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Staatsoper: Shakespeares Figuren feiern fröhliche Urständ

Die wohltönenden Weiber von Windsor, Lilly Jørstad, Hila Fahima, Marie-Nicole Lemieux und Carmen Giannattasio.
Die wohltönenden Weiber von Windsor, Lilly Jørstad, Hila Fahima, Marie-Nicole Lemieux und Carmen Giannattasio.(c) Staatsoper/Michael Pöhn
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David McVicars Neuinszenierung von Verdis „Falstaff“ besticht dank opulenter Optik, exquisiter Sänger und einer Personenregie, die sensibel auf die von Zubin Mehta magistral herausgearbeiteten Zwischentöne der Musik eingeht.

Das wird jene Kommentatoren, die mit Gewalt die deutsche Aktualisierungswut nach Wien verpflanzen möchten, ärgern. Was sie rettungslos altmodisch finden, freut freilich das Publikum. Die Staatsoper hat jedenfalls für die kommenden Jahre eine wunderbare, ganz an Shakespeare respektive dem Librettisten Arrigo Boito orientierte Produktion von Verdis letzter Oper parat. Und wenn sie diese immer mit edelstimmigen filmreifen Charakteren besetzt wie anlässlich der Premiere, wird sich dieser „Falstaff“ als Publikumsmagnet erweisen.

David McVicars detailreiche, ganz am Text und den musikalischen Pointen Verdis orientierte Regie führt uns die Geschichte der „Lustigen Weiber von Windsor“ vor Augen. Nicht mehr und nicht weniger. Dergleichen ist ja heutzutage schon als rarer Glücksfall zu werten.
Er tat es in einem von Charles Edwards und Gabrielle Dalton entworfenen, an Alten Meistern orientierten elisabethanischen Bilderreigen, den Paul Keogan mit Stilgefühl stimmungsvoll ausgeleuchtet hat. „Falstaff“ spielt zur rechten Zeit, ein paar pralle Figuren inbegriffen, die bei Boito und Verdi gar nicht vorkommen. Man hat sie aus dem „Heinrich IV.“ zur Verstärkung herübergenommen, was wiederum mit Boitos Dramaturgie gut zusammenpasst, denn auch der Librettist nahm Anleihen bei dem Königsdrama, das ja die Urheimat des dicken Sir John Falstaff ist.

Ohne die behutsam gewählten Pointen aus diesem früheren Werk wäre Verdis Falstaff-Figur um etliche humane Aspekte ärmer; und die Aussagekraft von Verdis Musik einiger wichtiger Inspirationsquellen beraubt.
Was da in der Staatsoper ab sofort zu sehen ist, ist also keineswegs altmodisch, sondern einfach stimmig. Die Handlung eines solchen Geniestreichs veraltet ja nie. Und mögliche Querverbindungen zur Gegenwart und zur eigenen Befindlichkeit weiß das p. t. Publikum ja in einer Fülle herzustellen, von der sich die Fantasie auch des originellsten Regisseur nicht die geringste Vorstellung machen kann. Das aber nur am Rande.

 

Spitzenensemble um Ambrogio Maestri

Die Premiere wurde auch deshalb umjubelt, weil sich auf der Bühne ein Ensemble einfand, das dieses Stück unter den gegebenen idealen Umständen auf Punkt und Komma und mit spürbarer Lust erzählt; und das dazu auch noch die tiefe, die musikalische Dimension liefert, die Verdis Partitur bereitstellt.

Um den Falstaff vom Dienst unserer Tage, Ambrogio Maestri, dessen musikalisch wie szenisch raumgreifende Leistung allenthalben schon gewürdigt wurde, scharen sich Gleichgesinnte, deren Freude am Komödienspielen wie am Herausarbeiten subtiler Charakterdetails die Aufmerksamkeit von Zuschauern wie Hörern gleichermaßen in Bann schlägt.

Der baritonale Gegenspieler des Titelhelden, Mr. Ford, zuerst, Ludovic Tézier, der mit Prachtstimme seinen Eifersuchtsmonolog zu einem Höhepunkt des Abends formt: Staunen, Wut und Lebensangst mischen sich da zum vokalen Offenbarungseid.

Die Atmosphäre verdichtet sich noch des Öfteren intensiv – nur Verdis artifizielle Übergangstechnik, die Arienschlüsse regelmäßig camoufliert, verhindert regen Zwischenapplaus, etwa auch nach Fentons schmachtende, lyrischem Tenorerguss und Nanettas fragil schwebender Feen-Beschwörung im letzten Bild: Paolo Fanale und Hila Fahima sind zur Stunde gewiss das liebenswerteste und wohltönendste aller Backfischpärchen.

Das Triumvirat der lustigen Weiber ist nicht minder luxuriös besetzt: die Alice der Carman Giannattasio (wie Fanale eine willkommene Hausdebütantin) läuft zur Hochform auf, wenn sie im fünften Bild geschäftig Regieanweisungen an das gesamte Ensemble erteilt, an die schönstimmige Meg Page von Lilly Jørstad ebenso wie an die exzellente neue Mrs. Quickly von Marie-Nicole Lemieux: Sie gebietet für die heiklen „Reverenza“-Phrasen über die nötige sonore Tiefe ebenso wie über all die nötige Eloquenz zum Verstreuen der vielen minutiösen Gut- und Bösartigkeiten dieser geschäftigen Obertratsche von Windsor.

Die kleineren Partien dazu, stumm oder singend allesamt im passenden Format – und Zubin Mehta am Pult des Staatsopernorchesters, das in diesem Werk selbstverständlich kaum je Begleitfunktion hat, sondern durchwegs der Spielmacher ist, wovon die Musikanten – bei oft bedächtigen Tempi – nach Herzenslust Gebrauch machen; unzählige solistische Pointen in den Bläsern spielen das Spiel ebenso mit wie die koloristischen Künste der Streicher. Letztere klingen in manchen Momenten nur deshalb weniger sonor als gewohnt, weil sie in erstaunlich kleiner Besetzung antreten.

Man kann, so viel Kritik sei auch an einem rundum geglückten Abend erlaubt, den kammermusikalischen Aspekt auch über- und damit besetzungsmäßig untertreiben. Das beruht auf einem Missverständnis, das sich spätestens beim Auftritt des Falstaff im Wald von Windsor rächt: Aus markigem Fortissimo sollte da unmittelbar ein echtes, doch klangvolles dreifaches Piano herauswachsen. Die dynamische Bandbreite, die Verdi hier suggeriert, ist mit je vier Celli und Kontrabässen schlicht und einfach nicht zu realisieren. Der Rest freilich ist „Falstaff“, und zwar in all seiner, wie man weiß, beachtlichen Fülle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2016)