Georgia O'Keeffes Bilder sind Ikonen in den USA. Dementsprechend selten sind sie in Europa zu sehen. Dabei sind sie wesensbegründend für Amerikas Moderne.
Sieht man eine Blüte in der modernen amerikanischen Kunst, in Andy Warhols Siebdrucken, in den Schwarz-Weiß-Fotos von Robert Mapplethorpe, sieht man immer auch Georgia O'Keeffe. Sieht man immer auch Sex. Jedenfalls ist das die Gedankenkette, die in den USA tradiert wurde. Denn die 1887 auf der Milchfarm ihrer Eltern in Wisconsin geborene Malerin ist eine nationale Legende. Sie markiert nicht nur den Beginn der frühen Moderne in den USA. Sie markiert den Beginn einer von Europa emanzipierten Moderne in den USA. Mit ihren großen, starken Blüten in extremer Nahsicht. Mit ihren organischen Landschaften. Mit ihren Himmelsbildern. Mit ihrem Sinn für Ewigkeit und Abgründigkeit, sei es bei den Blüten, dem Blick in menschenleere Weiten oder den gebleichten Tierknochen, die O'Keeffe in ihrer Wahlheimat New Mexico fand.
All das erfüllt das Klischee, das die US-Moderne brauchte, um sich eine eigene Ikonografie zu schaffen. Dass das nur ein lonely Cowgirl schaffen würde, war O'Keeffe klar, die schnell ein Star wurde und ihre Figur, ihre Erzählung selbst bestimmte. Am Ende sieht man sie als Grande Dame der US-Avantgarde, als greise Eremitin – sie starb mit fast 100 Jahren 1986 – auf dem Cover des „Time Magazine“: Sie sitzt auf dem Dach ihrer berühmten „Ghost Ranch“, noch heute ein Pilgerort, verschmolzen mit einer Art Phallus-Kamin im Hintergrund. Autark, schroff, unnahbar wie ihre Umgebung, es könnte auch Louise Bourgeois sein, die da sitzt, sie war wohl O'Keeffes legitime Nachfolgerin, gar nicht viel jünger.
Nein, das ist kein Geschlechtsteil
Was beide verbindet, ist die freudianische Deutung ihrer Arbeit, bei O'Keeffe passierte das noch von ihr ungewollt, es war ihr Entdecker und einflussreicher späterer Ehemann Alfred Stieglitz, der New Yorker Fotograf, der schon in ihre ersten abstrakten Kohlezeichnungen, die er ausstellte, das Geschlechtliche hineininterpretierte. O'Keeffe verwehrte sich dagegen zeitlebens – nein, die Blütenstände der Callas sind nicht phallisch. Und das faltige Gebirgsmassiv ist keine Vulva. Ein vorfeministischer Kampf gegen die Sinnlichkeit, der heute obsolet erscheint.
Man kann sich des Geschlechtlichen in den Bildern, abstrakt oder nicht, nicht erwehren. Man sollte sich ihm gleich ergeben, um krampfhaftes Wegschauen nicht in den Mittelpunkt zu rücken. Viel spannender ist es, der Idee von Kuratorin Heike Eipeldauer zu folgen, die in der gemeinsam mit der Tate Modern zusammengestellten Ausstellung im BA-Kunstforum versucht, die Gleichzeitigkeit der Stile bei O'Keeffe herauszuarbeiten, diese Vielfältigkeit, die dazu führte, dass sie aus heutiger Sicht so gegensätzliche Strömungen wie abstrakten Expressionismus à la Mark Rothko, aber auch Pop und Minimal Art beeinflussen konnte. Man muss sich vorstellen – Agnes Martin, die Künstlerin, die ihr Leben lang nur Streifen malte, lebte mit nur einem Bild an der Wand, einem Blumenposter von O'Keeffe, so Eipeldauer. Es sei diese Verschmelzung von Gefühl und Coolness gewesen, die die beiden verband. Aber auch der gewählte Wohnort, New Mexico.
Die Gegend war und ist noch immer bekannt als Rückzugsort, als Asyl für die Exoten der reichen East-Coast-Gesellschaft. Kein Wunder, dass Stieglitz seine Frau dort nie besuchte, er stand für die andere Welt. Sie konnte dort frei leben und arbeiten, sie war eine Femme fatale wie ihre europäische Verwandte im Geiste, Tamara Lempicka, liebte Frauen wie Männer, fuhr tagelang durch die Wüste, arbeitete bei Sandsturm im Auto, unter dem sie manchmal auch schlief. Der Gedanke der Lebensreform, und zwar europäischer Ausprägung, steht interessanterweise auch bei O'Keeffe am Beginn: Ihre frühen, so frei schwingend, lichtdurchflutet wirkenden abstrakten Aquarelle erinnern eindeutig an theosophische Kunst, an die Ästhetik von Rudolf Steiner. Seine Schriften waren in den 1910er-Jahren gerade übersetzt worden, wie übrigens auch Freuds Traumdeutung.
"The big american thing" ist sie, eine Ikone des großen amerikanischen Jahrhunderts: Georgia O'Keeffe, Malerin, Muse, Einsiedlerin und prägende Figur sämtlicher Strömungen der amerikanischen Moderne, hat sich in ihrem langen produktiven Leben immer wieder neu erfunden - und dabei stets ihre Unabhängigkeit bewahrt. Im Kunstforum in Wien ist nun eine seltene Retrospektive zu sehen. Georgia O'Keeffe: "Music – Pink and Blue No. I.", 1918 (c) Collection of Mr and Mrs Barney A. Ebsworth (c) 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien
Mit den (erotischen) Fotos aus der Kamera ihres Mannes und Förderers Alfred Stieglitz wurde O'Keeffe zur öffentlichen Person der 1920er Jahre, die Kreation der schillernden Künstlerpersönlichkeit, Symbol für die weibliche, authentische Malerei Amerikas, ging zum Teil ebenfalls auf das Konto ihres einflussreichen Gatten. Alfred Stieglitz: Georgia O'Keeffe, 1918 (c) Alfred Stieglitz Collection, 1980.70.76 (c) Board of Trustees, National Gallery of Art, Washington
Die Ausstellung entstand gemeinsam mit der Tate Modern, was auch die Leihgaben aus den weit verstreuten Sammlungen amerikanischer Museen erst möglich machte. Georgia O’Keeffe: "Oriental Poppies", 1927 (c) The collection of the Frederick R.Weisman Art Museum at the University of Minnesota, Minneapolis (c) 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien
Denn O'Keeffe ist teuer. 44,5 Millionen Dollar kostete dieses Blumenstillleben. Mit ihrer Versöhnung von Abstraktion und fotografischen Close-Up haben O'Keeffes Bilder geradezu ikonischen Charakter bekommen. Georgia O’Keeffe: "Jimson Weed/White Flower No. 1", 1932 (c) Crystal Bridges Museum of American Art, Bentonville, Arkansas (c) 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien, Foto: Edward C. Robison III.
Auch die New York-Nachtansichten und natürlich ihre Malereien aus dem amerikanischen Südwesten, die Hinwendung zur unendlichen Landschaft New Mexicos, gehören zu den Säulen, auf denen die amerikanische Kunst seit der Moderne steht. Georgia O’Keeffe: "New York, Night", 1928/29 (c) Sheldon Museum of Art, Nebraska Art Association, Thomas C. Woods Memorial (c) 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien Photo (c) Sheldon Museum of Art
Den abstrakten Expressionismus nahm sie dabei ebenso vorweg, wie den Minimalismus und die Pop Art - in O'Keeffes Werk keine Widersprüche. Georgia O’Keeffe: "My Last Door", 1952 – 1954 (c) Georgia O’Keeffe Museum, Santa Fe (c) 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien
Sie sei überrascht, dass viele Leute das Gegenständliche und das Abstrakte trennen, sagte die Künstlerin einmal. Gegenständliche Malerei könne nur in einem abstrakten Sinne gut sein, Abstraktion dagegen sei die eindeutigste Form überhaupt. Georgia O’Keeffe: "Black Mesa Landscape, New Mexico / Out Back of Marie’s II", 1930 (c) Georgia O’Keeffe Museum, Santa Fe (c) 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien
In ihren Bildern - wiewohl sie in den unterschiedlichen Werkphasen drastische Wechsel der Motive vollzog - "herrscht eine ganz eindeutige, ganz selbstständige Handschrift", sagte Kunstforum-Chefin Ingried Brugger. Georgia O’Keeffe: "From the Faraway, Nearby", 1937 (c) The Metropolitan Museum of Art, New York (c) 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien, Foto: (c) BKP/ The Metropolitan Museum of Art / Malcolm Varon
Erfolg hatte O'Keeffe rasch, zählte zu den wichtigsten Figuren der New Yorker Szene, zog sich ab den 1930er Jahren allerdings jeweils für ein halbes Jahr - und nach dem Tod Stieglitz' das ganze Jahr - nach New Mexico auf eine weitläufige, einsame Ranch zurück. Alfred Stieglitz: Georgia O'Keeffe, 1918 (c) Alfred Stieglitz Collection, 1980.70.19 (c) Board of Trustees, National Gallery of Art, Washington
Dort malte sie die farb- und formgewaltige Landschaft mit dem selben, scharf gestellten Ineinander von Intimität und Nähe sowie Monumentalität und Unendlichkeit, mit dem sie sich auch den Blumen, den Himmelslandschaften beim Blick aus dem Flugzeug oder den Gebäuden der New Yorker Skyline gewidmet hatte. Alfred Stieglitz: Georgia O'Keeffe, 1931 (c) Alfred Stieglitz Collection, 1980.70.252 (c) Board of Trustees, National Gallery of Art, Washington
99 Jahre wurde sie alt, den Mythos der schroffen Einsiedlerin nährte sie bis zuletzt. Vom Feminismus wollte sie sich genauso wenig vereinnahmen lassen wie früher von der erotisierenden Weiblichkeit, mit der ihrer Kunst begegnet wurde. Und so sehr ihre Rezeption beispielhaft ist für die einer weiblichen Künstlerin des vergangenen Jahrhunderts, so nüchtern wie selbstbewusst machte sie sich selbst davon los: "Männer tun mich gerne ab als beste weibliche Malerin. Ich glaube aber, ich bin einer der besten Maler überhaupt." Myron Wood: Portrait of Georgia O’Keeffe with sculpture and painting, 1980 (c) Pikes Peak Library District, 002 - 9152
Georgia O'Keeffe, von 7. Dezember bis 26. März, Bank Austria Kunstforum Wien, www.kunstforumwien.at Georgia O’Keeffe: "Black Cross with Stars and Blue", 1929 (c)Private collection (c) 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien
Ausstellung von Georgia O'Keeffe in Wien
Mit diesem Rüstzeug machte sich die junge Kunsterzieherin vom Lande in der Zwischenkriegszeit auf, erst New York und Stieglitz, dann ganz Amerika zu erobern. Ihre strahlend weiße, riesige Blüte von 1932, die auch im Kunstforum zu sehen ist, ist mit 35,5 Mio. Euro heute das teuerste Bild einer Frau, das je versteigert wurde. Es ist eine Stechapfelblüte, die in der nativ-amerikanischen Kultur als Heil- und Rauschmittel eingesetzt wird. Man sollte der Oberfläche und Schönheit von O'Keeffes Kunst einfach vertrauen. Sie führt einen jedenfalls weiter.
Bis 26. 3. Tägl. 10–19 Uhr, Fr. 10–21 Uhr. Freyung 8, Wien 1.