein Sicherheitsnetz. Und zwar eher auf dem psychologischen Level. Die Schulden sind heute so groß, dass man sie nicht durch Gold tilgen kann. Dafür müsste der Preis auf ein astronomisches Level steigen.“

Tatsächlich spricht heute niemand von der Rückkehr goldgedeckter Währungen, auch wenn das Thema Gold in China und Russland deutlich populärer ist als im Westen. Österreich und Deutschland, wo viel physisches Gold gekauft wird, sind da eine Ausnahme: „Völker, die Gold kaufen, haben oft schlechte Erfahrungen mit Inflation gemacht. Deswegen kaufen die Deutschen heute noch viel, obwohl die Hyperinflation schon 100 Jahre her ist“, sagt Ken Hoffman: „Die Chinesen haben ähnliche Inflationserfahrungen gemacht. Sie sehen Gold als etwas, was der Kaiser gehortet hat und sagen sich: Das mach ich auch.“

Ironischerweise kommt aktuell eine Gefahr für den Goldpreis aus einem anderen Land, dessen Bürger vom gelben Metall besessen sind: Die Währungsreform in Indien hat auch den dortigen Goldmarkt durcheinandergebracht. Jetzt wird sogar mit einem Importverbot spekuliert. Dass der Goldpreis nach dem Rückgang im November sofort wieder zurückkommt, ist keineswegs sicher. Noch ist der seit 2011 laufende Bärenmarkt für das Metall (in Dollar gerechnet) nicht vorbei. Selbst dreistellige Preisziele könnten wieder auftauchen, wenn die Marke von 1170 Dollar pro Unze dauerhaft unterschritten wird, sagen Analysten.

Für langfristig orientierte Anleger sind das Kaufgelegenheiten. Da braucht man es nur den östlichen Notenbanken nachmachen. Den Giganten, die schon zugreifen. Entscheidend werden auch die Inflationserwartungen und die Zinspolitik der Federal Reserve sein. Der Preisanstieg des Jahres 2016 hat ja mit dem Zinsschritt im Dezember 2015 begonnen.

E-Mails an: nikolaus.jilch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2016)