Die Sprache der Schulreform braucht dringend eine Abrüstung

Zwischen Heilsversprechung und Rufmord: Nirgendwo werden Debatten destruktiver geführt als dort, wo das Wahre, Gute und Schöne beschworen wird.

Es waren junge Männer mit frisch gebügelten Hemden, die lässig Schubkarren vor sich herschoben. Sie fuhren mehr zum Vergnügen, und sie tranportierten Bücher. Schulbücher. Diese kippten die eleganten jungen Herren in den Straßenstaub. Es war auf dem Minoritenplatz. Fotografen schossen Bilder. Man schrieb den Juni 1994. Für mich war dieser Protest gegen die Schulbuchaktion ein Autodafé ohne Feuer.

Aber es war nur eine der vielen Aktionen vor dem Unterrichtsministerium. Ein Jahr später demonstrierten andere hier, gegen die Kürzung von Unterrichtsstunden. „Busek, du A..., wir blasen dir den Marsch“ war auf einem Transparent zu lesen. Farbbeutel, Eier und Tomaten trafen die Ministeriumsfassade. Eine Vizebürgermeisterin motivierte zu den Demonstrationen.

Wer glaubt, dass es sich bei diesen Protesten um Einzelerscheinungen handelt, irrt. Wahr ist, dass gerade in der Schulpolitik, in der man einen kultivierten Dialog aufgeklärter Individuen erwartet, eine Sprache der Herabsetzungen, Diffamierungen und Unterstellungen herrscht. Seit 100 Jahren hat sich daran wenig geändert.

Als Otto Glöckel nach dem Ersten Weltkrieg aus seuchenprophylaktischen Gründen die Sexualaufklärung in den Schulen einführte, wurde ihm nachgesagt, sinnliche Gelüste der Kinder zu wecken und Geschlechtskrankheiten zu fördern. Als man 1970 berufstätigen Müttern durch den Ausbau von Schülerhorten half, wurde unterstellt, das eigentliche Ziel sei die Entfremdung der Kinder von der Weltanschauung der Eltern. Das veranlasste den damaligen Unterrichtsminister, Leopold Gratz, zu der verzweifelten Frage, ob man wirklich von ihm glaube, er wolle die Kinder via Nachmittagsbetreuung zu Janitscharen erziehen?

Bei der Schulbuchaktion sprach man vom Wegwerfbuch: Dass die Bibel das meistbestellte Buch wurde und ausgerechnet ein sozialistischer Unterrichtsminister zur breitesten Verteilung der Heiligen Schrift seit Martin Luther beigetragen hatte, übersah man. Die „Medienkoffer zur Zeitgeschichte“ wurden zu „Rotkoffern“ gestempelt, denen ein „Sexkoffer“ folgte. Schüchterne Versuche, die Gruppendynamik in der Lehrerausbildung zu berücksichtigen, konfrontierte man mit der Behauptung, sie würde die Lehrer bis zum Selbstmord treiben.

Dem Verbot der körperlicher Züchtigung im Schulwesen hielt man in der Nationalratsdebatte entgegen, das Niveau der schwedischen Schulen sei seit dem Verbot „handfester Argumente“ drastisch gesunken. Schulversuchen zur Integration körperbehinderter Kinder wurde unterstellt, Schüler zu „Schulversuchskaninchen“ zu machen. So wie man hier die Assoziation zu Tierversuchen herstellte, sprach man beim Ausbau ganztägiger Schulformen von Zwangstagsschule und riskierte die Assoziation zur Zwangsarbeit. Die Lehrpläne seien randvoll mit Bildungsmüll, individualpsychologische Schulversuche führten zur Kuschelpädagogik, Schulneubauten seien Lernfabriken, der Taschenrechner ein Bildungsverfall, Schulverbünde Eintopfschulen, und überhaupt sei, so jüngst ein Massenblatt, die Bildungspolitik ein „staatlich organisierter Bildungsbetrug“.

Nirgendwo werden die rhetorischen Dreschflegel öfter geschwungen als in jenem Bereich, in dem es angeblich nur um das Wahre, Gute und Schöne geht. Gäbe es einen Pisa-Test für die Verhinderung und Diffamierung von Schulreformen, wären wir Weltmeister. Die Sprache der Schuldebatten ist aggressiver als jene der Finanz-, Kultur- oder Wirtschaftswelt. Sie hat eine Abrüstung nötig. Ihre rhetorischen Flächenbomben und Nebelgranaten gehören in das Heeresgeschichtliche Museum, Abteilung Bildungspolitik.

Angesichts der Pisa-Ergebnisse wünscht man sich einen Ruck wie das „Gemma's an“ des jungen Busek oder das, was einst ein sozialdemokratischer Hauptschullehrer namens Karl Raimund Popper gesagt hat: Optimismus ist Pflicht. Warum sollte nicht auch in der Bildungspolitik ein Vorwärtsschub möglich sein?

Zum Autor

Kurt Scholz war von 1992 bis 2001 Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit Anfang 2011 ist er Vorsitzender des Österreichischen Zukunftsfonds.

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