Schnellauswahl

Die Zukunft des Hausarztes

Schild Arzt
(c) www.BilderBox.com
  • Drucken

Ärztevertreter wehren sich gegen neue Organisationsformen, die den Hausarzt ersetzen könnten. Ein Pilotprojekt in Wien zeigt, wie es funktionieren könnte.

Wien. Wenn kommenden Mittwoch beim Ärztestreik ein großer Teil der Arztpraxen zusperrt, dann geht es nicht nur um Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen, sondern auch um Pläne, das System zumindest teilweise umzustellen: Gesundheitsministerium und Sozialversicherungen forcieren sogenannte Primärversorgungszentren.

Diese entstehen durch Zusammenschluss von mehreren Ärzten und anderen Gesundheitsberufen wie Krankenschwestern und Psychotherapeuten, die für die Patienten eine attraktive Anlaufstelle außerhalb des Spitals bilden sollen – attraktiv auch durch lange Öffnungszeiten.

Die Ärztekammer sieht den Berufsstand des Hausarztes gefährdet und warnt sowohl vor einer Verstaatlichung des Gesundheitswesens als auch vor einer Übernahme durch kapitalkräftige Konzerne. Außerdem sei in derartigen Zentren die individuelle Betreuung der Patienten durch den Arzt ihrer Wahl nicht gewährleistet.

Das sieht Wolfgang Mückstein nicht so. Der Wiener Arzt leitet das Wiener Pilotprojekt für Primärversorgungszentren im 6. Bezirk und arbeitet dort mit zwei anderen Ärzten, zwei Krankenschwestern, einer Diätologin und einer Psychotherapeutin zusammen.

Jeder Patient könne in der Einrichtung natürlich zu seinem Hausarzt gehen, so dieser anwesend ist. Was bei 50 Stunden Öffnungszeit nicht immer der Fall ist. „Aber nicht jede Krankheit erfordert eine langjährige Beziehung zum Arzt“, sagt Mückstein. Gerade die langen Öffnungszeiten würden von den Patienten positiv erlebt. Derzeit läuft eine Evaluierung des Projekts, die klären soll, ob damit tatsächlich die Spitalsambulanzen entlastet werden.

Mückstein sieht aber auch andere Vorteile des Projekts: „Die Medizin ist arbeitsteilig geworden.“ Blut abnehmen, Infusionen setzen, EKG schreiben – all diese Aufgaben würden viele Hausärzte noch selbst machen, im Primärversorgungszentrum machen dies – wie auch in den Spitälern – die Krankenschwestern. „Viele Ärzte ordinieren noch wie vor 40 Jahren. Aber auch die Allgemeinmedizin benötigt einen Innovationsschub“, so der Mediziner. Positiv sieht er auch die Zusammenarbeit und den fachlichen Austausch in einem größeren Team.

 

Pauschale für Mehraufwand

Sein Zentrum in Mariahilf hat seit seiner Gründung im Jahr 2014 regen Zulauf erfahren. Betreute man anfangs noch 4500 Patienten, so sind es inzwischen schon 7000. Da es noch keine gesetzliche Grundlage für Primärversorgungszentren gibt, wird mit der Krankenkasse so abgerechnet, wie dies auch Ärzte in Gruppenpraxen machen. Für den zusätzlichen Aufwand eines Primärversorgungszentrums gibt es eine Pauschale von 210.000 Euro im Jahr. Das allerdings sei, durch den Zuwachs an Patienten, jetzt kein Geschäft mehr.

Trotzdem ist die neue Organisationsform für Mückstein ein Zukunftsmodell – wenn es auch den Hausarzt nicht gänzlich ersetzen solle. Ungefähr ein Viertel der Ärztestellen könne in größere Einheiten aufgehen. Die Ärztekammer ist da deutlich skeptischer – auch wenn sie das Pilotprojekt ausdrücklich unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2016)