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Bobostan gegen Kapfenberg – das ist Brutalität

(c) Clemens Fabry

Linksliberaler Mainstream oder linkspopulistischer Realismus? Die Frage „Wie hältst du es mit dem Stammtisch?“ beschäftigt nun die Grünen.

So viel lässt sich sagen: Ohne Peter Pilz gäbe es keinen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen. Denn ohne Pilz hätte es auch keinen Grünen-Chef Alexander Van der Bellen gegeben. Es war Peter Pilz, der Van der Bellen Anfang der 1990er-Jahre zu den Grünen gelotst hatte – erst als Kandidat für das Amt des Rechnungshof-Präsidenten, dann als Nationalratsabgeordneten. Pilz war in den 1980er-Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter des Uni-Professors für Volkswirtschaft gewesen.

Welchen Anteil Peter Pilz letztlich am Wahlerfolg Alexander Van der Bellens hatte, darüber gehen die Ansichten auseinander. „Ich habe jetzt einen Beislwahlkampf geführt und bin nur in Lokale gegangen, bei denen ich mir sicher war, da sind keine Grünen drin“, sagt Peter Pilz. „Da spricht jemand, der vom Wahlkampf nichts mitbekommen hat“, sagt hingegen Eva Glawischnig, die Parteichefin der Grünen. Pilz habe weder „gespendet“, noch sei er sonst „in irgendeiner Weise sichtbar gewesen“.

Die Grünen haben ein „Stammtisch“-Problem. Vordergründig jedenfalls. Peter Pilz möchte, dass die Grünen nun vermehrt in die Wirtshäuser gehen und linkspopulistischer werden: „An jedem Stammtisch habe ich gehört: Die Großen kriegen immer mehr, und die Kleinen zahlen immer mehr. Niemand schert sich darum, und das ist das große Hoffnungsgebiet.“ Eva Glawischnig findet, es gebe ohnehin schon genug Populismus.

Wobei man hinzufügen muss: So volksnah wie in diesem Van-der-Bellen-Wahlkampf waren die Grünen ohnehin noch nie. Was Pilz allerdings meint – und damit hat er durchaus recht: Die Grünen müssten stärker und vor allem nachhaltiger aus ihrer Blase heraus – jener zwischen Karmelitermarkt und Naschmarkt-Umgebung, in der sich das linksliberale Bildungsbürgertum gegenseitig versichert, eh auf der richtigen Seite zu stehen. Dort, wo der Spalt zwischen weltoffen und weltfremd mitunter ein kleiner ist.

Peter Pilz, ein in der Wolle gefärbter Linker, ist heute ein Realo. So hat sich der gebürtige Kapfenberger etwa immer wieder hinter den in der Zuwanderungspolitik erfrischend realistischen ehemaligen Bundesrat Efgani Dönmez gestellt, der bei den Grünen umstritten war.

Diese Dissidenz lebt Peter Pilz innerhalb der Grünen schon lang. Ganz genau genommen und politischer Ideologie entkleidet, ist Peter Pilz eigentlich ein Egozentriker. Seine eigene Ein-Mann-Fraktion innerhalb des grünen Universums. Mitunter verrennt er sich auch, wenn er (vermeintlichen) Skandalen auf der Spur ist. Aber sein Ehrgeiz, sich in eine Sache zu verbeißen, ist auch eine Qualität, die dem Image der Grünen als Kontrollpartei lang zuträglich war.

Wobei sich hinter dem Bühnenstreit zwischen der Parteiführung und Peter Pilz noch einer hinter den Kulissen verbirgt: Vielen Grünen, auch Abgeordneten, ist die von oben verordnete Linie zu gestreamlined. Vor allem der nun abtretende Bundesgeschäftsführer Stefan Wallner galt diesen als Glawischnigs Rasputin. Entscheidend war auf einmal die durchgängige (Werbe-)Linie, auf deren flächendeckende Einhaltung größter Wert gelegt wurde. Da ging es weniger um Weltanschauung als vielmehr um Markenpflege.

Erstaunlicherweise bricht bei den Grünen der alte Konflikt zwischen Peter Pilz und der Parteiführung nun ausgerechnet nach dem größten Erfolg ihrer Geschichte – und ja, Alexander Van der Bellen hatte tatsächlich etwas mit den Grünen zu tun – auf. Ob weitere folgen werden? So paradox das klingen mag, auszuschließen ist es nicht, wie ein Blick in den aktuellen „Spiegel“ zeigt.

Dort heißt es in einer Jahresbilanz über die deutschen Grünen: „Winfried Kretschmanns Erfolg hat seine Partei in eine Identitätskrise gestürzt.“ Der baden-württembergische Ministerpräsident ist so etwas wie der Alexander Van der Bellen Deutschlands. Kretschmann sei nun „die eigentliche Kraft der bürgerlichen Mitte“. Und bei den Grünen sei es immer schwerer zu sagen, wofür sie eigentlich noch stünden.

Wohin sich die Austro-Grünen bewegen werden? Eine sinnvolle Kombination wäre es jedenfalls, den eingeschlagenen Weg in die Mitte mit (noch) ein wenig mehr Realismus zu verbinden.

E-Mails an: oliver.pink@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2016)