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Lebensrückzug, nur zum Lachen?

Jean Sibelius, zurückgezogen in seinem Park.
Jean Sibelius, zurückgezogen in seinem Park.(c) Ray Stevenson
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Die großen Meisterkomponisten wussten stets, wann die Zeit für einen Rückzug gekommen war. Sie hatten aber auch ein gutes Gefühl dafür, unter welchen Umständen man wiederkehren darf – oder wozu ein Leben im inneren Exil gut sein könnte.

Die Wiener Staatsoper spielt nach längerer Pause wieder den „Falstaff“ – das Dokument eines segensreichen Wortbruchs. Eigentlich hatte Giuseppe Verdi nach seiner „Aida“ keine Opern mehr komponieren wollen; doch der geniale jüngere Kollege Arrigo Boito, der vom Saulus zum Paulus mutiert war, vom Verdi-Gegner zum größten Bewunderer, vermochte ihn umzustimmen. Statt zur eigenen Vertonung, verfasste Boito zwei Libretti für Verdi und holte ihn damit aus dem inneren Exil ins große Opernleben zurück.

Es ist wohl kein Zufall, dass auf den ersten Coup mit dem finsteren „Otello“ ein zweiter folgte, wieder als Shakespeare-Paraphrase und diesmal erlösend augenzwinkernd: „Falstaff“ ist die erste und einzige Komödie Verdis nach dem jugendlichen „Giorno di regno“, den die Welt längst vergessen hatte. Der Tragöde drehte der Welt einmal zumindest die lange Nase – und vermittelt zwischen zahllosen Pointen viel menschliche Weisheit, abgeklärt, wie es sich für ein „Alterswerk“ gehört.


Mürrische Kompromisse. Das muss nicht immer so sein. Die Musikgeschichte kennt Komponisten, die sich eher mürrisch-verdrossen in ihren Elfenbeinturm zurückzogen, als mild und versöhnlich der Menschheit auf die Schulter zu klopfen.

Beethoven ist dafür das berühmteste Beispiel. 1824 hatte er in seiner Neunten mit Schillers Worten noch der ganzen Welt einen Kuss verabreicht, war aber wild entschlossen, sich nicht noch einmal an ein solches Riesenopus zu wagen. Schon während der Arbeit an der Chorsymphonie skizzierte er fleißig, was sein „Schwanengesang“ werden sollte: eine Reihe von Streichquartetten. Womit wir indirekt wieder bei „Falstaff“ gelandet wären, denn Shakespeares wohlbeleibter Ritter, im biedermeierlichen Wien längst eine Art mythologischer Figur, gab dem wichtigsten Musiker des Komponisten seinen Spitznamen: „Mylord Falstaff“ nannte Beethoven den Geiger Ignaz Schuppanzigh gern, mit dem ihn eine durchaus auch bei abendlichen Wirtshausgesprächen gepflegte Freundschaft verband.


Angriff auf die Gehörnerven. Diese kam nur ins Wanken, wenn es der Musikant wagte, den Schöpfer unsterblicher Werke mit technischen Details zu belästigen: „Glaubt er, dass ich an seine elende Geige denke“, soll er Schuppanzigh angeherrscht haben, „wenn der Geist über mich kommt?“

Bis heute denkt manch kulturbeflissener Konzertbesucher, Beethoven hätte nicht nur die „elende Geige“ des Ignaz Schuppanzigh mit seinem Bannstrahl belegt, sondern auch die Gehörnerven seines Publikums. Aufführungen der späten Beethoven-Quartette mündeten zwar notorisch in großen Applaus, hinterließen aber ebenso notorisch Hörer mit ratlosen Mienen. Bis heute gelten die langen, kompliziert geschichteten, harmonisch wie formal kühnen Kompositionen, um es in Falstaffs Sprache zu sagen, als „schwer verdaulich“. Weshalb sich sogar ihr unbeugsamer Schöpfer zu Kompromissen herabließ: Dem längsten der Quartette (op. 130) verpasste er ein neues Finale, empfanden doch selbst überzeugteste Verehrer seiner Kunst die ursprünglich an dieser Stelle stehende „Große Fuge“ als viel zu lang und vollkommen rätselhaft.

Aber immerhin: Beethoven komponierte bis zuletzt. Ein Mann wie Jean Sibelius zog es vor, sich von der Welt zurückzuziehen. Vielleicht, weil er seelisch an einer unlösbaren Diskrepanz zerbrach: Hie das Publikum, das seine Musik liebte, da die Musikwissenschaftler, die ihm vorwarfen, angesichts der Errungenschaften der Avantgarde nach 1900 ewiggestrig den alten romantischen Kunstidealen nachzuhängen.


Vorahnungen der Postmoderne. Dass Sibelius' Musik Tendenzen und Fantasien der Postmoderne vorwegnahm, würdigt man erst 100 Jahre, nachdem der „große Alte aus den finnischen Wäldern“ beschloss, seinen Œuvre-Katalog zu beenden. Wobei Sibelius seinen Rückzug gar nicht großspurig verkündete. Er gab lieber vor, in seiner Abgeschiedenheit – und unter falstaffgleich-immensem Alkoholkonsum – eine Achte Symphonie zu komponieren. (Angeblich hat ein Kopist in Helsinki sogar die Partitur von deren erstem Satz in die Hände bekommen – sie jedoch weder kopiert, noch das Original für die Nachwelt bewahrt . . .)

Viel theatralischer − wie denn auch anders? − war der Rückzug des Opernmeisters Gioacchino Rossini. Dieser zog sich zurück, nachdem er den staunenden Musikfreunden von Paris mit dem „Guillaume Tell“ demonstriert hatte, wie das eben erfundene Genre der Grand opéra funktionieren könnte, um in der Küche (nochmals „Falstaff“) lieber Tournedos statt am Schreibtisch Cabaletten zu komponieren.

Doch anders als Verdi war Rossini ein Schelm und veröffentlichte ab 1858, drei Jahrzehnte nach „Tell“, 13 Sammlungen kleiner Klavierstücke, die er ausdrücklich „Alterssünden“ nannte, eine „asthmatische Etüde“ und die „Fehlgeburt einer Polka mazur“ inbegriffen . . .


Lobet Gott mit Humor. Nicht frei von Humor ist auch die Bezeichnung des einzigen wirklich großen Spätwerks aus Rossinis Feder: „Petite Messe solennelle“. Die „kleine Messe“ dauert 80 Minuten, ist in ihrer Urform alles andere als „solennelle“ – nämlich für Singstimmen, zwei Klaviere und Harmonium gesetzt – und mit einer rührenden Widmung an den lieben Gott versehen: „Ich bin für die Opera buffa geboren. Du weißt es gut! Ein wenig Talent, ein wenig Herz, mehr nicht. Sei nun gepriesen und lass mich ein ins Paradies.“

Solche Sätze wären dem Agnostiker Verdi nie aus der Feder geflossen. Er war auch nicht für die „buffa“, sondern für die große Tragödie geboren – und zog zuletzt doch zumindest lächelnd Bilanz. Dass die tiefen, die humanen Töne im „Falstaff“ überwiegen, ist freilich richtig. Verdi, der sich selbst als Bauer bezeichnete und sein Landgut bewirtschaftete, setzt nach dem gewaltigen Seesturm, mit dem sein „Otello“ anhebt, zur versöhnlichen Naturschilderung des nächtlichen Parks von Windsor an – und wird in diesem Moment zum musikalischen Impressionisten par excellence.

Mit wenigen Pinselstrichen skizziert er in dieser seiner letzten Partitur noch einmal jegliche denkbare dramatische Situation; oft genügen ein paar Takte, um sie plastisch werden zu lassen, sie ganz zu erfassen – ausgelassen oder melancholisch, zynisch oder seelenvoll-bewegt. Solche Knappheit und Klarheit verstören nicht einmal die bösen Alptraumfiguren, die ins Finale hereindringen: Im letzten Moment löst eine – ironischerweise in Fugenform komponierte – Pointe alle Spannungen: Wir sind ja doch alle nur geborene Witzbolde. Zum Lachen.

Schön, dass Verdi aus seinem inneren Exil zurückgekehrt ist, uns das noch einmal vor Augen zu führen. ?

CD-Tipps

Falstaff. Dem Geist von Verdis Alterswerk kamen Herbert von Karajan und Giuseppe Taddei am nächsten. (derzeit nur in einer Sammeledition. DG)

Rossinis Messe.Nach langem Schweigen veröffentlichte der Meister noch ein großes Werk: die originelle „Petite Messe solennelle“ (mit Krassimira Stoyanova bei Harmonia Mundi)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2016)