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Bittersüße Wiener Bordellsaga

THEATER IN DER JOSEFSTADT: DAS M�DL AUS DER VORSTADT
(c) APA/ROLAND SCHLAGER
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Michael Schottenberg inszenierte Nestroys „Mädl aus der Vorstadt“. Speziell das junge Paar bezaubert: Daniela Golpashin und Matthias Franz Stein.

Das liebe Geld: „Auf schwerfällige Podagrafüß kommt's herein – und fliegt auf leichten Zephyrflügerln hinaus.“ Besonders viele bekannte Nestroy-Bonmots finden sich im „Mädl aus der Vorstadt“, seit Donnerstagabend in der Josefstadt zu sehen. Der ehemalige Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg hat inszeniert. Gerüchteweise verlautet, dass Josefstadt-Hausherr Herbert Föttinger in den Endproben eingegriffen haben soll. Das kommt vor. Jedenfalls, beide Herren kennen sich aus mit Nestroy. Fraglich ist allerdings, ob man nicht einmal jüngeren Kräften Gelegenheit geben sollte, sich bei diesem Wiener Klassiker zu erproben. Risken gehen die Theater heute ungern ein.

Die Posse wurde 1841 uraufgeführt. Es brodelte in der rasant wachsenden multikulturellen Metropole Wien, wo die Wohlhabenden im Zentrum residierten – und rundherum Handwerker und Arbeiter. Das Elend wuchs. In Nestroys oft gespieltem „Mädl“ will eine Dame einen Buben ehelichen, der aber liebt ein junges Mädchen.

 

Schnoferl in Liebesentgeisterung

Die Hauptrolle spielt ein Winkelagent, damals vermutlich ein Konfident der Geheimpolizei des allmächtigen Kanzlers Metternich. Der Schnüffler namens Schnoferl verdient gut, er hat dem Onkel der feinen Dame 3000 Gulden zur Veranlagung gegeben, dieser Herr aber ist ein Betrüger und schaffte bereits das Familienvermögen beiseite.

Ein stimmiger Einfall durchzieht die Aufführung: Die Nähstube in der Vorstadt ist hier ein Geheimbordell, von diesen gab es im Biedermeier wohl viele. Die süßen Mädeln waren oft sehr jung. Saftl (Siegfried Walther), „Besitzer einer Vergnügungsstätte“, trägt eine protzige Golduhr und rechnet, wie viel er wieder verdient hat mit seinen „Verwandten“ – die sich freuen, dass ihnen mit dem „Herrn von Gigl“ ein wohlhabender und hübscher Mann ins Haus schneit. Doch der Bursche, der immer fort „Ich bin so frei“ ruft, ist eben dieses nicht: Matthias Franz Stein als Gigl und seine Thekla, Daniela Golpashin, sind ein entzückendes Paar, das gern rote Mützen tauscht und einen Hauch von Hip-Hop und Anarchie zu diesem Abend beisteuert. Diese beiden stemmen sich gegen den vorherrschenden Egoismus, Zynismus und Opportunismus. Man kann sie sich gut vorstellen, einander streitbar und zärtlich zugetan, mit einer Kinderschar auf dem Land. Michou Friesz ist köstlich als noch recht jugendlich wirkende Madame Erbsenstein, die zwischen Wut auf ihren entwichenen Verehrer, dem Intrigantentum ihres Standes und Mitleid mit dem armen Hascherl Thekla schwankt. Martin Zauner ist ein wenig zu gutartig für den skrupellosen Gangster Kauz. Die Produktion schlittert etwas unentschieden zwischen Amüsement und Satire herum. Das Amüsement überwiegt. Das wird die Abonnenten freuen.

Den Winkelagenten Schnoferl spielt Thomas Kamper, der große Vorbilder in dieser Rolle wie Otto Tausig oder Josef Meinrad durchaus scheuen muss. Aber Kamper bringt ein großartig entgeistertes Liebeselend in die Rolle ein – und er hat schöne Momente als Pechvogel, der wild und stetig nach einem Zipfelchen Glück hascht. Ljubiša Lupo Grujčić gibt einen Schneider, einen „Mann für alles“, fürs Zarte und fürs Grobe. Unter dem gebauschten Rock seiner launischen Herrin Erbsenstein näht er noch schnell einen Saum – und dient ihr auch als Büttel. Toll ist die Musik, die teilweise an die 1920er-Jahre erinnert. Die Umfärbung des Erbsenstein-Liedes „Nachsichtig“ auf Marlene Dietrich ist allerdings ein Rohrkrepierer.

Anfangs zünden die Pointen nicht. Muss man sich heute in Nestroys Sprache erst einhören? Wird sie in zehn Jahren noch jemand verstehen? Dabei verrät Schottenbergs Fassung Erfahrung und Gespür, sie bleibt nah am Original, betont die sexuellen Anspielungen, die zu Nestroys Zeiten verboten waren, ist aber nicht vulgär. Der Text ist tadellos einstudiert, der Ton authentisch wienerisch. Das Lokalkolorit und die Typen stimmen. Insgesamt: Ansehnlich bis gelungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2016)