Schnellauswahl

Wenn Kratzen zur Krankheit wird

Themenbild: Dermatillomanie
Themenbild: DermatillomanieImago
  • Drucken

Rund 100.000 Menschen leiden in Österreich an Dermatillomanie, dem Zwang, sich zu kratzen. Streicheleinheiten können helfen.

Geschätzt mehr als 100.000 Menschen in Österreich tun es täglich: Sie kratzen, quetschen und zupfen an ihren Hautunebenheiten und gesunden Hautstellen bis Wunden entstehen oder Blut fließt. Die Symptome der Dermatillomanie (aus griech. Haut-Zupf-Besessenheit) sind augenfällig. Weitgehend ungeklärt ist die Frage nach der Motivation. Psychologen der Universität Graz betreiben Ursachenforschung.

Besonders häufig wird die Haut in Gesicht und Hals, die Kopfhaut, der obere Rücken, Arme, Beine, Hände und Füße mit den Fingernägeln, Zähnen oder auch Pinzetten malträtiert, weiß die klinische Psychologin Anne Schienle vom Institut für Psychologie der Universität Graz. Narben, eitrige Stellen, Infektionen und Gewebeschäden zählen zu den Folgen der exzessiven Bearbeitung der eigenen Haut, Wunden und Krätzen werden immer wieder aufgerissen. "Das Kratzen kann mehrere Stunden am Tag in Anspruch nehmen", schilderte Schienle.

Welche Stimuli sind relevant?

Zu den körperlichen Wunden kommen mit der Zeit fragende Blicke von Freunden, missbilligende Worte von engsten Angehörigen, Scham und Wut, dem unwiderstehlichen Drang nichts entgegensetzen zu können hinzu. "Zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung verspüren den Drang zum wiederholten Berühren, Kratzen, Quetschen und Reiben, manchmal geschieht dies auch unbewusst. Die Verletzungen werden von den Betroffenen selbst als lästig empfunden, viele verspüren Schuldgefühle aufgrund ihrer Verletzungen und ihres Verhaltens", schilderte Schienle. Bisherige Therapieansätze seien nur eingeschränkt wirksam, vielfach würden nur die Folgeschäden behandelt. Auf medikamentöser Ebene werden u.a. Antidepressiva eingesetzt.

Die Grazer Wissenschaftler versuchen der Haut-Kratz-Störung, die seit dem Jahr 2013 als eigenständige psychische Störung anerkannt ist und den Zwangserkrankungen zugeordnet wird, mithilfe der funktionellen Magnetresonanz-Tomographie (fMRT) auf den Grund zu gehen. Mit diesem bildgebenden Verfahren lassen sich Aktivitäten unterschiedlicher Hirnregionen beobachten und sichtbar machen. "Wir wollen unter anderem herausfinden, welche Stimuli relevant sind und welche Zentren im Gehirn besonders aktiv sind, damit wir die Gründe für die Störung besser verstehen. Denn die Kenntnis der Ursachen ist Voraussetzung für die Entwicklung geeigneter Therapieansätze", begründete Schienle den neurobiologischen Blickwinkel.

Streicheln kann helfen

"Wir haben im Sommer Teilnehmer für unsere Studie gesucht und sind mit Nachfragen überrannt worden", erzählte Schienle. Letztlich wurden 70 Patienten in die Studie aufgenommen. Die Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen zeigten, dass Betroffene auch zugleich Schwierigkeiten bei der Regulation von Gefühlen bei verstärktem emotionalen Erleben zeigen. Auch der auf die eigene Person gerichteten Ekel sei stärker ausgeprägt als bei nicht betroffenen Personen. Es zeigte sich aber auch, dass Streicheln den Drang zum Kratzen reduziert. Weiters haben die Forscher mithilfe des fMRT eine veränderte Repräsentation des Berührungssinns im Kortex ausgemacht.

Aus der Fülle der gesammelten Daten wurden erste therapeutische Ansätze abgeleitet. Demnach könnten das Training zur Emotionsregulation durch Distanzierungs-, Relativierungs- und Ablenkungstechniken, das Training von Alternativbewegungen wie beispielsweise das Streicheln, die Erhöhung der Selbstakzeptanz sowie Finger- und Handstimulation hilfreich sein. "Wir haben erste Ideen für Behandlungsansätze, sind aber noch weit von einem fertigen Therapiemanual entfernt", betonte die Psychologin.

(APA)