30 Jahre später: Waldheim, eine Sichtung

Kurt Waldheim und Ehefrau
(c) Ruth Beckermann Filmproduktion

30 Jahre ist es her. 1986 war ich mit Waldheim und Videorekorder bei Wahlveranstaltungen. 2016 sichte ich die alten Bänder. Ich sehe die Wut, den Hass, das Elend, die „gefühlte Wahrheit“ in den Gesichtern. Politik der Gefühle: Ich sehe die Avantgarde dessen, was wir heute „postfaktische Politik“ nennen. Blick zurück, Blick voraus.

Ich sichte Waldheim-„Footage“ bei „BBCWorld Wide“ in London, White City. Filmmaterial also, ungeschnittenes. Ichkann mich nicht konzentrieren, muss erst den Zukunftsschock verdauen, der mich hier überfällt: Auf drei Stockwerken in einem architektonisch bemerkenswerten Rundbau sitzen Menschen mit Kopfhörern an langen Tischen nebeneinander, jeder vor seinem Bildschirm. Kein Buch, kein Papier weit und breit. Es hat den Anschein, als gäbe es nur mehr das Wissen der Welt, das im digitalen Archiv gespeichert ist.

Ich kam, um Bilder aus längst vergangenen Zeiten zu sehen. Die freundlichen Mitarbeiter der BBC, die von einer bei Getty Images in einem anderen Teil Londons sitzenden Archivarin von meinen Wünschen informiert wurden und die Bänder aus einem weit entfernten Depot für mich heranschaffen ließen, wussten nicht so recht, wohin mit mir und der Hardware in Form eines Abspielgeräts und eines kleinen dicken Fernsehers. Nun sitze ich ineinem winzigen Kammerl, dem einzigen Ort mit verschließbarer Türe, wo ein Mensch ohne Kopfhörer tönende Bilder ansehen kann, die noch dazu auf großen Kassetten gespeichert sind, welche bei jedem Einlegen und Auswerfen ein lautes „Tatam“ von sich geben. Was ich auswähle, wird digitalisiertund somit Teil des globalen digitalen Archivs. Auch so funktioniert Erinnerung.

Schon 30 Jahre ist es her. Erst 30 Jahre. 1986 war ich mit einem der ersten tragbaren Videogeräte bei Waldheim-Wahlveranstaltungen unterwegs gewesen, einen Rekorder umgehängt, in dem sich Magnetspulen drehten und der durch ein Kabel mit der Kamera verbunden war. Bei der Abschlussveranstaltung am Stephansplatz kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen den Anhängern des Kandidaten und einer kleinen Gruppe von Anti-Waldheim-Aktivisten, wobei ein älterer Mann meinem Rekorder einen wütenden Boxschlag versetzte. Die Bänder überlebten, bis ein Produzent sie entsorgte und allein meine VHS-Überspielungen übrig blieben. Fast 30 Jahre später fand ich sie wieder. So bahnt sich Erinnerung ihren Weg. Das dreistündige Material schockierte mich, obwohl ich es selbst gedreht hatte. Es zeigt die Wut, den Hass und das Elend in den Gesichtern der Menschen, die mehrheitlich „der Kriegsgeneration“ angehörten. Es zeigt, wie leicht Emotionen gegen andere geschürt werden können und sich in aufgeheizter Stimmung Luft machen.

Die Aufnahmen sind der Ausgangspunkt für einen Kompilationsfilm über Waldheim und die Kunst des Verleugnens. Für einen Film – er wird frühestens im Herbst 2017 fertiggestellt sein –, den ich eigentlich nicht machen wollte, weil ich ja selbst mittendrin war und Veteranen-Erzählungen nicht mag. Doch die Jungen verlangen nach den Geschichten, die man selbst erlebt hat. Nach Geschichte. Nun gut, das wird also mein erster Auftragsfilm, dachte ich. Doch wie lautet der Auftrag, was interessiert heute an der Affäre um einen ehemaligen Wehrmachtssoldaten, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundertsin Österreich und international eine Bilderbuchkarriere durchlief, hinauf bis zum Generalsekretär der UNO, ins 38. Stockwerk des Glaspalasts mit Blick auf den East River?

Was bedeutete dieWaldheim-Geschichte damals für mich selbst? Zum ersten Mal erlebte ich offenen Antisemitismus. Das war beängstigend und befreiend zugleich, weil der Judenhass endlich offensichtlich wurde und ich darauf reagieren konnte. Allzu lange, allzu oft hatte ich die Gemeinheiten von Jung und Alt runtergeschluckt, um mich in der Illusion zu wiegen, dazuzugehören. Vielleicht soll es in dem Film ein persönliches Kapitel darübergeben, wie man sich als exotisches Objekt fühlte, das 1986 als Hochverräterin beschimpft wird und 1988 im „Bedenkjahr“ als Beweisstück für die Toleranz der anderen auf einem Podium sitzt.

1986 brach das Tabu endlich auf, als der Präsidentschaftskandidat Waldheim ganzunschuldig meinte, er habe im Krieg nur seine Pflicht getan – und damit einen Sturm im österreichischen Lügenkonsens entfachte.Denn wenn er seine Soldatenpflicht in der Wehrmacht getan hatte und nicht als überfallener Österreicher in diese hineingezwungen worden war, dann konnte mit der Opferstory der Zweiten Republik irgendwas nicht stimmen. Dank Waldheim riss der Heimatfilm. Eine aufregende Phase begann: Zuerst gab es fast täglich neue Meldungen und Enthüllungen über die Vergangenheit des Kandidaten. Die Welt blickte auf Österreich und fragte sich, warum sie sich so lange hatte täuschen lassen. Wien wurde plötzlich wieder Weltstadt des Antisemitismus. Denn die mehrheitliche Reaktion der Wähler hieß„Jetzt erst recht“ und „Wir wählen, wen wir wollen“. Die „Ostküste“ wurde beschimpft. Waldheim wurde gewählt.

Zum Teil setzten Zündler vom Schlage der ÖVP-Politiker Alois Mock und Michael Graff Antisemitismus bewusst als Wahlhelfer ein, zum Teil hatten sie nichts gegen diesen Nebeneffekt einzuwenden. Womit keiner vonihnen gerechnet hatte, war, dass der Präsident wegen seiner Zugehörigkeit zur Heeresgruppe E vom US-Justizministerium auf die Watchlist gesetzt wurde und nicht in die USA einreisen durfte, was dazu führte, dass er von keinem Staat der westlichen Welt eingeladen wurde und Österreich überhaupt fünf Jahre lang ziemlich isoliert dastand. Waldheim, der während des Wahlkampfs und danach auf neue Fakten und Vorhaltungen, er habe zwei wesentliche Jahre seines Wehrdienstes auf dem Balkan und in Griechenland verschwiegen, immer nur scheibchenweise reagierte, ist sozusagen der passive Held des Films. Eine individuelle Gestalt in ihrer Zeit und doch ein typisch österreichischer Mann ohne Eigenschaften.

30 Jahre später stellen sich viele Fragen: Wie kam es, dass Waldheims Wahlkampf zu einem internationalen Skandal wurde? Wie wirkt dieser historische Moment weiter, als die Lüge von „Österreich als erstem Opfer“ in sich zusammenfiel, was einerseits zu befreiender Klarheit führte, andererseits der Instrumentalisierung der NS-Vergangenheit eine neue Wende gab. Wieso wurde ein Nixon zum Rücktritt gezwungen, während in Österreich so gut wie nie jemand abtritt? Warum regte den Jüdischen Weltkongress just die Person Waldheim so auf? Und wie manifestiert sich der österreichische, von Neid und Ressentiment geprägte Antisemitismus, der bereits 1938 die deutschen Nazis in Erstaunen versetzte?

Als ich im Frühjahr 2016 mit der Materialsuche begann, verwirrte mich sehr schnell diefür mich neue Arbeit mit bereits existierendem Material, das noch dazu aus TV-Anstalten stammt. Bei selbst gedrehtem Material ist es schwierig, sich von der Drehsituation und den eigenen Erinnerungen zu lösen, um eine distanzierte Haltung zu finden. (Auch deshalb benötigt man einen Cutter, der nicht dabei war!) Archivmaterial und besonders TV-Material lässt vorerst einmal kalt. Kalte Erinnerungsschnipsel, die seit der digitalen Revolution immer kürzer werden: Text-Messages statt Briefen, Clips statt Filmstreifen. Ich benötige Gespräche mit Archivaren und den Geruch der realen Orte, wo das Material zu sichten ist, um eine Beziehung dazu herzustellen. Und ich muss mich davor schützen, nicht in der Fülle von Banalitäten unterzugehen, mit denen das Fernsehen seine Sendezeit füllt, das heißt: rasch entscheiden, was in den Kübel des Vergessens fallen soll, wie zum Beispiel das heute nur beschränkt interessante Hickhack zwischen ÖVP und SPÖzur Frage, wann und durch wen die Mitgliedschaft Waldheims bei der SA an die Öffentlichkeit drang.

Dreht man selbst, dann macht man sich sein eigenes Bild von der Welt. Das gefundene Material zeigt ein Bild, das jemand anderer gemacht und wieder jemand anderer aufbewahrt hat, indem er es in eine Reportage oder einen Nachrichtenbeitrag einfügte. Wäre es eine bestimmte Person, also das Material eines bestimmten Filmers, ob Profi oder Amateur, so könnte ich seinen subjektiven Blick suchen und interpretieren. Hier jedoch handelt es sich um viele, zum Teil unmotivierte, gelangweilte, zum Teil suchende, ernsthafte Kameraleute und Journalisten, dieden verschiedenen TV-Cuttern ihr Material lieferten. Und schließlich musste der gestaltete Beitrag in die Linie des Senders passen, in Österreich also in diejenige des staatlichen ORF. Was mir begegnet, sind der Standpunkt und Blick des Mediums TV in seiner nationalen Ausprägung.

Thomas Elsaesser spricht in seinem Text zu „Recycled Cinema“ über die Ethik der Aneignung. Es sei notwendig, dass wir uns die Bilder, die anderen gehörten, in einem Prozessder Postproduktion aneignen, die Frage sei allerdings, wie das geschieht. Waldheim ist ein reiner Postproduktionsfilm. Ich montiere einen Film aus TV-Material, aber gegen die nivellierende, zensurierende, oberflächlich illustrierende Weltsicht des TV. Wie ist das möglich? Wie verhalte ich mich zu den Auslassungen? Es gibt archivtechnisch begründete Lücken. Rohmaterial wird bei keinem Sender aufbewahrt. Beim ORF werden lediglich die zugespielten Sendebänder archiviert, nicht jedoch die Ansagen der Sprecher im Nachrichtenstudio. Zum Glück schleichen sich auch in die Regeln der digitalen Welt Fehler ein, sodass dann und wann ein Moderator bei der Arbeit zu sehen ist – als plastische Quelle zu Geschlechterpräsenz, Mode, Sprechweise und Grafik der Zeit. Und es gibt inhaltliche Lücken. So wurde der Widerstand von Teilen einer sich gerade bildenden Zivilgesellschaft gegen Waldheim kaum im ORF reflektiert. Die Gründung des Republikanischen Clubs „Neues Österreich“ wurde verschwiegen, prominent besetzte Demonstrationen in Begleitung des von Alfred Hrdlicka nach einer Idee von Kuno Knöbl geschaffenen Holzpferdeswurden nur in Sekundenlänge gesendet. Elfriede Jelinek als Rednerin bei Kundgebungen ist kein einziges Mal zu sehen. Lediglich in den „Club 2“ wurde dann und wann eine Alibifigur aus der Riege kritischer Zeitgenossen eingeladen, etwa Erwin Ringel, Doron Rabinovici, Peter Turrini, Daniel Charim. Erst 1988 wurde ausführlich über die Mahnwacheam Stephansplatz berichtet.

Inzwischen hatte ein deutlich sichtbarer Lernprozess unter den Journalisten stattgefunden, die sich einerseits über Waldheims Verstocktheit ärgerten, andererseits aber auch begannen, die westlichen Medien nicht allein als Feinde zu begreifen, sondern ihre Argumente nachzuvollziehen. Besonders gut sichtbar ist die Veränderung Peter Rabls von seiner Einleitung eines „Inlandsreports“, in der er den Jüdischen Weltkongress herablassend als „kleine Privatorganisation mithochtrabendem Namen“ bezeichnet, bis zu einem sehr kritischen Interview mit Waldheim zwei Jahre später.

Bei Waldheim ging es um die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, um einen längst notwendigen Perspektivenwechsel, der schließlich zu dem offiziellen Bekenntnis Österreichs zur Mitverantwortung am Nationalsozialismus führte. Und 1986 begann auch die Erosion der Parteigebundenheit, die sich jetzt deutlich zeigt. Aus Solidarität mit dem ehemaligen Soldaten wählte die Kriegsgeneration quer durch die ParteienKurt Waldheim. Und die sich unverstanden und benachteiligt fühlenden Nachgeborenen ebenso. Nicht zufällig begann der Aufstieg der FPÖ 1986 und hält bis heute an.

Angeblich dauert es hundert Jahre, bis die Ereignisse Geschichte werden. Ich jedenfalls kann in Österreich anscheinend keinen Film machen, ohnevon Nazirülpsern eingeholt zu werden. Das erste Mal, 1986, arbeitete ich an einem Film über jüdische Identität. Die Waldheim-Affäre brachaus und die Vergangenheit herein, als „Die papierene Brücke“ fast fertig geschnitten war. Einige Szenen aus meinem selbst gedrehten Material fanden noch Platz im Film. Das zweite Mal – 1999 – filmte ich meine Straße. Da brach die schwarz-blaue Regierungherein, wieder wurde die NS-Vergangenheit aufgewühlt und in die Diskussionen im Kaffeehaus in meiner Straße und somit in meinen Film „homemad(e)“ gespült. Jetzt mache ich einen Film über die versuchte Bewältigung jener Vergangenheit, aber nein, Strache droht. Wie damals geht es um einen Kampf zwischen Rationalem und Irrationalem. Damals kursierten Verschwörungstheorien über den Einfluss der „jüdischen Lobby“,heute über die Verschwörung des globalen „Systems“ gegen ihr Opfer.

Befragt man das Material lange genug, beginnt es zu antworten. Nachdem DieterPichler und ich 150 Stunden österreichische und internationale Footage gesichtet und auf sechs Stunden reduziert hatten, verschob sichder Fokus meiner Interessen auf Themen, die aus dem historischen Material selbst herauszulesen sind. Die Magie des Schneideraums tut auch diesmal ihre Wirkung und überrumpelt alle Papierkonzepte und Hypothesen mit überraschenden Erkenntnissen. Das „optische Unbewusste“ kommt zum Vorschein. Es kann letztlich weder dem Macher noch dem Betrachter zugeschrieben werden, sondern es gehört zum Medium selbst. Wiederholen und durcharbeiten, so definierte Freud den Weg der Analyse.

Auf der Couch mag sie Jahre dauern, im Schneideraum tun Abgeschlossenheit und Dunkelheit ihre Wirkung in intensiven Monaten. Auch bei der Montage geht es jedoch ums Loslassen, das heißt: einerseits um den Abschied vom ursprünglichen Konzept – und mehr noch darum, Intuition und Instinkt zuzulassen, um diese danach intellektuell zu analysieren. Schließlich liegt eine Hauptattraktion der audiovisuellen Medien inder Oberfläche der Gestik und Mimik, der Stofflichkeit der Dekors und Moden. Aus der wiederholten Betrachtung der Oberfläche können neue Erkenntnisse entstehen oder alte ins Blickfeld rücken. Zum Beispiel: It's a man's world. Alle wesentlichen Protagonisten der Waldheim-Affäre waren Männer. Väter und Söhne. Da ist der biologische Sohn Waldheims, Gerhard, der sich von seiner Arbeit karenzieren lässt, um den Vater bei einem Hearing vor dem US-Kongress und in den amerikanischen Medien zu verteidigen. In der Waldheimat spalten sich die großen Söhne in zwei Gruppen, die erstmals ihre Haltung zu den Vätern laut kundtun: da Jörg Haider, der „die Kriegsgeneration“ verteidigt, dort Peter Kreisky, der sie anklagt, die Zweite Republik auf einer Lüge aufgebaut zu haben. Auch die Ankläger in New York sind Söhne. Söhne der verfolgten Juden. Sie verteidigen die Erinnerung an ihre Väter und kritisieren gleichzeitig die amerikanischen Juden der Kriegsgeneration, die zu wenig für die verfolgten europäischen Juden getan hätten. Aus heutiger Sicht stellt sich die Waldheim-Affäre als Kriegum die Erinnerung dar.

Der Film wird die Jahre 1986 bis 1988umspannen, vom Beginn der Affäre bis zum Bericht der Historikerkommission, die Waldheim zwar von persönlicher, nicht jedoch von moralischer Schuld freisprach, indem sie ihm „konsultative Unterstützung von Unterdrückungsmaßnahmen“ nachwies. Er soll das individuelle und kollektive Bewusstsein zusammenführen, um zu zeigen, wie sich tiefer liegende Bewusstseinsschichten ihren Weg bahnen. Dies geschah durch regelmäßige Ausbrüche eklatanter NS-Kontinuitäten wie die Affären Borodajkewycz (1965), Kreisky–Peter–Wiesenthal (1975), Frischenschlager–Reder (1985): Skandale ohne längerfristige Folgen, weil die Zeit noch nicht reif für einen Paradigmenwechsel war.

Fernsehsender werfen einen nationalen Blick auf die Ereignisse. 2016 gestaltete der ORF eine Sendung zu der Affäre, welche aus rein österreichischer Sicht zurückblickt. KeinProtagonist der damaligen internationalen Gegenseite kam zu Wort,wohl aber, dem Zeitgeist geschuldet, der eine oder andere einheimische Waldheim-Kritiker von damals. Britische, amerikanische, französische und andere Beiträge zum Thema unterscheiden sich naturgemäß stark von denösterreichischen, aber auch voneinander. Nicht allein in den moralischen Standards, sondern auch in der Präsentation durch Korrespondenten und Moderatoren. Auch wenn alle sich über die 122 Blaskapellen amüsieren, die in Waldheims Wahlkampf eingesetzt waren, sind die Unterschiede in den jeweiligen Referenzen bezeichnend: Die Briten zitieren gerne Graham Greenes und Carol Reeds Film „Der dritte Mann“, die Franzosenmögen Freud, und die Amerikaner haben keine Zeit für Zitate.

Ist „Post-Truth“ oder „postfaktische Politik“ wirklich neu? Bedienten nicht Waldheim,Mock et al. auf ihre Weise die unterdrückte, diffuse Wut der Wähler – mit der sturen Weigerung, Dokumente als solche zu akzeptieren, mit der permanenten Wiederholung, wie „anständig“ sich der Kandidat im Krieg verhalten hätte, mit dem Wecken von Ressentiments gegen die angebliche Macht der Juden und dem Spiel mit dem Antiamerikanismus? Es ging nicht um die Wahrheit, das heißt: um die Erörterung der Kriegszeit des Oberleutnants Waldheim, sondern um die gefühlte Wahrheit, von den ehemaligen Siegerngedemütigt worden zu sein. Bei einer Straßenbefragung sagt ein junger Mann: „Unser Pech war, dass wir den Krieg verloren haben.“ Voller Genugtuung, im Recht zu sein, da ja diesmal in der verqueren Logik dieser Menschen die Gegenseite den Krieg begonnen hätte, indem sie 40 Jahre alte Dokumente ausgrub, suhlte sich die Mehrheit der Bevölkerung in einem wohligen Gemeinschaftsbadund zeigte mit Fingern auf die Verräter. Dünnist die Schicht, die sich Zivilisation nennt. Auch das zeigte sich damals. Ganz plötzlich, von heute auf morgen, war sie weg. Und nackt starrten die Fratzen der Wütenden uns an. Vielleicht war der Waldheim-Wahlkampf postfaktische Avantgarde.

Was sich damals lokal begrenzt im ach so rückschrittlichen Österreich zutrug, hat seinen Globalisierungsschub erlebt. Die damalszumindest diffus definierte Wut auf „die Ostküste“, die Amerikaner und den Westen richtet sich jetzt gegen den Großteil der Erdbewohner: gegen „die Reichen“ ebenso wie gegen alle, die nicht so leben und so sind wie „wir“. Und die Sonntagsreden sind ebenso schal wie damals, als diejenigen, die sich mit dem Antisemitismus ins Bett legten, um die Wahl zu gewinnen, nicht aufhörten, eben davor zu warnen und zu betonen, wie sehr doch„unsere jüdischen Mitbürger“ zu „uns Österreichern“ gehörten. Ob „Politik der Gefühle“, wie Josef Haslinger damals seine Analyse der österreichischen Zustände nannte, oder „Post-Truth“ – die Lüge hat Hochkonjunktur. ■


Der Beitrag erscheint in erweiterter Form in dem von Alexander Horwath und MichaelOmasta herausgegebenen Band „Ruth Beckermann“ (FilmmuseumSynemaPublikationen). Am 12. Dezember startet im Filmmuseum eine Beckermann-Gesamtretrospektive. Am 16. Dezember kommt Beckermanns neuer Film, „Die Geträumten“ (über den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan), österreichweit ins Kino.