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Was kann die Staatsoper, was soll sie können?

PK STAATSOPER ´SPIELPLAN 2016/2017´: DOMINIQUE MEYER
(c) APA/HANS KLAUS TECHT

Demnächst wird Kulturminister Drozda verkünden, ob er für eine Verlängerung der Amtszeit Dominique Meyers oder für einen Kurswechsel eintritt. Aus gegebenem Anlass: Betrachtungen über Opern-Gegenwart und -Zukunft.

Heute endet die Ausschreibungsfrist für den Posten des Wiener Staatsoperndirektors. Damit erreichen in dieser Stadt Tratsch und Spekulationen ihren Höhepunkt. Wie meinte schon Stefan Zweig über den dornigen Weg Gustav Mahlers als Chef des Hauses? Er „ging durch das Tägliche des Betriebes, die Widerwärtigkeiten des Geschäftes, die Hemmungen der Böswilligkeit, durch das dicke Gestrüpp der menschlichen Kleinlichkeiten“.

Ein nüchterner Blick auf die aktuelle Situation zeigt freilich, dass das Haus im internationalen Vergleich glänzend dasteht. Ein singulär breites Repertoire wird in erstklassigen Besetzungen gepflegt, wie sie in solcher Ballung selbst die New Yorker MET nicht mehr bieten kann. Das sorgt für Besucher- und vor allem für Einnahmenrekorde.

 

Was ist in der Oper „zeitgemäß“?

Diesen Erfolgskurs ohne Notwendigkeit ändern zu wollen, bedürfte zwingender Begründungen, weiter gedacht als die kurzsichtigen Nörgeleien, die etwa anmerken, die neue „Falstaff“-Inszenierung sähe aus „wie vor 60 Jahren“. Das ist schon deshalb falsch argumentiert, als eine gute „Falstaff“-Inszenierung aussehen müsste wie vor 600 Jahren – genau dann spielt das Stück nämlich.

Wie es ausgeht, wenn sich Intendanten der Aktualisierungswut verschreiben, lässt sich an jedem deutschen Haus studieren. In München verläuft die „Walküre“ nicht mehr ohne Zuschauerproteste während der Vorstellung! Und die Regie-Umtriebe fordern offensichtlich Tribut in Form vieler Schließtage. Aber das ist, anders als man uns glauben machen möchte, ohnehin kein „internationales“ Phänomen, sondern ein deutsches.

Schließt der Horizont New York, London und Mailand ein, handelt es sich bei „zeitgemäßen Spielformen“, wie sie die Ausschreibung für Wien einfordert, wohl eher um die Einbindung neuer Werke in den Spielplan.

Uraufführungen sind an der Staatsoper angekündigt. Noch wichtiger aber: Stücke jüngeren Datums, die repertoiretauglich scheinen, werden nachgespielt! Zuletzt dirigierten die Komponisten Thomas Adés und Péter Eötvös selbst „Tempest“ bzw. „Drei Schwestern“ – und waren begeistert von der Leistungsfähigkeit des Ensembles, das mittlerweile ein Repertoire vom Barock bis zum 21. Jahrhundert beherrscht.

Eine „Wiener Dramaturgie“ muss überdies im Auge haben, dass die Stadt mit dem Theater an der Wien noch ein Haus zur Verfügung hat, eines, das sich an optisch-musikalische Experimente wagen darf, weil es Produktionen nur für fünf Aufführungen, nicht für Jahre, im Spielplan halten muss. Spekulationen, ein erfolgreicher Intendant eines solchen Stagione-Hauses könnte als Staatsopern-Direktor reüssieren, sind daher kühn. Genannt wurde etwa Serge Dorny aus Lyon. Er wäre tatsächlich ein brillanter Kopf – aber für die Nachfolge Roland Geyers!

Die Staatsoper ist kein Experimentierfeld, sondern das wichtigste Aushängeschild der österreichischen Kultur. Das gilt seit einigen Jahren auch wieder für das früher stiefmütterlich behandelte Ballett. Auch hier verlangt die Ausschreibung zeitgemäße Trends. Welche? Fürs moderne Tanztheater, das ja in der Stadt gepflegt wird, kann man an Orten wie dem Museumsquartier ein Zehntel der Eintrittspreise verlangen, die für einen luxuriösen „Schwanensee“ zu Buche schlagen . . .

 

Braucht Wien einen Chefdirigenten?

Diskutiert wird seit dem jähen Abgang von Franz Welser-Möst die Frage, ob die Staatsoper einen Generalmusikdirektor brauche. Dazu lehrt die Geschichte: Das Haus fuhr oft gut, wenn es keinen hatte, etwa als es Egon Seefehlner gelang, Karajan und Bernstein, Böhm und Kleiber im selben Jahr ans Dirigentenpult zu holen! Und just in jener Spielzeit, in der Welser-Möst demissionierte, kamen Thielemann und Petrenko, Bychkov und Nézet-Séguin. Heuer erscheinen von Mehta über Bychkov bis Altinoglu führende Maestri aller Altersklassen. Für eine Sonderstellung als primus inter pares kämen in den Augen weiter Teile des Publikums und der Orchestermusiker in Wahrheit ohnehin nur zwei Künstler in Frage. Der eine, Kirill Petrenko, hat in Berlin unterschrieben und kommt schon jetzt seiner Bayerischen Staatsoper nach und nach abhanden.

Bleibt als Jolly Joker Christian Thielemann. Er ist zwar noch eine Zeitlang in Dresden gebunden, kommt aber zwischendurch gern immer wieder, weil ihm die Philharmoniker wie das Publikum signalisieren, dass er ihr absoluter Favorit ist. Freilich: Wenn es gelänge, den Erfolgskurs fortzuführen und Thielemann enger ans Haus zu binden, das wäre die strahlendste Zukunftsoption.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2016)