Kein Mitleid mit Jubilar Rudolf Buchbinder!

INTERVIEW MIT KONZERTPIANIST RUDOLF BUCHBINDER
(c) APA/GEORG HOCHMUTH

Der Pianist feierte seinen 70er standesgemäß mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein.

Auch an seinem Geburtstag muss er arbeiten, der Rudolf Buchbinder! Gut, wenn man sich dann mit den Kollegen versteht und das Arbeitsklima stimmt. Da es sich bei den Kollegen am Donnerstag im Wiener Musikverein um die Wiener Philharmoniker gehandelt hat und die Chemie zwischen dem Ausnahmesolisten und dem Ausnahmeorchester einfach stimmt, wäre Mitleid allerdings völlig unangebracht. Zumal Buchbinder nicht nur etwas mitgebracht hat – eine makellose Interpretation eines seiner Paradewerke, des fünften Beethoven-Konzerts –, sondern auch ein Geschenk mitnehmen konnte: die Ehrenmitgliedschaft der Philharmoniker, nach einer mit Filmzitaten für den Cineasten Buchbinder gespickten Rede von Philharmoniker-Vorstand Andreas Großbauer. Man wolle auf die „Goldfinger“ Buchbinders keinesfalls mehr verzichten, spätestens seit den – ohne Dirigenten – im Mozart-Jahr 2006 absolvierten Konzerten laufe die Zusammenarbeit unter dem Titel „Die Unzertrennlichen“.

Vielleicht wäre auch am Donnerstag der Beethoven noch organischer, natürlicher und flüssiger geraten, wenn man Maestro Tugan Sokhiev im ersten Teil Freizeit gegönnt hätte. Wegen des blinden Einvernehmens zwischen Solist und Orchester wohlgemerkt, nicht wegen Sokhiev, der seine Qualitäten bei Tschaikowskys fünfter Symphonie dann eindrücklich unter Beweis stellen konnte. Er entschlackte das Werk vom Klangbild her sachte, indem er nicht primär auf die schnelle Wirkung, sondern auf Transparenz abzielte. In perfekter Balance der Instrumentengruppen führte Sokhiev vor, wie genial Tschaikowsky diese Symphonie instrumentiert hatte. Wenn man dann noch Musiker zur Verfügung hat wie den philharmonischen Solohornisten, der seinen so langen wie heiklen Part im zweiten Satz derart makellos und klangschön geformt hat, kann man sich als Dirigent ganz entspannt den großen Bögen widmen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2016)