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Die Leseschwäche einiger Lehrer und die Frustration der Lesepaten

Symbolbild Pisa-Studie
Symbolbild Pisa-StudieMichaela Bruckberger
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Nicht alles ist eine Frage des Geldes, vieles eine der Mentalität: Die Pisa-Studie sieht Migrantenkinder benachteiligt, freiwillige Hilfe wäre eine Investition in die Zukunft.

Drei Wiener Damen, eine pensionierte Deutschprofessorin in Salzburg – vier idente Geschichten machen die Runde: Alle vier wollten ihre Zeit diversen Volksschulen zur Verfügung stellen, um leseschwachen Schülern (weibliche Form immer mitgedacht) zu helfen. Lesepaten werden sie genannt. Wahnsinnig viel Zeit war das dann nicht.

Denn alle vier hatten bald den Eindruck, ihr Engagement sei der jeweiligen Direktion und/oder dem Lehrpersonal so gar nicht willkommen. Mitunter gab es gar keinen Raum, in dem sie mit den schwachen Schülern üben konnten, dann wieder nur ein Kammerl, nie ein Wort der Wertschätzung oder Dankbarkeit, oft das Gefühl, als würden sie sich aufdrängen.

Alle vier haben inzwischen ihre Bemühungen aufgegeben. Wäre da nicht die eine Wienerin, die an der Volksschule ihrer Wahl so ganz andere, positive Erfahrungen sammelt, man könnte von systemischem Unwillen zur Verbesserung schreiben, oder von bürokratischer Unlust für alles im Schulbereich, was kein Geld bringt. So aber beweisen diese fünf Fälle, dass es nur auf die einzelnen Personen in den Schulen ankommt. Und wo, wenn nicht in den Volksschulen soll sich die nunmehr wieder in der Pisa-Studie angeprangerte eklatante Leseschwäche der 15-Jähren verbessern?

Aber statt das Förderangebot Freiwilliger anzunehmen und zu nutzen, es im Schneeballeffekt auf möglichst viele Schulen auszuweiten, fühlen sich Schulbürokratie und Schulpersonal genervt. Anders ist es nicht zu erklären, dass im Wiener Stadtschulrat die eine oder andere Bereitwillige mit dem Hinweis „Nein danke, kein Bedarf“ abgewiesen wird. Dort hat man offenbar noch nicht begriffen, welches Potenzial der Zivilgesellschaft sich einsetzen ließe.

Das Ganze wäre vielleicht ein trauriger, aber nicht wirklich bemerkenswerter Aspekt der Bildungspolitik, wenn nicht der jüngste Pisa-Test 2015 das Lesen als größte Schwäche in Österreich ausgewiesen hätte, und auch nicht die Diskrepanz zwischen Kindern mit österreichischen Eltern und Migrantenkindern. Die einfache Gleichung „Frühzeitige Förderung in der Volksschule = Lesekompetenz“ kann doch für Schulpersonal und -bürokraten nicht so schwer zu verstehen sein.

Da hätte man in den vergangenen Jahren schon viel erreichen können – ganz ohne Geldaufwand. So aber hält jetzt Bildungsministerin Sonja Hammerschmid das in der Pisa-Studie festgeschriebene Lesedesaster – neben anderen Ergebnissen – für „inakzeptabel“ und glaubt, es sei „Zeit zu handeln“. Richtig rührend, nicht wahr? Aber Hammerschmid kommt von der Universität, sie muss nicht wissen, dass im Schulbereich schon vor Jahrzehnten die Zeit zu handeln da war.

In den sechs Monaten ihrer Amtszeit hätte sie jedoch schon bemerken können, dass mit dem ewigen Herumbasteln an den Strukturen im Schulwesen keine merkbaren Erfolge zu erzielen sind. Das Heil prompt in den Ganztagsschulen zu suchen klingt eher nach parteiinterner Abstimmung mit Bundeskanzler Christian Kern oder nach einem SPÖ-Reflex denn nach reifer Überlegung.

Auch Kern preist in einem Interview diese Schulform – unter den geänderten gesellschaftlichen Bedingungen – zu Recht. Aber das ganze Unheil kommt eben nicht, wie er glaubt, von den „ideologischen Barrieren“ und „der politischen Brille“. Diese sind lediglich dafür verantwortlich, dass immer mehr Geld für Strukturmurks, Klassengrößen, Namensänderungen etc. aufgewendet wird – ohne merkliche Besserung der Leistungen der Schulgenerationen. Wie denn auch? Eine Struktur hat noch nie eine Lernschwäche nachhaltig beseitigt.

Hammerschmid könnte den Landesschulbehörden einen Erlass ans Herz legen, in dem das Schulpersonal gebeten wird, nicht jede freiwillige Förderhilfe als lästige Unterbrechung des Schulalltags zu sehen, sondern als willkommene Unterstützung. Was die Zivilgesellschaft nämlich leisten kann, hat sie erst vergangenen Sonntag mit ihrer Basisarbeit für Alexander Van der Bellen wieder bewiesen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Anneliese Rohrer
ist Journalistin in Wien: Reality Check http://diepresse. com/blog/rohrer

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.12.2016)