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Marie Curie: Hier strahlt nur der Heiligenschein

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Premiere von „Marie Curie“APA/AFP/dpa/URSULA DUREN
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Der Film „Marie Curie“ verklärt die zweifache Nobelpreisträgerin. So geht sie uns nichts mehr an.

„Ein Idyll im Physiklabor, das hat die Welt noch nicht gesehen“, schrieb eine französische Zeitung im November 1903, als Marie und Pierre Curie für ihre Erforschung des Radiums den Nobelpreis für Physik erhielten. Die Tatsache, dass es sich bei den Preisträgern um ein Ehepaar handelte, ließ die internationale Presse heiß laufen. Drei Jahre später geriet Pierre Curie unter die Räder eines Fuhrwerkes und starb, die gebürtige Polin Marie Curie forschte trotz großer Depressionen in Paris weiter, erhielt 1911 zum zweiten Mal einen Nobelpreis, diesmal für Chemie – und wurde damit die erste Person der Geschichte mit zwei Nobelpreisen.

Welcher medialen Hetze sie damals wegen ihrer Beziehung mit einem verheirateten Kollegen ausgesetzt war(nach Bekanntwerden der Langevin-Affäre legte ihr sogar die Akademie nahe, nicht zur Verleihung zu erscheinen) – und überhaupt, wie schwer sie es ihr Leben lang als Forscherin wegen ihres Geschlechts hatte: Das macht die spanisch-französische Filmemacherin Marie Noëlle im diese Woche anlaufenden Film „Marie Curie“ deutlich – ja, überdeutlich bis zum Klischee. „Eine Polockin, die sich einbildet, die Sorbonne für sich einnehmen zu können“, sagt ein Zuhörer im Film süffisant bei ihrer ersten Vorlesung an der Sorbonne – der ersten einer weiblichen Lehrenden überhaupt an der berühmten Pariser Universität. Die französische Akademie der Wissenschaften stimmte noch 1911 dagegen, Marie Curie in ihre Reihen aufzunehmen.

Passion einer stets Schönen

Eigentlich sollte es treffen und beeindrucken zu sehen, wie sich hier jemand gegen alle Widrigkeiten behauptet. Doch der Film „Marie Curie“ macht unablässig sein eigenes Bemühen um eine Begegnung mit dem Individuum Marie Curie zunichte. Man vermeint förmlich den Heiligenschein über den blonden Locken der Karolina Gruszka zu sehen, die durch den Film hetzt wie durch eine Passionsgeschichte. Tatsächlich litt Marie Curie äußerst unter dem Verlust ihres Mannes („Das Leben ist trivial, wenn man nicht zu zweit denken kann“): Aber muss der Film, der doch eine Emanzipationsgeschichte zeigen will, just mit der Darstellung dieser Partnerschaft als völlig märchenhafter Idylle aus vereintem Liebes-, Kinder- und Forschungsglück beginnen?

Mag der Film zudem auch von Brüchen und Widersprüchen erzählen wollen, seine bläuliche Weichspülmittel-Ästhetik macht alles glatt. Ein Film über Marie Curie, die so darum kämpfen musste, als Wissenschaftlerin ernst genommen zu werden, sollte es seiner Heldin zum Beispiel erlauben, einmal nicht schön zu sein. Diese Marie Curie ist es immer und kriegt auch sonst alles auf die Reihe, Forschung wie Muttersein. Im Abspann eilt sie durch ein heutiges Paris. Ein guter Schulfilm? Auch Gymnasiasten haben Holzhammer-Pädagogik nicht verdient.


[N5HN6]

(Print-Ausgabe, 12.12.2016)