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Fliegt vom spitzen Kopf der Hut

Aktuelle politische Ereignisse schlagen auch in der Kinder- und Jugendliteratur zu Buche: Karate beherrschende Mädchen, Schminkstipps gebende Buben, verdächtigte Migranten, jüdisch-arabische Freundinnen und manch andere Gestalt aus der Zeit des „toleranten Subjektivismus“.

Hier geht es nicht um den Winter, sondern um den französischen (genauer: bretonischen) Sommer, in dem vielleicht einige von uns jetzt gern wären: Monsieur Hulot erlebt am Strand allerlei wortlose Abenteuer. Erst verheddert er sich in seinem Liegestuhl, dann fällt ihm ein Ball auf den Kopf, seine Zeitung fliegt mit einem Drachen davon, seinen Schuh stiehlt eine Möwe. Monsieur Hulot ist ein berühmter Filmheld und Tollpatsch, den Jacques Tati berühmt gemacht hat. Dem belgischen Illustrator David Merveille ist eine heiter-subversive Wiederbelebung mit einer ganze Reihe von Hulot-Bilderbüchern gelungen. David Merveille nach Jacques Tati:Monsieur Hulot am Strand. Bilderbuch. Ab vier Jahren. 56 S., geb., € 17,50 (NordSüd Verlag, Zürich).

AUFGEREGTE STÄDTER.

„Ich liebe Kühe. Sie haben so treue Augen und so hübsche Wirbel über den Nüstern. Und ihre Zunge, die kitzelt fürchterlich!“ Josefs Vater und Großvater sind Bauern, aber den Hof weiterzuführen zahlt sich finanziell nicht mehr aus. Daher wird eine Kuh nach der anderen verkauft. Josef ist untröstlich, er ist zwar kein Morgenmensch, aber er wird üben, früh aufzustehen, versprochen! Papa sagt, was man nicht kann, müsse man üben. Die neu zugezogenen Städter wollen spürbar nichts üben, sie regen sich auf – über den Misthaufen, per Mail. Und Josefs Schwester Jasmin will sowieso in die Stadt ziehen. Wird es Josef gelingen, seine Lieblingstiere zu retten?Kirstin Breitenfellner, Mathias Nemec:Lisa & Lila dürfen bleiben. Ab sieben Jahren. 64 S., geb., € 13 (Picus Verlag, Wien).

SCHLAUE ALIENS.

„Der Zombie-Pirat hat mich. Dieser reanimierte Räuber wird jeden Moment seine Beißerchen in mein weiches, warmes, leckeres Nackenfleisch graben!“ Wollten Sie schon immer wissen, warum Ihre Kinder von Computerspielen nicht lassen können? Aber Sie waren beim heimlichen Ausprobieren zu langsam für die nächste Ebene, stimmt's? Hier können Kinder und Eltern sich gemeinsam und gemächlich mit einem Buch anfreunden, das Computerspielen sehr ähnlich ist: Der Bub Cosmoe wurde von der Erde ins Weltall katapultiert und freundet sich mit einem schrägen, freilich schlauen Alien namens Humphree an, aber auch eine Prinzessin will bei den Abenteuern der zwei Knaben mitmachen. Ein Mädchen! Das geht erst einmal gar nicht! –Comics sind eine Kunstform, auch wenn der Plot der Allreise schlicht und allzu bekannt anmutet, das Meisterliche steckt in der Ausführung und im Detail dieser überaus heiteren und liebevoll gestalteten lautmalerischen Geschichten. Vom New Yorker Max Brallier stammt auch „The Last Kids on Earth“ (Illustrationen: Douglas Holgate, in englischer Sprache). Max Brallier, Rachel Maguire, Nichole Kelly:Galactic Hot Dogs– Würstchen im All und Das Würstchen schlägt zurück.Aus dem Amerikanischen von Nadine Mannchen. Ab acht Jahren. Jeweils 304S., geb., € 10,30 (Oetinger Verlag, Hamburg).

SELBSTVERTEIDIGENDES MÄDCHEN.

„,Es riecht jetzt überall nach Weihnachten.“ Johanna Maria Magdalena Knipsel ist glücklich. Aber nicht immer. Ihr echter Vater lebt in Australien, weil er Fernweh hatte. Ihr anwesender Vater ist ein Riese, die Mama sehr klein. Das ist kein Problem. Aber in der Schule lauert die Klassensprecherin auf jeden kleinen Fehler, den sie melden kann. Und vollends unerträglich sind ein paar gewaltbereite Buben, die in der Gruppe „Faustlos“ gezähmt werden müssen, was nicht immer gelingt. Besonders schlimm ist ein Knabe namens Leo. Aber dann taucht die etwas bizarre Zoe Sodenblatt aus New York auf, sie riecht nach Vanille, und das Beste an ihr ist: Sie beherrscht Karate.

„Ich bin hier bloß das Kind“ ist nicht so witzig wie „Ich bin hier bloß die Katze“ (von einer anderen Autorin, nämlich Hanna Johansen), aber trotzdem sehr nett zu lesen, realitätsnah und passend in unserer Zeit des toleranten Subjektivismus. Diese Strömung gibt es heute auch, sie wird nur über den rabiaten Tendenzen in der Gesellschaft oft vergessen. (Weitere Bände in der Reihe sind: „Ich bin hier bloß das Pony“ und „Ich bin hier bloß der Hamster“.) Jutta Richter (Text), Hildegard Müller (Illustrationen): Ich bin hier bloß das Kind, (von Richter stammt auch:) Ich bin hier bloß der Hund. Ab acht Jahren. Jeweils 128 S., geb., € 10,30 (Hanser Verlag, München).

FRAUENZEITSCHRIFTENLESENDER BUB.

„Eines Tages würde George ihrer Mutter irgendwie sagen müssen, dass sie ein Mädchen war. Aber nicht heute.“ George hat sich im Bad eingesperrt und betrachtet Zeitschriften. Der große Bruder, Scott, rüttelt an der Tür, im letzten Augenblick versteckt George die Magazine und wird trotzdem von Scott ausgespottet. George ist ein Bub, der ein Mädchen sein will, er/sie schaut sich nicht Pornohefte an, sondern Frauenzeitungen mit Kleidern und Schminktipps. Im Internet kann man seitenweise über das Kurieren von Transsexualität nachlesen. Eigentlich traurig, denn jeder sollte akzeptiert werden, wie er ist, findet nicht nur der New Yorker Autor Alex Gino, der für dieses Buch zwölf Jahre gebraucht hat. „George“ ist allerdings auch viel mehr geworden als ein vermutlich autobiografischer Erfahrungsbericht: ein wirklich zu Herzen gehender Roman, der plastisch macht, wie tief und breit Sehnsüchte sein können. Alex Gino: George. Aus dem Amerikanischen von Alexandra Ernst. Ab zehn Jahren. 206 S., geb., € 15,50 (S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main).

RIVALISIERENDE GÖTTER.

„Höre Israel / der Ewige, unser Gott“, haben Sie das Gebet erkannt – oder dieses: „Im Namen Gottes / des Erbarmers / des Barmherzigen“? Der ehemalige Lehrer Manfred Mai hat 150 Bücher geschrieben, am bekanntesten sind seine Sachbücher für Kinder und Jugendliche über deutsche Geschichte, Entdecker, Erfinder, Künstler und so weiter. Diesmal widmet er sich den fünf Weltreligionen – sine ira et studio, was in diesen Zeiten besonders sympathisch ist. Man wird hier also keine Polemik gegen den Islam finden. Vielmehr wird sachlich, aber nicht fad das Wichtigste erzählt: vom auserwählten Volk der Juden, vom ungewöhnlichen Kind Jesus, von Mohammeds Engel, von Shiva und den Hindus – und von Siddharta, der aus der Hüfte seiner Mutter entsprang und, kaum geboren, schon wusste: „Ich werde das Leiden von Geburt, Alter und Tod beenden.“ Kurze Kapitel widmen sich Naturreligionen und der Frage, warum Judentum, Islam und Christentum immer wieder gegeneinander kämpfen. Manfred Mai: Wir leben alle unter demselben Himmel. Die fünf Weltreligionen für Kinder. Ab zehn Jahren. 152 S., geb., € 18,50 (Hanser Verlag, München).

VERDÄCHTIGER FLÜCHTLING.

„Ich sehe dem abfahrenden Kutter hinterher, das rote Licht am Mast wird immer kleiner, bis die Nacht es schließlich ganz verschluckt. Nun sind wir allein.“ Dem 15-jährigen Karim, der das Pech hat, den Nachnamen Deeb zu tragen, was im Deutschen wie Dieb klingt, gelingt nach mehreren Anläufen, die ihn fast das Leben kosten, die Flucht aus der umkämpften Stadt Homs in Syrien nach Konstanz. Er geht in Deutschland zur Schule, lernt in wenigen Monaten die Sprache. Doch dann wird er verdächtigt, erotische Aufnahmen von einer Mitschülerin gemacht und sie an Klassenkameraden verschickt zu haben. Das Mädchen wird gemobbt, Karim soll die Schule verlassen. Annabel Wahba, Vater Ägypter, MutterDeutsche, hat Politikwissenschaft studiert und schreibt für das „Zeit-Magazin“. Ihr Roman ist nach einer wahren Geschichte entstanden. Annabel Wahba: Tausend Meilen über das Meer. Die Flucht des Karim Deeb.248 S., brosch., € 9,30 (cbj Verlag, München).

Interkonfessionelle Freundinnen.

Flüchtlingsgeschichten gibt es jetzt viele, vor allem für Kinder und Jugendliche. Hier sind noch zwei unterschiedliche, ein Stück gut gebaute Lebenshilfe und ein Stück echte Literatur: Rebekka und Samira sind Freundinnen, Rebekka ist Jüdin, Samira Muslimin aus Tunesien. Eines Tages verschwindet der Kiddusch-Becher von Rebekkas Vater. Ihre Eltern verdächtigen Samira des Diebstahls. Kenntnisreich, versöhnlich, doch auchetwas schockierend, wie schwierig sich der Umgang von Angehörigen verschiedener Religionen im „liberalen“ Berlin gestaltet, wirkt der schmale Roman der Autorin und Wissenschaftlerin Eva Lezzi, die bereits mehrere Kinderbücher veröffentlicht hat („Chaos zu Pessach“). Eva Lezzi: Die Jagd nach dem Kidduschbecher. Ab 12 Jahren. 124 S., geb., € 12,50 (Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin).

KULTURELLE VERMITTLERIN.

Langsam, dennoch pointiert schildert Julya Rabinowich in „Dazwischen: Ich“ das Mädchen Madina. Woher sie kommt, heißt es im Klappentext, sei egal, und so ist es wohl auch. Mit der Geschichte der hellsichtigen, melancholischen und höchst temperamentvollen Madina hat Rabinowich eine zeitlose Coming-of-Age-Geschichte geschaffen, die nicht an Nationen oder Religionen gebunden ist, die sich einfach überall ereignen kann und ereignet: Integration hat viele Facetten, sie dauert recht lang, und manchmal braucht es mehrere Generationen, bis sie gelingt. Darüber wird hier erzählt, voll Poesie und mit Zwischentönen. Julya Rabinowich: Dazwischen: Ich. Ab 14 Jahren. 256 S., brosch., € 15,50 (Hanser Verlag, München).

LÄRMENDER JAZZER.

„Wer glaubt, der Geist der 1960er-Jahre ist auch im selben Jahrzehnt entstanden, liegt falsch.“ In diesem Buch wird die Geschichte der Popmusik der Nachkriegszeit in Form einer Graphic Novel resümiert. Wie begann es, als in Europa der Fliegeralarm verstummte und sich eine andere Art von – wie viele Erwachsene fanden – „Höllenlärm“breitmachte, als der von den Nazis verfemte „Nigger-Jazz“ die angesagte Musik wurde. Jugendkultur, bei der auch viele Ältere mitmachten, unterschied plötzlich die „ewig Gestrigen“ von den Modernisten. Das alles ist rasch passiert, was Hoffnung für unsere Welt gibt, in der sich so vieles immer wieder ändern kann. Der 1971 in Frankfurt geborene Tobi Dahmen ist stilistisch nicht der originellste Illustrator, aber er erzählt kundig und mit feinem Strich von kulturellen Umwälzungen – und von privaten wie dem ersten Sex. Dahmen hat auch eine amüsante Homepage. Tobi Dahmen: Fahrradmod. Graphic Novel. Ab 14 Jahren. 430 S., geb., € 30,90 (Carlsen Verlag, Hamburg).

EINSIEDLERISCHER ANARCHIST.

„Jede Sekunde den Wald, den See, den Bach, die Tiere vor Augen zu haben.“ Nach einer wahren Geschichte entstand dieses großartige und erschreckende Buch über ein Experiment einer idealen Gemeinschaft. Im Ardenner Wald, der schon Shakespeare als Schauplatz unheimlicher Begegnungen gedient hat, baut der Anarchist Fortuné Henry 1903 eine Hütte, aus der sich eine Siedlung entwickelt. Anfangs wird er von der lokalen Bevölkerung angefeindet, später unterstützt, das Projekt blüht und gedeiht, doch dann kommt es zu immer brutaler werdenden Spannungen. Nicolas Debon: Essai. Aus dem Französischen von Tanja Krämling. Ab 14 Jahren.96 S., geb., € 20,60 (Carlsen Verlag, Hamburg).

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2016)