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Studie: „Der Kapitalmarkt hat gravierende Schwächen“

(c) AP (Daniel Roland)
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Eine umfassende Reform des heimischen Kapitalmarkts verlangen Experten. Zentrum der Reform müsse eine Neuorganisation samt Entpolitisierung der Finanzmarktaufsicht sein, heißt es in einer am Dienstag vorgestellten Studie.

Wien (ju). Gravierende Schwächen orten Experten auf dem heimischen Kapitalmarkt: Die Finanzmarktaufsicht sei zersplittert und politisch gelenkt, die Informationsverpflichtung der börsenotierten Unternehmen zu schwach ausgeprägt und die Rechtsposition der Anleger ungenügend.

So steht es in einer Studie, die vom VP-nahen Zentrum für Soziale Marktwirtschaft der Julius-Raab-Stiftung erarbeitet wurde. Zudem sei die (für den Kapitalmarkt enorm wichtige) kapitalgestützte Altersvorsorge, die dritte Säule des Pensionssystems, falsch konstruiert.

Fazit des Studieninitiators Johannes Ditz, der dem Zentrum für Soziale Marktwirtschaft als Präsident vorsteht: Österreich braucht dringend eine Kapitalmarktreform.

Zumal es um dieses wichtige Unternehmensfinanzierungsinstrument trotz aller Erfolge der Wiener Börse in den vergangenen Jahren im internationalen Vergleich eher schlecht bestellt ist: Österreich liege bei den gesamtwirtschaftlichen Kennzahlen unter den Industriestaaten im Spitzenfeld, sei bei den finanzwirtschaftlichen Kennzahlen aber bestenfalls unterer Durchschnitt, meinte Studienmitautor Christian Helmenstein. Besonders bei den Börseumsätzen gebe es „viel Verbesserungspotenzial“.

Das ist aber nur zu heben, wenn das Vertrauen in den Kapitalmarkt, auf dem, so Ditz, zuletzt „viele Leute viel Geld verloren haben“, wieder hergestellt wird. Weshalb die Reform dringend anzugehen sei. Einer der Hebelpunkte sei die Finanzmarktaufsicht, meint Studienmitautorin Susanne Kalss von der Wiener Wirtschaftsuniversität. Hier gebe es zwar einen „hohen Standard gesetzlicher Regelungen“, aber gewaltige Defizite bei deren Vollziehung. Und zwar deshalb, weil die Aufsichtsagenden zersplittert und auf mehrere Institutionen (Finanzmarktaufsicht, Nationalbank, Finanzministerium) aufgeteilt sei.

Kalss wünscht sich eine gestärkte Finanzmarktaufsicht, die ausschließlich im Sinne des Kapitalmarkts und der Anleger agiert – und zwar „ohne jeden Partei- und interessenpolitischen Einfluss“. Diese neue, von Einflussnahme und persönlichen Interessenskonflikten befreite FMA sollte dann zusätzliche Kompetenzen bekommen.

Sie müsse auch stärker die Information der Anleger – einer der Schwachpunkte der derzeitigen Konstruktion – im Auge haben. So soll sie wesentliche inhaltliche Vorgaben für Emissions- und Verkaufsprospekte festlegen und deren Einhaltung dann auch überprüfen. Auch um den Vertrieb soll sich die Finanzaufsicht kümmern – und etwa „anreizverzerrende Provisionen“ unterbinden, die dazu führen, dass nicht das beste, sondern das provisionsträchtigste Produkt verkauft wird.

 

„Keine Aktienquote bei Pension“

Großen Handlungsbedarf sehen die Studienmitautoren Alex Stomper (IHS) und Josef Zechner (Wirtschaftsuniversität Wien) bei der dritten Pensionssäule: Dort müsste die Eigenverantwortung der Anleger stark ausgebaut werden. Vorgaben wie eine fixe Aktienquote, die überwiegend durch Veranlagung an der Wiener Börse erreicht werden muss, seien nicht sinnvoll.

Anleger sollen selbst entscheiden, wie hoch ihr Aktienanteil sein soll – und es soll ihnen internationale Diversifikation ermöglicht werden. Stomper und Zechner wünschen sich auch Veranlagungsmöglichkeiten in „Sicherheitsportfolios“ (etwa gegen das Inflationsrisiko), lehnen aber nominelle Kapital- oder Mindestertragsgarantien ab. Jedenfalls müsse die Altersversorge deutlich transparenter gestaltet werden..

Ditz: „Die Krise hat das Vertrauen vieler Anleger erschüttert und gravierendes Fehlverhalten von Akteuren und strukturelle Schwächen offengelegt.“ Die sollten jetzt rasch beseitigt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2009)