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Alles auf Linie des „Führers“

Der türkische Machthaber Recep Tayyip Erdoğan versucht gerade, nach seinem Land auch das übrige Europa zu vergiften.

Österreichische Kinder schimpfen in österreichischen Schulen auf Türkisch. Um zu verstehen, was die Schüler sagen, müssten die österreichischen Lehrkräfte die türkischen Schimpfwörter erst verstehen. Das ist weder eine Komödie noch politische Propaganda, das sind die Auswirkungen, die ein faschistisches Regime auf die Gesellschaften in Europa hat.

Volksverdummung und Demoralisierung der Gesellschaft sind zwei Ziele des Regimes von Recep Tayyip Erdoğan. Es gibt keine Opposition mehr in der Türkei. Von rechts bis links, von klein bis groß wurde alles auf Linie gebracht. Globalpolitisch gesehen befindet sich die Türkei mittlerweile zwischen Nordkorea und dem Iran.

Erdoğan wird in der Türkei bereits „Reis“ genannt, was auf Deutsch „der Führer“ heißt. Er lässt Filme über sich drehen, in denen er sich als „Retter der Nation“ präsentiert, er wird in Schulbüchern als „Führer“ dargestellt. Erdoğan ordnet seinem Volk an, wie es sich zu kleiden hat und wie viele Kinder Familien zeugen müssen. Internetzugang gibt es nur dort, wo „der Führer“ es will – und ein degenerierter, missbrauchter Islam ist in der Gesellschaft der Maßstab aller Handlungen.

Das Problem in Europa ist, dass viele Politiker, Journalisten, Künstler und Universitätsprofessoren die Lage in der Türkei noch nicht wirklich erfasst haben. Sie können das Regime nicht richtig einordnen und benennen. Viele Menschen verstehen unter Faschismus immer nur Hitlerfaschismus. Das ist ein Irrtum!

 

Mafiose Art der Politik

Erdoğan bezeichnet Europa als „rassistisch“ und „islamophob“. Einige von Ankara aus gesteuerte türkische Zeitungen in Österreich schreiben, dass Österreich ein „Nest des Rassismus“ sei.

Erdoğan sagt: „Wenn meine Bürger keine Visumsfreiheit bekommen, schicke ich euch Terror!“ Er benützt die Flüchtlinge sowohl für seine Drohungen gegenüber Europa als auch als Legitimation für seine Invasion in Syrien. So geht ein Krimineller vor. Erdoğan setzt den Europäern Ultimaten, spricht Drohungen und Erpressungen aus. Manche Europäer folgen seinen Befehlen, andere sind in Schockstarre verfallen und wissen nicht, wie sie reagieren sollen, weil sie diese mafiose Art in der Politik nicht kennen. Erdoğan spielt für seine Zwecke seine Bürger in Europa aus wie Spielkarten.

Mit seiner Politik bringt Erdoğan die Europäer mit ihren eigenen Werten in Konflikt, deren Universalismus gerät ins Wanken. Angela Merkel gratuliert Donald Trump und wünscht sich eine gute Zusammenarbeit auf der Basis westlicher Werte wie Demokratie, Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde. Im Umgang mit Erdoğan erwähnte sie diese Werte nie. Für alle Erdoğan-Anhänger in Europa sollte es verpflichtende Aufklärungsseminare in den Fächern Demokratie, Freiheit, Gleichheit, gewaltfreie Erziehung, Frauenrechte, Rassismus, Sexismus, Homosexualität geben.

Wir werden sehen, ob Erdoğan die europäische Demokratie zur Gänze vergiftet, bis sie abstirbt. Oder ob die Europäer ein wirksames Gegengift entwickeln können.

Sedat Pero (*1973 in Ostanatolien) studierte Anglistik. 2001 gewann er den Literaturpreis von „Leben zwischen den Kulturen“. Er lebt und arbeitet in Wien.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2016)