Die SPÖ demonstriert bei Schulbesuch „Mut und Kraft“.
Wien.Die Choreografie war perfekt: Schüler der 1D-Klasse standen als Begrüßungskomitee bereit, auch Unterrichtsministerin Claudia Schmied wartete artig auf das Eintreffen des Kanzlers im Wiener Amerlinggymnasium. Werner Faymann jedoch ließ auf sich warten, er saß da noch im nahen Kaffeehaus bei einer Besprechung. Erst mit etwas Verspätung konnte seine neue „Reform-Show“ beginnen.
Denn der Kanzler ist am Mittwoch angetreten, seiner Ministerin, die bei ihrer Bildungsreform gegen Gewerkschaft, Länder und Koalitionspartner ÖVP ankämpfen muss, demonstrativ den Rücken zu stärken. Geschlossenheit und Bürgernähe zeigen, lautet das Motto, das macht Faymann beim Pressegespräch in der überfüllten Schulbibliothek klar.
Für eine Schulreform benötige man „Mut, Kraft und Durchhaltevermögen“, sagt Faymann. Alles Eigenschaften, über die „Claudia“ verfüge. So nennt er die Ministerin, die sich ihrerseits für das formellere „Herr Kanzler“ entscheidet. Jetzt sei es Zeit, auch den Koalitionspartner und „alle jene, die sich uns in den Weg stellen, zu überzeugen“. Die SPÖ müsse der ÖVP „mit Schwung“ zeigen, wo es in Sachen Bildung hingehe. Und das ist nun mal Chefsache: „Das wird sicher nicht die letzte Pressekonferenz von Claudia und mir.“
Inhaltlich gibt es dann nur wenig Neues: Die Ministerin propagiert einmal mehr die Ganztagsschule, wie sie auch am Standort Amerlingstraße realisiert ist: Rund 850 Schulen bieten derzeit Nachmittagsbetreuung für 90.000 Kinder an. Am Ende der Legislaturperiode sollen es 120.000 Kinder sein, so das Vorhaben.
Dann wiederholt Schmied wie so oft ihre Kernbotschaft („An der Reform führt kein Weg vorbei!“), nimmt Anleihen an US-Präsident Barack Obama („Yes, we do!“) und zitiert den US-Automobilhersteller Henry Ford („Der Wohlstand einer Nation wird im Klassenzimmer entschieden.“) – bevor der Kanzler wieder groß in Aktion treten kann: „Und jetzt schauen wir uns die Schule an.“
Der Kanzler „ganz spontan“
Was folgt, ist besser als jede Politikerparodie im Fernsehen: Faymann stellt sich zu den Damen in der Schulküche, zuckert einem Schüler die Nachspeise und wünscht den angetretenen Kindern mehrfach „Mahlzeit“. Dann entscheidet er sich zu einem Abstecher auf den Sportplatz der Schule – „ganz spontan“, wie den Journalisten erklärt wird.
Auch ein Ständchen haben die Schüler für den Regierungschef vorbereitet: „New Soul“ von Yael Naim. Hängen bleibt da vor allem eine Liedzeile: „Weil du nicht verstehst, warum alles, was du gemacht hast, falsch war.“ Bleibt nur zu hoffen, dass da nicht die Bildungspolitik der Regierung gemeint ist.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2009)